Bence Horváth und Gergő Plankó sitzen im ehemaligen Wohnzimmer einer mittelständischen Familie. Die Redaktion von 444.hu hat sich in einer Altbauwohnung wenige Schritte von der Donau im Stadtteil Buda eingemietet. An den Wänden kleben Porträts des ungarischen Ministerpräsidenten und Fidesz-Vorsitzenden Viktor Orbán und seines liberalen Kontrahenten, des Milliardärs George Soros. Dazwischen: die blanken Brüste von Models. Man merkt, dass hier – bis auf die Textchefin – nur Männer arbeiten. Auf den Tischen liegen Kameras, Magazine und Schreibblöcke verstreut. Die schwarzen Tastaturen sind stark abgenutzt.

Angefangen habe er in einer noch kleineren Wohnung, erinnert sich Bence Horváth, sie hätten an einem einzigen Tisch gearbeitet, mit ihren privaten Rechnern. Er war einer von 15 Journalisten, die sich im April 2013 dem stellvertretenden Chefredakteur Peter Uj anschlossen und das Onlineportal index.hu verließen, das damals von einem Fidesz-nahen Geschäftsmann aufgekauft worden war.

Seither betreiben sie die Seite 444.hu. Auf der ungarischen Tastatur teilen sich die Ziffer vier und das Ausrufezeichen eine Taste. Das ist durchaus symbolisch gemeint: Die Journalisten wollen ein Ausrufezeichen in die Medienlandschaft Ungarns setzen.

"Es hat sich ausgezahlt"

Das EU-Mitglied Ungarn landet im aktuellen Pressefreiheits-Ranking von Reporter ohne Grenzen auf Platz 67 – zwischen Malawi und Bosnien-Herzegowina. "Ministerpräsident Viktor Orbán und die Fidesz-Partei haben seit ihrer Wahl 2010 die Medien Ungarns strukturell unter ihre Kontrolle gebracht", heißt es dort. Die meisten Redaktionen im Land werden zensiert oder zensieren sich selbst, das gilt für große Fernsehsender wie auch für kleine Regionalzeitungen. Entweder hängen Medienunternehmen finanziell direkt von staatlichen Subventionen ab, wurden von Fidesz-nahen Geschäftsmännern aufgekauft oder befürchten, dass große private und öffentliche Unternehmen, die Orbán politisch unterstützen, keine Anzeigen mehr schalten. Viele dieser Anzeigenkunden boykottieren 444.hu mittlerweile.

"Es war riskant und aufregend", sagt Horváth, wenn er über die vergangenen vier Jahre spricht. Aber auch: "Es hat sich ausgezahlt." Denn in Ungarn gibt es durchaus auch einen Markt für staatsferne Medien. Vor allem bei jungen Menschen ist 444.hu beliebt. Pro Tag besuchen im Schnitt 300.000 User die Seite. Bei einer Bevölkerungszahl von etwas weniger als zehn Millionen ist das viel. Die Leser schätzen vor allem ihre ironische Sprache und den speziellen Sinn für Humor. Wie bei einem Tumblr-Blog speisen die Redakteure lustige Videos und seriöse Nachrichten in einen Feed, stets mit einer persönlichen Note des verantwortlichen Redakteurs versehen. "Hyperpersonalisiert" nennt das der 32-jährige Gergő Plankó. Auf der Startseite sehen die Leser immer, wer gerade die Redaktion betreut.

Die Redaktion von 444.hu residiert in einer Altbauwohnung in Budapest. © Mohamed Amjahid

Da rollen auch schon mal süße Hundebabys über den Bildschirm als Anspielung auf Orbáns Lieblingstiere; in kurzen Videos machen sich die Journalisten über die Auftritte des Ministerpräsidenten auf dessen persönlicher Facebookseite lustig oder setzen Wladimir Putin, der als starker Partner Ungarns auftritt, eine lustige Sonnenbrille oder einen Hut auf. Doch der Humor soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Machern von 444.hu vor allem um kritischen Journalismus geht. "Die Mischung macht es: Unser Kerngeschäft sind am Ende des Tages doch die gut recherchierten Berichte", sagt Plankó.

Vor zwei Jahren deckten die Journalisten ein Netzwerk einflussreicher Geschäftsmänner und regierungsnaher Oligarchen auf; mit Scheinfirmen in Steueroasen und komplizierten Finanzkonstruktionen schleusten die Beteiligten Milliarden ungarischer Forint am Fiskus vorbei. Eine andere Recherche aus dem Jahr 2016 entlarvte eine Mafia, die das Drogen- und Sexgeschäft kontrolliert und die Straßen von Budapest bis heute unsicher macht – in Kooperation mit der Polizei und einigen Politikern. Diese und andere Berichte über die Verflechtungen von Regierung, Wirtschaft und organisierter Kriminalität lesen die Mächtigen in Ungarn nicht gerne. Droht also auch in Ungarn bald ein "Krieg gegen die Medien", wie er von Donald Trump aus dem Weißen Haus aus betrieben wird?

"Orbán ist nicht der ungarische Trump", sagt Gergő Plankó. Diesen Gefallen möchte er dem Ministerpräsident dann doch nicht tun, vor allem, da Orbán sich als großer Fan des US-Präsidenten zeigt. "Er versucht Trump zu imitieren, spricht immer von einer Rebellion gegen die Elite und ihre Medien. Dabei ist Orbán seit sieben Jahren selbst an der Macht und kontrolliert die meisten Medien." Während Trump gegen die Analysen und Meinungen der meisten US-Medien Politik macht, stimmen die Berichte der ungarischen Onlineportale, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender fast komplett mit den offiziellen Ansichten der Regierung überein.