Von österreichischen Zeitungen heruntergemacht zu werden, so kann man bei Thomas Bernhard in Meine Preise nachlesen, ist an sich überhaupt keine große Sache, da eh keine Überraschung. Die Niedertracht des Heruntermachens besteht darin, dass der Autor sie nicht lesen kann "an gehöriger Stelle, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern irgendwo links oder rechts unten, wo die Nichtswürdigkeit und Verachtung von jeher ihren Platz haben".

Die österreichische Schriftstellerin Stefanie Sargnagel war nun also gezwungen, links unten in der Kronen Zeitung, ein Blatt, dessen Mitteilungskultur sich zwischen Bluthochdruck und dem für Schnarcher typischem Aufröcheln nach Apnoe befindet, zu lesen, dass sie, die Sargnagel, erstens "unwichtig und unbedeutend" sei und zweitens, dass die Berichterstattung über ihren "Steuergeld-Kifferurlaub" in Marokko allgemeine Aufregung verursacht hätte. Das Allerwichtigste aber: Den Steuergeldsheriffs der Krone hatten sich nun ein paar Herrschaften aus der FPÖ angeschlossen. Sie fordern, und jetzt bitte tapfer bleiben, dass der Stadtschreiberin die Dienstwohnung gekündigt werden solle. Wie nennt man das, wenn einer trotz fehlender Erbsen anfängt zu zählen?

Der Vorgang selber sei der Vollständigkeit halber kurz referiert. Sargnagel hat wie österreichische Schriftstellergenerationen vor ihr vom Kultur- und Kunstministerium dreieurofuffzig Reisezuschuss bekommen. Es handelt sich wahrscheinlich um den gleichen "Auslandsreisezuschuss", den auch Bernhard mehrmals beantragte und über den er schrieb: "ihm verdanke ich mit Sicherheit zwei Italienreisen". Er freilich besaß die Anmut, die Subventionsleistung abzuholen, das Ministerium angewidert zu verlassen und die selbstherrliche Stumpfsinnigkeit der Beamten, die er zu hassen lernte, weil sie den schlechtesten Geschmack auf allen Gebieten der Kunst und Kultur hätten, den man sich vorstellen könne, in kleinen Notizen und Vermerken festuhalten. So weit, so bekannt. Bernhard und Sargnagel.

Gemeinsam mit zwei anderen Autorinnen reiste Sargnagel durch Marokko. Rauchten Gras, sie traten ein Katzenbaby zur Seite, trugen Minirock, waren willig und konnten sich zu ihrer großen Enttäuschung doch keiner sexuellen Berücksichtigung erfreuen. Die drei veröffentlichten das  Reisejournal im Wiener Standard. Jeder literarisch halbwegs gebildete Spießbürger weiß, dass man die wertvollen Einfälle für das Buch aufhebt und die anderen an eine Zeitung vertickt. So halten sich Autoren über Wasser. So etwas weiß man, es sei denn, man wählt FPÖ und liest Krone, was ja doch etwas grundlegend anderes ist als "der politisch interessierte Zeitungsleser".

Pure Zeitverschwendung, den Widerspruch zwischen einer "unwichtigen und unbedeutenden" Autorin und der detaillierten Berichterstattung über sie, ihre Stipendien und ihren Freizeitvertreib in eben der gleichen Zeitung auflösen zu wollen, denn wo ewige Finsternis herrscht, sucht man Sonnenlicht vergebens.

Ab zur Fußpflege

Trotzdem fühlt man sich von der Krone verarscht. Denn ihr Angriff versteckt sich pieselig im Meinungsartikel da unten und in der Randspalte da hinten. Entweder man macht die Chose glamourös mehrere Tage am Stück auf Seite eins auf und fordert wenigstens, dass der Sargnagel die Staatsbürgerschaft entzogen wird und jodelt das ganze Ding hoch, oder man behält gefälligst seine Walt-Disney-Version von Recht und Ordnung für sich und schickt seine Leser zum Fußpflegetermin, zur Physio oder wo man als Österreicher seine Krankenkassenbeiträge sonst noch so verballert.

Wie es sich für die abendländisch abgeklärte Hassschriftkultur gehört, folgten auf die halbherzige Berichterstattung an die Schriftstellerin gerichtete Vergewaltigungsverwünschungen und Vergasungsfantasien. Gelangweilt scrollt man sich durch die Zipfelhaftigkeitsprosa samt Syntax unter Alkoholeinfluss. Die Redaktion veröffentlichte noch die Adresse der Autorin und erweiterte den Aufruf um den Hinweis, dass sie schließlich "willig" sei. Pardon, schon erwähnt, dass die Sargnagel eigentlich auch eine politische Aktionskünstlerin ist, die sich intensiv mit Sexismus auseinandersetzt?

Der Kollege Alex Rühle von der Süddeutschen Zeitung machte sich die Mühe und las die ganze Ausgabe des  Standard, sinnigerweise handelte es sich um die Frauentagsausgabe, und er entdeckte in der Beilage einen Text von Arnon Grünberg, der gerade in einem Schlachthaus recherchierte und davon berichtet.

Der klingt so: Im Hotel wartete meine Verlobte auf mich. Inmitten der Blutlachen fasse ich den Entschluss, mit ihr Schluss zu machen. Dann überlege ich mir, dass ich sie eigentlich lieber totficken würde. Ich werde aus dem Bett ein Meer aus Därmen, Lungen, Nieren, Blut und Scheiße machen."