In Berlin gibt es nur drei meteorologische Jahreszeiten. Sie entsprechen grob dem, was man anderswo Sommer, Herbst und Winter nennt, sind aber deren karikaturhafte Verzerrung, heillose Übertreibung und Steigerung ins Unzumutbare. Es ist treffender, sie stattdessen als Hitzewelle, Erkältungszeit und nicht enden wollende Dunkelheit zu bezeichnen. Sie wechseln einander übergangslos ab, es kommt also durchaus vor, dass man seinen Sonnenbrand mit Schnee kühlen kann. Oder man krault durchs Prinzenbad und – zack – zieht der Bademeister den Stöpsel, und man liegt plötzlich im leeren Becken, von Laub bedeckt. Die drei Berliner Jahreszeiten beginnen nicht, sie brechen über einen herein.

Und dann gibt es noch eine vierte, eine emotionale Jahreszeit, die man anderswo leichthin "Frühling" nennen würde. Aber das klänge ja viel zu lieblich für das, was sich hier ereignet. Die Berliner Saison zwischen arktischem Frost und saharischer Glut hat nichts mit ergrünenden Bäumen zu tun, nichts mit milder Luft und schon gar nichts mit Liebe: Sie ist der erbitterte Widerstand der Menschen gegen das Wetter.

Wenn sie alle Plätzchen vertilgt, alle amerikanischen TV-Serien geguckt und alle Entspannungsbäder genommen haben, spätestens Mitte Februar, kommen sie aus ihren Behausungen und beginnen, ihre Glieder zu strecken. Sie wenden das Gesicht der Sonne zu, die noch längst nicht scheint. Wie possierliche Nagetiere, die der Baulärm einer neu entstehenden Autobahn aus dem Winterschlaf gerissen hat. Und da sie schon mal wach sind, wollen sie sie jetzt auch erleben, diese Supersache, die ihre Freunde in München, Freiburg, zum Teil sogar in Osnabrück auf den verlockenden Namen "Frühling" getauft haben. Dass es immer noch dunkel ist, abgesehen von einer mickrigen halben Stunde um die Mittagszeit herum, in der nur derart funzelige Lichtverhältnisse herrschen, als hätte nachts jemand in einer weit entfernten Küche die Kühlschranktür offengelassen, bremst sie nicht in ihrem Drang nach Freiheit, Nacktheit und Vitamin D.

Die mitreißende Verachtung des Tatsächlichen

In leichten Blousons flanieren sie, als wäre er die Seine im Juni, am Landwehrkanal entlang, auf dem noch erfrorene Schwäne treiben, und lassen sich vom Ostwind auspeitschen. Sie sitzen unter Heizpilzen in den Straßencafés und trinken Sex on the Beach, mit dem letzten Schluck spülen sie die Tablette gegen die sich anbahnende Rhinitis hinunter. Sie rasen mit offenen Fenstern, aus denen Kopulationsmusik hämmert, die Skalitzer Straße hinunter, als führte sie zur Côte d'Azur und nicht bloß zum Kottbusser Tor. Sie spielen Boule mit blauen Fingern, schlecken Eis mit zitternden Lippen, schleppen sich durch Graupelschauer und rufen: Endlich!

Endlich, ja endlich ist der Verdruss groß genug, um dem Winter ins Gesicht zu schreien: Hau ab, du Sau! Mütter, halb wahnsinnig geworden vom knisternden Geräusch der Schneeanzüge, in die sie ihre weinenden Kinder ein halbes Jahr lang haben zwängen müssen, versammeln sich auf den frostweißen Wiesen der Hasenheide zum Yoga wie zur rituellen Vertreibung der Geister. Dreiviertelhosen tragende Väter zeigen stolz ihre neuen Wadentattoos, große Brüder schubsen ihre kleinen Schwestern in die Pfützen und triumphieren: Veronika, der Lenz ist da! Dass es morgen schon wieder schneien kann, ist jetzt nur noch eine letzte, alberne Hänselei des Winters.

Es ist diese mitreißende Verachtung des Tatsächlichen, die in Berlin die sogenannte warme Jahreszeit einläutet. Der "Frühling" ist hier Einstellungssache, schon wird auf zugigen Balkonen angegrillt. Nicht auszudenken, wozu die Menschen in der Lage wären, wenn ihnen nicht bereits Ende April die Hitzewelle wieder alle Kräfte rauben würde. Sie wären vielleicht sogar freundlich zueinander.