Ich sitze im Flugzeug nach Istanbul, übermüdet und unsicher, was mich erwartet. Gerade habe ich gehört, dass Geheimdienste ihre Mitarbeiter häufig als Passagiere getarnt losschicken, damit sie an Informationen ihrer Sitznachbarn kommen. Also habe ich mir vorgenommen, erst mal nicht zu reden. Andererseits, den Habitus meiner Sitznachbarin könnte selbst jemand vom türkischen Geheimdienst MIT nicht so professionell nachahmen: schwarze Leggins, weiter dunkelblauer Pullover und eine Mütze, die kurze schwarze Haare verdeckt. Als sie ihr iPad aufklappt, um eine Serie zu schauen, denke ich: Bu bizden (Sie ist eine von uns). Menschen, die beruflich oder privat mit Kunst und Kultur zu tun haben, erkennen einander. Ein globales Phänomen.

Azadê Peşmen arbeitet als Journalistin, unter anderem für Deutschlandradio Kultur. Sie lebt in Berlin, wo sie als Spoken-Word-Künstlerin auftritt und sich journalistisch und künstlerisch mit urbaner Kultur auseinandersetzt. Aus Sicherheitsgründen achtet sie darauf, dass es keine Bilder von ihr im Netz gibt. Sie ist Gastautorin von ''10 nach 8''. © el boum

"Sprichst du Türkisch?" Ich bin eingeschlafen und habe nicht gemerkt, dass das Flugzeug seit einer Stunde nicht vom Fleck kommt. "Ja", antworte ich. Wir beginnen ein nettes Gespräch. Ich hatte recht mit meiner Vermutung: Die junge Frau arbeitet freiberuflich in der Modebranche, trifft sich mit Kunden aus Portugal und Japan, um die neuesten Stoffe in die Türkei zu exportieren. Nebenbei doziert sie an einer privaten Universität in Istanbul. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, hat sich eine Nische geschaffen. Aber viele ihrer Kunden kommen nicht mehr nach Istanbul, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Warum? "Sicherheit", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Viele haben Angst vor Terroranschlägen, die mittlerweile nicht mehr nur den Südosten des Landes treffen, sondern auch Großstädte wie Istanbul und Ankara.

Irgendwann erzähle ich ihr dann doch, dass ich Journalistin bin, aber nicht vorhabe, in der Türkei zu arbeiten. Trotzdem bin ich nach zwei Minuten im Interview-Modus und frage sie, wie sich das öffentliche Leben in Istanbul in letzter Zeit verändert hat. Ich war schon lange nicht mehr dort, um mir ein eigenes Bild zu machen. Fühlt sie sich sicher? "Ich fühle mich nicht mal sicher, wenn ich auf der Straße laufe. Es ist so weit es gekommen, dass ich mich frage, ob es wohl sicher ist, wenn ich die Straßenseite wechsle."

Plötzlich bricht sie in Tränen aus, nimmt meine Hand und drückt sie fest. Im Laufe des Gesprächs entschuldigt sie sich mehrmals für ihr Weinen. Das sei doch kein Leben, sagt sie. Sie entschuldigt sich wieder und sagt, dass sie keine "negative Energie" reinbringen wollte. Ich erkläre ihr, dass ich gerade auf dem Weg zu einer Beerdigung bin.

Für eine Moment beruhigt sie sich, erzählt dann weiter unter Tränen, dass sie in der Silvesternacht, während der Anschlag auf den Istanbuler Nachtclub Reina verübt wurde, in Island gewesen sei und kaum Handyempfang hatte. So bekam sie die Nachricht erst spät mit. Sie habe sich tagelang nicht getraut, die Liste der Toten zu lesen, aus Angst, den Namen eines Freundes oder einer Freundin zu entdecken. Es werde immer schlimmer in der Türkei, dass Schlimmste aber sei, dass die Menschen nicht einmal merkten, dass das Land am Abgrund stehe. Nachrichten seien keine Nachrichten, man kriege ohnehin nichts mit. Im Südosten des Landes sehe es aus wie in Syrien, ganze Städte seien dem Erdboden gleichgemacht worden. Die einzige Möglichkeit, davon zu erfahren, seien soziale Netzwerke.

Aber auch das ist mittlerweile nicht so einfach. Bei jedem Anschlag verhängt die türkische Regierung eine Nachrichtensperre und drosselt die Breitband-Übertragung. Dann klappt es auch mit Twitter und Facebook nicht. Sich frei in sozialen Netzwerken zu äußern, trauen sich mittlerweile die wenigsten, denn wenn der Regierung etwas nicht passt, wird man nicht selten wegen eines unliebsamen Posts festgenommen.