Neulich, auf dem Spielplatz in Schöneberg. Ein dreijähriges Mädchen, nennen wir sie Leonie, nimmt den Rutschturm ins Visier. Die Rutsche ist für kleine Kinder viel zu steil angelegt. Trotzdem klettert Leonie mutig auf das Monstrum zu und schon ist es passiert: Sie ist auf dem Weg nach unten unglücklich umgekippt, landet auf dem Kinn und weint. Wie ein Hase springt ihre Mutter auf und hebt hastig ihre schreiende Tochter hoch. Trostküsschen werden verteilt, Kekse aus der Tupperdose geholt und Leonie auf dem Schoß hin und her gewiegt. Ein Liedchen später ist die Krise überstanden, doch auf die Rutsche darf Leonie nicht mehr: viel zu gefährlich.

Tags drauf, gleicher Ort, ähnliche Situation. Nur macht sich heute der gleichalte Leon auf den Weg zur Horrorrutsche. Auch er landet ungünstig im Sand und schreit. Der Rest der Szene läuft allerdings anders ab: Leons Mami schlendert zu ihrem verunglückten Sohn, hebt ihn auf, lacht, klopft den Sand von seiner Hose ab, checkt den Kleinen kurz ab und sagt: "Och, das ist doch nicht so schlimm!" Leon heult noch einmal kurz auf und trollt sich dann zurück zur Rutsche. Einen Moment lang drückt er sich um den Kletterturm herum, blickt ängstlich zur Rutsche des Grauens hinauf. "Versuch's doch nochmal", motiviert seine Mutter ihn. Etwas vorsichtiger wagt er es wieder und jetzt klappt es. Seine Angst wurde überwunden, bevor sie sich manifestierten konnte.

Sich das Knie aufzuschlagen gehört zum Jungensein dazu, genauso wie Schmerzen zu überwinden und den Heilungsprozess des eigenen Körpers verstehen zu lernen. Mädchen hingegen lernen, auf sich aufzupassen und Ängstlichkeit wird Teil ihres Selbstverständnisses. Dadurch entsteht ein Zerrbild: Jungenkörper werden robuster als Mädchenkörper wahrgenommen. Augenscheinlich kann Leonies Körper weniger wegstecken als Leons. Sie lernt, dass sie mit der ständigen Sorge um ihr fragiles System aus Organen, Haut und Knochen leben muss. Ihr Körper, der präsenteste Teil ihrer Identität, wird ihr größtes Handicap.

Neuerdings auch Pfefferspray

Wie tief sich diese schwammige Angst in den Alltag frisst und dort dauerhaft festsetzt, sieht man beispielsweise im lokalen Drogeriemarkt. Dort gibt es neben Schminkutensilien und Tampons neuerdings auch Pfefferspray zu kaufen. Das Bedürfnis nach Selbstverteidigung sei nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015 anhaltend gestiegen, heißt es bei dm. Neben der Angst vor Pickeln, Falten und Menstruationsblutflecken bietet das Drogeriemarktregal jetzt also auch Abhilfe bei der Angst vor Übergriffen.

Dabei ist Angst eigentlich nichts Schlimmes. Sie ist überlebensnotwendig, denn sie schützt vor tatsächlichen Gefahren. Nur wenn Menschen zu viele und unbegründete Ängste entwickeln, beschneidet die Angst unsere persönliche Handlungsfreiheit – die Waffe in der Tasche wird zum Symbol der gefühlten Sicherheit.

Schlimmstenfalls wird Angst zur Krankheit. Laut Statistiken fürchten sich vor allem Frauen. Eine Umfrage für die Bild am Sonntag kam zum Ergebnis: Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen (58 Prozent) denkt, dass öffentliche Orte heute nicht mehr so sicher sind wie früher. Ähnlich fällt das Ergebnis einer Umfrage für die NDR-Sendung Panorama aus, laut der sich immerhin 27 Prozent der Frauen unsicher fühlen – und nur 20 Prozent der Männer. Und eine globale Studie der Cambridge University zu Angsterkrankungen kommt zu dem Schluss, dass in den vergangenen Jahren doppelt so viele Frauen wie Männer an Angststörungen erkrankt sind. Warum ist das so?    

Miriam Stein, 1977 in Südkorea geboren und in einer deutschen Familie in Osnabrück aufgewachsen, arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin. Von 2004–2013 schrieb sie als freie Journalistin regelmäßig für die Wochenendbeilage der "Süddeutschen Zeitung", jetzt ist sie Kulturchefin der Zeitschrift "Harper’s Bazaar". Miriam Stein hat ein Theaterstück ("Black Tie", mit Rimini-Protokoll, 2008) und drei Bücher verfasst, letzten Herbst ist "Das Fürchten verlernen" bei Suhrkamp erschienen. © Rassmus Wenig Karlsen

Forscher fanden einen Lösungsansatz in den Genen, genauer gesagt in dem Komplex namens ESC/E(Z), der besonders stark mit der Ausschüttung von Östrogenen vor dem Einsetzen der Periode reagieren und damit Angstzustände auslösen soll. Dabei schwankt mit dem Zyklus nicht nur der Hormonspiegel, sondern mit ihm auch das Wohlbefinden, die nervliche Belastbarkeit, das eigene Weltbild. Dagegen hilft: die Antibabypille.

Für Frauen, die die Pille nicht vertragen oder diejenigen, die einen Kinderwunsch haben, werden fortlaufend Medikamente entwickelt, die Linderung versprechen, ohne den Eisprung zu unterdrücken. Für Dr. Michelle Craske sind Medikamente ohnehin keine Lösung. Auch PMS und Genkomplexe spielen für die Verhaltenspsychologin höchstens eine untergeordnete Rolle. Die gebürtige Australierin leitet das Angstzentrum an der renommierten UCLA in Los Angeles.

Panikattacken und Angstzustände

Schon im Jahr 2003 machte sie in ihrem Buch Origins of Phobias and Anxiety Disorders auf den Gender-Gap in Sachen Angst aufmerksam, zwölf Jahre vor der Flüchtlingskrise und der verheerenden Silvesternacht 2015. Craske fand heraus, dass Mädchen und Jungen zwischen dem dritten und zwölften Lebensjahr noch gleich viel Angst empfinden. Erst mit dem zwölften Lebensjahr driften die Zahlen auseinander – von da an entwickeln Mädchen öfter Panikattacken und Angstzustände als Jungen. Im Alter von 16 Jahren sind Mädchen sogar sechsmal so häufig gefährdet, eine Angstkrankheit zu entwickeln, wie Jungen.