Die Frau im Büro in den fünziger Jahren © George Marks/Retrofile/Getty Images

Der FBI-Agent Dale Cooper war in David Lynchs TV-Serie Twin Peaks nicht allein "verdammt gutem Kaffee" zugetan, sondern auch seinem Diktiergerät, das er sich unter sein imposantes Kinn hielt, als wolle er sich damit rasieren. Alle Beobachtungen und Einfälle rund um Laura Palmers mysteriösen Tod landeten auf den Minikassetten im Inneren des schmalen schwarzen Geräts, das er liebevoll "Diane" nannte.

Als sich im Sommer 1991 abzeichnete, dass Twin Peaks auch in Deutschland eine Riesensache werden würde, brachte Sony als Merchandising-Item ein Diktiergerät mit der Aufschrift "Diane" auf den Markt, das ein großer Erfolg wurde.

Nun hatte Dale Cooper eine Reihe seltsamer Angewohnheiten. Das Diktiergerät als Frau zu adressieren, war vor einem guten Vierteljahrhundert jedoch keine: Vollbetextete Bänder landeten allerorts in den Abspielgeräten der Sekretärinnen, die von diesen mittels Fußtaste vor- und zurückgespult werden konnten, während beide Hände damit beschäftigt waren, die mehr oder weniger bedeutenden Männerworte in die elektrische Schreibmaschine zu tippen – und das Zehnfinger-blind.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Triumph Adler produzierte in diesen Jahren eine beliebte Schreibmaschine mit Kugelkopf und automatischer Tipp-Ex-Funktion. Sie hieß "Gabriele", und es gab sie – mit jeweils neuen dreistelligen Zahlenkombinationen versehen – in mehreren Generationen. Das hatte sie mit dem ICE gemeinsam, der etwa zur selben Zeit wie die Gabriele 103 und Twin Peaks aufs Gleis gebracht wurde. In den Erste-Klasse-Abteilen saßen vor allem am frühen Morgen Männer in dreiteiligen Anzügen und pastellfarbenen Hemden. Sie rochen nach Antaeus von Chanel oder Grey Flanell von Geoffrey Beene und lasen den Wirtschaftsteil der FAZ.  Zwischendurch holten sie ihre Diktiergeräte aus mit Zahlenschlössern versehenen Aktentaschen und raunten Sätze in sie hinein. Einzig die Satzzeichen und die Ansage "Absatz!" wurden zackig gesprochen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das Semikolon.

Die wichtigen Geschäftsmänner schienen zudem kein großes Vertrauen in die grammatikalischen Fähigkeiten ihrer Sekretärinnen zu haben. So wurden nicht nur die Satzzeichen, sondern auch die sich anschließende Groß- und Kleinschreibung in der Regel mitdiktiert. "Nach Diktat verreist" stand nicht umsonst unter den vielen, "vorab per Fax" versandten, mit dem vorangestellten Kürzel i.A. von der Sekretärin unterschriebenen Briefen. "i.A." hieß: Mögliche Fehler hat nicht der Chef gemacht, sondern immer und in jedem Fall die Sekretärin.

"Ohne deine Mutter wäre ich verloren"

Ich saß in jenen Jahren im frühen ICE, weil auch ich eine Geschäftsfrau war. Natürlich mit Sekretärin. Ja, vielleicht hatte ich überhaupt nur eine Firma gegründet, um eine Sekretärin zu haben. Wenn ich als Kind nach meinem Berufswunsch gefragt wurde, lautete die Antwort stets: irgendwas mit Sekretärin. 

Meine Mutter war Sekretärin. Sie hatte nach der Geburt ihrer beiden Töchter ein paar Jahre ausgesetzt, kehrte jedoch nach meiner Einschulung an ihren Arbeitsplatz zurück, eine vis-à-vis vom Kölner Hauptbahnhof gelegene Anwaltskanzlei. Manchmal nahm sie mich mit und ich sah, wie sie mit Notizblock und Bleistift auf einem schmalen Sessel saß, während ein unendlich alter Mann aus der Tiefe des Raumes Worte sagte, aus denen sie auf ihrem Block Striche und Kringel formte. Einmal stand einer dieser Männer auf und winkte mich huldvoll heran. "Ohne deine Mutter wäre ich verloren", bekannte er, "sie ist meine rechte und meine linke Hand." Wie zum Beweis legte er mir beide Hände schwer auf die Schultern.

Ich sollte diese Worte nie vergessen. Nachdem ich beschlossen hatte, eine Firma zu gründen, gab ich als erste Amtshandlung eine Stellenanzeige für eine Sekretärin auf. Am besten gefiel mir eine Bewerberin mit pechschwarzem Haar und gelber Schlaghose. Sie hieß Susanna Türke und war Europasekretärin, konnte also bei Bedarf mehrsprachig tippen.

Fortan saß sie an der Gabriele 110 und tippte meine aus dem Modell Diane herausgepulten Kassetten ab, die ich meinerseits inmitten der duftenden Anzugträger besprochen hatte. Sie brachte jeden Morgen meine Lieblingsbrötchen aus meiner Lieblingsbäckerei Zimmermann mit und lachte viel. Alle hatten sie gern.