Ich traf Deniz Yücel im Dezember vergangenen Jahres während meiner Gastprofessur in Zürich. Wir waren beide zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Türkei eingeladen, er als Journalist, ich als Wissenschaftlerin. Deniz Yücel war direkt aus Istanbul nach Zürich angereist. Ihn zeichnet aus, worum ich ihn an dem Abend sehr beneidete: der unerschütterliche Glaube daran, dass die Dinge gut werden, gepaart mit einer kindlichen Unvoreingenommenheit.

Ich sehe die Dinge pessimistischer, aber hielt mich an diesem Abend mit düsteren Prognosen zurück. Meine Bitte an ihn, nach Deutschland zurückzukehren, da auch für ihn die Situation als Korrespondent in der Türkei immer schwieriger und gefährlicher werde, nahm er wohlwollend zur Kenntnis. Denn die beiden anderen Dinge, die Deniz Yücel auszeichnen, sind sein Ethos als Journalist und seine Liebe zur Türkei. Solche Arbeit erfordert Nähe, Begegnung und Engagement, nicht Distanz.

Die Politikwissenschaftlerin und Religionspädagogin Meltem Kulaçatan lehrt und forscht am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Im Wintersemester 2016/2017 war sie Gastprofessorin für Islamische Bildung an der Universität Zürich. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Deniz Yücel sitzt nun, wie viele andere Journalisten, in einem türkischen Gefängnis. Und die Türkei läuft Gefahr, sich in einen totalitären Staat zu verwandeln. Die administrative und politische Willkür im Ausnahmezustand trifft die Menschen unvorbereitet, und sie trifft jeden. Die offene Demontage der Institutionen- und Rechtssicherheit zerstört das Investitionsklima. Die massenhaften Entlassungen von Beamt_innen und Mitarbeiter_innen im öffentlichen Dienst haben schon jetzt zur Folge, dass die Verwaltung praktisch zum Erliegen kommt.

Feindliche Übernahme des Denkens

Auch die Universitäten sind Leidtragende: Studiengänge, Institute und ganze Fakultäten werden geschlossen, weil Wissenschaftler_innen entlassen wurden. Damit nicht genug: Menschen, die im Rahmen dieser sogenannten Säuberungsaktionen ihre Arbeit verlieren, haben unter den gegenwärtigen Bedingungen und mit Blick auf die Zukunft keine Aussicht auf eine neue Anstellung. Drohungen der Art, dass Wissenschaftler_innen mit ihrer Entlassung und dem Ende ihrer Karriere zu rechnen hätten, wenn sie die politische und gesellschaftliche Situation kritisieren, gab es bereits vor dem Putschversuch vom 15. Juli 2016. Die Lage hatte sich bereits vorletztes Jahr derart zugespitzt, dass Hochschullehrer_innen und Lehrkräfte stets mit Denunziationen durch ihre Studierenden oder Schüler_innen rechnen mussten. Fünfzehn Jahre AKP-Regierung, und zwar bis vor Kurzem eng mit Teilen der Gülen-Bewegung verflochten, haben in den jungen Köpfen und Seelen ihre Spuren hinterlassen.

Gegenwärtig wird die feindliche Übernahme des Denkens durch die Gesinnung fortgesetzt, etwa über die Revision der Curricula: Naturwissenschaftliche Fächer oder das Fach Philosophie werden zugunsten religiös ausgerichteter Fächer in ihrer Stundenanzahl beschnitten. Fächer wie Moral und Ethik werden zu Vehikeln des totalisierten Gesellschafts- sowie Menschenbildes. Sowohl der Republikanismus als auch der Laizismus sind zwar in der Präambel der türkischen Verfassung festgeschrieben, aber beide Bestandteile des türkischen Staatsverständnisses werden zugunsten eines autoritär und politisch islamistischen Staatsentwurfs verdrängt, und das unter völligem Verzicht auf einen erkennbaren theologischen Diskurs. Obwohl es Anknüpfungspunkte für islamische Theologie als kritisches Korrektiv aus den Erfahrungen der Transformationsgesellschaften nach dem Arabischen Frühling genügend gäbe.

Umkodierung staatsbürgerlicher Identitäten

Die gegenwärtige Entwicklung in der Türkei lässt sich freilich nur mit Blick auf die Geschichte seit ihrer Gründung im Jahr 1923 verstehen. Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich die Frage, inwieweit es sich beim Dekretismus zwischen Autorität, Seniorität und der Latenz des Beleidigtseins nicht doch um ein Problem handelt, das eine strukturell tiefere Ursache hat. Der moderne türkische Nationalstaat scheint per se in einem autoritativen politischen Selbstverständnis zu wurzeln. 

Zumindest eine psychologische Erklärung wäre hier schnell gefunden: In Mentalität und Gebaren der heutigen Türkei zeigt sich ein frustrierter imperialer Habitus ohne Imperium. Immerhin stellten die rabiaten politischen Umwälzungen der schulischen und akademischen Curricula auch nach der Gründung der Republik Türkei im Jahr 1923 drastische Umkodierungen der staatsbürgerlichen Identitäten dar. Die Geschichte des Osmanischen Reichs sollte für immer aus den Schulbüchern und aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden. Stattdessen trat der moderne Nationalismus auf den Plan, gepaart mit einer zwanghaft modernisierten Form der türkischen Sprache. Insofern ließe sich einfach feststellen, dass der gegenwärtige osmanische Revivalismus auch ein gutes Maß an Romantik bedient.