Von allen Gefühlen, die beim Blick auf das Weltgeschehen aufkommen, ist die Machtlosigkeit wohl eines der bestimmenden. Welche der Schreckensmeldungen, die durch die medialen Kanäle rauschen, greift man auf und widmet ihr mehr als ein paar Minuten Aufmerksamkeit? Wo kann man ansetzen, etwas zu tun, damit der Blick nach vorne hoffnungsvoller wird? 

Vielleicht sollte Engagement auch am Küchentisch beim Essen mit der Familie anfangen. Aus dem Blick nach vorne könnte der Blick zurück werden. Keine Geschichtsbücher, kein Internet, sondern zwei simple Fragen: Wer seid ihr und wer wart ihr? Denn ich bin ein Teil von euch. Eure Geschichte gehört nicht nur euch alleine.

Yael Inokai, 28, arbeitet neben ihrem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin als Fremdenführerin und freie Autorin in den Bereichen Prosa, Drehbuch und Hörspiel. Ihr Debütroman "Storchenbiss" erschien im Rotpunktverlag. © Claudia Brieske

Meine Großeltern sitzen schon lange nicht mehr an diesem Tisch. Augenscheinlich ist mir von ihnen nicht viel mehr geblieben als ein Ehering, ein paar Fotos und eine Handvoll Erinnerungen. Mein Großvater starb, als ich sechs war, meine Oma vier Jahre später. An sie erinnere ich mich hauptsächlich. Mit über achtzig Jahren unterrichtete sie noch Klavierschüler. Die sonst zittrigen Finger wurden ruhig, wenn sie sich auf die Tasten legen. Dann begannen sie zu tanzen. Ich sah staunend zu.

Der Krieg gehörte immer den anderen

Der Krieg war in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung höchstens eine abstrakte Sache. Abzeichen, die mein Großvater während seines Dienstes erhalten hatte, lagen in einer Büchse zwischen Altpapier und kaputten Kugelschreibern. Sie dienten mir als Spielzeug. Das junge Paar auf den Bildern an der Wand war in meinem Empfinden nicht aus Fleisch und Blut, sondern einem Film entstiegen. Die Uniform meines Großvaters wirkte wie eine Verkleidung.

Als ich ein Teenager war, sollten wir im Zuge des Geschichtsunterrichts an der Schule mit Zeitzeugen sprechen. Die Vorgabe war, dass es sich möglichst um nahe Verwandte handelte. Als wir dann die Ergebnisse vorstellten, war ich zugegebenermaßen erstaunt. Zwanzig Geschichten über Widerständige, Unbehelligte oder ganz und gar Unbeteiligte. Das schien mir sogar für die Schweiz, in der ich damals aufwuchs, und die sich noch immer in großer Distanz zum Zweiten Weltkrieg positioniert, ein statistisch unwahrscheinliches Ergebnis zu sein. Ich vermisste die Worte derer, die agiert hatten. Der Krieg gehörte offenbar immer den anderen. Es gab die Monster, und es gab die, die ihre Taten erdulden mussten. Dazwischen war nur Schweigen. 

Ich weiß wenig über die Rolle meines Großvaters im Krieg. Es gibt ein paar Fakten. Der Rest ist Interpretation. Er war Flieger. Eines seiner Kinder ist körperlich behindert zur Welt gekommen. Alleine schon diese beiden Tatsachen nebeneinander zu stellen, bereitet mir Kopfzerbrechen, weil ich nicht begreifen kann, was sie damals bedeutet haben und wo sich ihre Folgen bis heute niederschlagen.