Autos sind so ziemlich das Uninteressanteste, was es gibt. Okay, ich besitze eins. In Signalrot, damit ich es auf größeren Parkplätzen wiederfinde. Weil ich einen VW nicht von einem Audi und einen SUV nicht von einem Kleinbus unterscheiden kann.

Aber ich habe alle The Fast-And-The-Furious-Filme gesehen, manche sogar zweimal. Da werden illegale Straßenrennen gefahren (die meisten Leute wissen, dass man so was nicht zuhause machen sollte; es springt ja auch keiner von Brücken auf fahrende Züge), und die vollkommen überrüsteten Wagen, eigentlich eher Raketen, sind knallbunt, damit auch Kfz-Dummies wie ich mitkriegen, wer gerade als erster in die Kurve geht. Nach einer Rechnung der Los Angeles Times hat sich diese Serie in die Top Five der populärsten Film-Franchises geschmuggelt – hinter Schwergewichten wie Marvel-Kino, Star Wars, Bond und Potter. Und die Macher wissen, dass viele Zuschauer nicht wegen der Autos kommen. Ich zum Beispiel bin wegen Vin Diesel da.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Es muss die Szene in Teil eins gewesen sein, in der er als Star der Rennszene von Los Angeles in einer Werkstatt mit seiner Freundin Sex hat. Stiernackiger Super-Alpha-Typ, Mädchen im Tank-Top, Kotflügel, Schrauben, Öl – sind wir im Bahnhofskino? Nein, denn bei Diesel kann man damit rechnen, dass solche Arrangements anders aufgelöst werden als üblich. Er heißt hier Dominic Toretto, kurz "Dom" – wie der tonangebende Partner in einer BDSM-Beziehung. Aber er lässt sich umstandslos toppen von Michelle Rodríguez , die damals gerade als Boxerin in Karyn Kusamas preisgekröntem Girlfightins Kino geplatzt war und bis heute keine Gefangenen macht. Rodríguez zerrt ihrem Dom also das Hemd von den Schultern, bemerkt fürsorglich, dass er nicht immer den Taffen geben muss … und ein weiches, warmes Licht sorgt dafür, dass Diesels ausladende Schultern so schmiegsam wirken wie ein Mädchen-Dekolleté.

Auffallend multiethnische Besetzung

Die Fast-And-Furious-Produktionen überbrücken die Kluft zwischen Actionkino und Date Movie; sie spielen ironisch mit Machoklischees und achten darauf, dass die Frauen mitgenommen werden. Außerdem, das passt ins Bild, ist die Besetzung auffallend multiethnisch: Der vor drei Jahren gestorbene Paul Walker, Diesels Co-Star, war von Anfang an das "Weißbrot" in einem Ensemble, das hauptsächlich aus Italoamerikanern, Hispanics, Schwarzen, Asiaten und, inzwischen, dem kanadisch-afrikanisch-samoanisch-irischen Dwayne Johnson besteht. Das macht die Serie auf dem internationalen Markt extrem leichtgängig – und wird gern kopiert.

Vin Diesel ist die Marke, die alles zusammenfasst: Multikulti und neue Männlichkeit. Geboren 1967 als Mark Sinclair Vincent in Kalifornien, aufgewachsen in Greenwich Village, mit italienischen und afroamerikanischen Wurzeln, hat der Schauspieler ein interessantes Gespür für das Großstadtleben zwischen Kiffern, Losern, Cruising- und Kreativszene entwickelt – davon erzählt sein selbstinszenierter und -geschriebener Langfilm Strays von 1997, in dem er einen proteingestärkten, aber entnervten Aufreißer spielt, der mal zur Ruhe kommen will.

Anfang der 2000er war Diesel nicht nur der Star in The Fast And The Furious. Er hatte gerade die Scifi-Horror-Geschichte Pitch Black abgedreht, eigentlich ein B-Film, aber so smart und kompromisslos gemacht, dass Diesel den Part des charismatischen, mild cyborgischen Outlaws Riddick später noch zweimal aufnahm; ein neuer "Riddick" ist angekündigt. 2002 folgte dann der Agentenfilm xXx, und das wäre sein großer historischer Auftrag gewesen: Bond entmachten!

Samuel L. Jackson als Chefagent der NSA sagte es in xXx an: "Es ist Zeit für etwas Neues". Im Kino nebenan erledigte Pierce Brosnan gerade seinen vierten und letzten 007-Job im Nadelstreifenanzug; Tom Cruise hatte zwei Mission: Impossible-Filme hinter sich und überschritt die 40er-Marke … Würde uns bitte mal jemand aufwecken? Vin Diesel brachte ein vitaleres Modell ins Spiel. Sein Xander Cage war kein festangestellter Agent mehr, sondern ein "Freiberufler" – von Haus aus Extremsportler und nur vorübergehend vom Geheimdienst zwangsverpflichtet. So schien er auch weniger fürs Vaterland zu kämpfen als für die Jugendkultur, die Rapper, Gamer und Snowboarder. Xander hatte es nicht nötig, sich durch die pedantische Auswahl kultivierter Alkoholika als Mann zu legitimieren – sein Getränk war Himbeer-Soda, also PINK –, und er konnte seinen Blick so herunterdimmen, dass wir ihn mit unseren Töchtern zum Abschlussball geschickt hätten. Diesels Szenen mit dem Schurken Marton Csokas wirkten  – lange vor Bonds hingenuschelter "maybe bi"-Ansage in Skyfall – mindestens so heiß wie die mit Asia Argento: Auf beiden Seiten des Zauns zu spielen – das wäre für einen wie Xander kein großes Ding gewesen. Und dann war da dieser Mantel, so ein Siebziger-Jahre-Teil in Pelz mit voluminösem Schafwollkragen. Jeder kann in einem Anzug von Tom Ford etwas hermachen. Aber ein Pelzmantel? Dafür braucht man Eier.