Als das "Volk" Barack Obama anstelle von George Bush jr. gewählt hatte, war es vernünftig – nach der Wahl Donald Trumps gilt hingegen "Mehrheit statt Wahrheit" (Hermann Lübbe). Wählt das Volk "falsch", steigt das Interesse für Fragen der politischen Bildung kurzzeitig an. Mangelnde Bildung soll die lädierte Demokratietauglichkeit der politikverdrossenen und emotional unkontrollierten Bürgerinnen und Bürger erklären helfen. Die Motive, Bedürfnisse und Ängste der Letzteren zu verstehen, erscheint dann (sozial)psychologisch bedeutsam, damit zukünftig verhindert werden kann, dass allzu viele Menschen, die die gesellschaftliche Lage angemessen einzuschätzen offenbar nicht in der Lage sind, von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Für alle vorteilhaft wäre also, wenn sich vorwiegend die gut gebildeten, informierten und insgesamt besonnenen Bürgerinnen und Bürger politisch beteiligten, während sich die anderen besser zurückhielten – ein Lob der politischen Apathie der normalerweise "stillen" Mehrheit.

Der gute Ruf der Demokratie ist jung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sie sich einen so guten Namen machen, dass sie auch moralisch positiv konnotiert worden und in der Folge vielmehr Demokratiekritik suspekt geworden ist. Während es in der Vorkriegs- und Zwischenkriegszeit im Europa des 20. Jahrhunderts noch ohne Weiteres möglich gewesen ist, die demokratische Dimension des Zusammenlebens und Entscheidens in elitärer Manier zu kritisieren, etwa als "Kult der Inkompetenten", der eine egalitäre Kultur von Dilettanten hervorbringe und "wahre Bildung" zunehmend verdränge, wurde Demokratie im Anschluss an die Schrecken der politischen Tyrannei zur Hoffnungsträgerin auch im Erziehungs- und Bildungsdenken.

Dass "gute" Erziehung demokratisch zu sein habe, ist allerdings eine politisierte Wendung des pädagogischen Denkens, die alles andere als selbstverständlich ist. Warum sollte das Attribut "volksherrschaftlich" auch als Qualitätsmerkmal von Erziehungsprozessen fungieren? Hannah Arendt etwa lehnte die Idee einer Erziehung als Demokratie, aber auch für die Demokratie entschieden ab. In der Politik müsse immer von bereits Erzogenen ausgegangen werden, und wer "erwachsene Menschen erziehen will, will sie in Wahrheit bevormunden und daran hindern, politisch zu handeln". Die psychische Entwicklung erleide Schäden, wenn Kinder zu früh dem grellen "Licht der Öffentlichkeit" ausgesetzt werden, glaubte sie. Was zunächst wie ein romantisches Argument anmutet, ist tatsächlich die Einsicht in die Bedeutung einer klaren Trennung zwischen pädagogischem und politischem Denken: "Kinder zu behandeln, als ob sie Erwachsene wären", sei genauso unpolitisch wie Erwachsene erziehen zu wollen.

Der gute Ruf der Demokratie schränkt mitunter die Fähigkeit ein, sich der Voraussetzungen, der Kosten sowie der Ambivalenz dieser Staats- und Lebensform ernsthaft zu vergewissern. Aus dieser Skepsis nährte sich die alte Demokratiekritik, die diese Herrschaftsform letztlich nur aus Mangel an einer besseren Alternative gutgeheißen hat. Die hohen Anforderungen und Erwartungen an "die" Demokratie beziehungsweise das demokratische Leben schlagen sich heute in den Konzeptionen von staatsbürgerlicher, politischer und demokratischer Bildung und Erziehung nieder. Der mündige, sich für das Gesamtwohl einsetzende und am öffentlichen Leben teilnehmende Citoyen (im Unterschied zum bloßen Bourgeois) beziehungsweise der sich aus ethisch-moralischen Gründen einschaltende politische Mensch als ein moralisches Subjekt soll das Ziel von Erziehung und Bildung darstellen.

Trotz aller Evidenz und Bedenken ist die Vokabel der "aktiven Partizipation" in der politischen Bildung vor allem positiv konnotiert. Partizipation ist politisch und moralisch gut, scheint man hier zu wissen, und sie muss daher auch eine Aufgabe der öffentlichen Schule sein. Die entsprechende Pädagogik lautet: "Getting the students involved". Das "aktive Mitmachen" ist so wichtig, dass Fragen nach den Zielen und den Mitteln des Aktivseins nur nachgeschaltet interessieren. Partizipiert und aktiv mitgemacht wurde aber auch in der Hitlerjugend, dem Bund Deutscher Mädel oder später in der Freien Deutschen Jugend. Im Gegensatz dazu sind (politische) Partizipationsrechte bei gleichzeitigen Distanzierungsrechten in modernen Gesellschaften sicher hochzuhalten.

Dieser Artikel stammt aus der April-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Das pädagogische Partizipationscredo war und ist im deutschsprachigen Raum und in den Vereinigten Staaten verbreitet. So konnte sich "Politik" in Deutschland als Schulfach etablieren. Eine wichtige historische Voraussetzung ist in der "Re-Education" der damals jungen Bundesrepublik zu verorten, der Bestrebung also, "mit der die westlichen Alliierten nach 1945 eine demokratische Neuorientierung des Erziehungswesens in Deutschland durchsetzen wollten". Dass politische Bildung überhaupt ein Anliegen der obligatorischen Schule sein soll, stellt in anderen europäischen Ländern oder Ländergruppen keineswegs einen Konsens dar. Wo dies aufgrund von krisenhaften geschichtlichen Umwälzungen der Fall ist – etwa in der Bundesrepublik, in Frankreich, Spanien oder Griechenland –, wird politische Bildung begrifflich auch sehr weit gefasst, letztlich nicht "nur" als staatsbürgerliche, sondern auch als "soziale" beziehungsweise "moralische" Bildung. Schule hat dann auch die Aufgabe, die Voraussetzungen der individuellen Fähigkeiten für zivilgesellschaftliche Partizipation zu fördern – und dies wird mit politischer Bildung gleichgesetzt.

Ein Gang zur Toilette

Ein so weites Verständnis von "Politik" verliert seinen politischen Charakter, wiewohl es pädagogisch attraktiv erscheinen mag. Reduziert man die drei wesentlichen Paradigmen moderner Demokratietheorie – Liberalismus, Republikanismus und Deliberation – auf je einen zentralen Mechanismus der Sicherung des politischen Gemeinwesens, so kann behauptet werden, dass liberalistische Positionen vor allem auf den Nutzen von politischen und rechtlichen Institutionen verweisen; republikanische Positionen verweisen auf die Bedeutung der Tugendhaftigkeit der Bürgerinnen und Bürger, die sich als Gemeinschaft verstehen und des Mitgefühls fähig sind, und deliberative Positionen schließlich auf Prozeduren, die letztlich im Dienst (des Ideals) eines argumentativen Konsenses stehen. Dies sind Akzentuierungen: Institutionen, Tugenden und diskursive Verfahren schließen einander natürlich weder begrifflich noch faktisch aus.

Im Unterschied zu liberalen Perspektiven heben republikanische und deliberative Positionen die Bedeutung demokratischer Partizipationsformen hervor. Unter politischer Partizipation kann die Teilnahme, Herstellung und Aufrechterhaltung einer öffentlichen Sphäre verstanden werden. Ihr Komplement oder Gegensatz ist der Rückzug in die Sphäre des Privaten oder Intimen. Spätestens mit Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) oder auch Richard Sennetts The Fall of Public Man (1977) wurde das Verschwimmen der Grenzen zwischen diesen beiden Sphären diagnostiziert und insbesondere die "Privatisierung der politischen Sphäre" kritisiert.