Jeden Morgen steht man auf, liest die Zeitung und denkt: Ach, ist noch gestern? Dann überprüft man Wochentag und Datum und stellt fest, dass wieder ein Tag ist, an dem Heiko Maas oder Renate Künast oder irgendwer anders meint, das Problem der hassenden Gesellschaften in den Griff kriegen zu können, indem man das Problem dort zu beheben versucht, wo man den Verursacher vermutet.

Dabei tragen nicht das Internet und seine daraus entstandenen Netzwerke Schuld daran, dass wir eine Gesellschaft der Hassenden geworden sind.

Am gestrigen Dienstag dem internationalen Tag gegen Rassismus twitterte Renate Künast

Wir brauchen auch im Netz einen respektvollen Umgang miteinander.

Die Verursacher der politischen Hassrede sind auch die Politiker selbst. Wer hat denn jüngst den Rassismus, den Menschenhass salonfähig gemacht? Diese Leute sitzen in Parlamenten. Die Netzwerke garantieren lediglich Redefreiheit. Beide, die Politik sowie Facebook, Twitter und YouTube verdienen am Kontrollverlust derjenigen, die über einen Internetanschluss verfügen. Sie verstärken die Enthemmung. Der eine generiert daraus Stimmen, der andere Klicks. Die Teilnehmer auf den öffentlichen Redeplätzen, die sich nicht mehr im Griff haben, genauso wie diejenigen, die es gerne zivilisierter hätten, spielen hierbei eigentlich nur die Rolle der Statisten.

Dabei könnten gerade diejenigen User, die vom Ton und Umgang im Internet angewidert sind, versuchen zu erkennen, dass sie nicht warten müssen, bis ein Politiker für sie einen Diskutierraum, ähnlich dem politischen Seminar an der Uni, organisiert. Denn Facebook, Twitter etc. sind profitorientierte Unternehmen.

Wie die Süchtigen

Und wie im Kapitalismus üblich entscheiden Angebot und Nachfrage über Verbleib und Position eines Unternehmens im Wirtschaftskreislauf. Es ist wie mit Colatrinken. Wenn du Angst vor Nebenwirkungen hast, bestellste halt Mineralwasser! Die einfachste Methode, Facebook zu domestizieren, wäre nämlich, das Produkt nicht zu verwenden. Gilt auch für über 300 Millionen monatliche Nutzer von Twitter. Einfach abmelden. Schon ist man nicht mehr Teil eines Vereins, der es ermöglicht, zuzuschauen, wie ein Haufen Leute sich in abstoßenden Bemerkungen gegenseitig überbieten und andere daraus politisches Kapital schlagen.

Die Vorstellung, nicht mehr mitzumachen und dem Mob sich selbst zu überlassen, scheint eine genauso schwerwiegende Entscheidung zu sein, wie die eines Süchtigen, der ständig behauptet, die Sache im Griff zu haben, jederzeit damit aufhören zu können, und doch nie auf den nächsten Schuss verzichten wird.

Trotzdem: Ein User oder Nutzer ist ein Konsument. Er hat ein stärkeres Instrument in der Hand als Heiko Maas mit seinen Gesetzesvorhaben. Nämlich die totale Freiheit zu entscheiden, ob er sich, seine Privatsphäre, seine Daten und seine Nerven sklavisch an ein Unternehmen abtritt oder es sein lässt.