Eine Stunde fahre ich vom Alexanderplatz mit der Tram nach Berlin-Hellersdorf. Mitten in einer Plattenbausiedlung findet die 3. Fightnight von ICH BOXE statt. Ich bin zum ersten Mal bei einem Boxkampf. Leonie Noll, eine Boxerin, hat mich mitgenommen. Die Szenerie ist in Neonlicht getaucht, es läuft Rap. Fünf Kämpfe oder mehr sind angesagt. Wir sitzen auf Holzbänken, essen Käsebrote, trinken Sekt, später Champagner. Das Ganze wirkt trotz aller Professionalität charmanter, improvisierter und herzlicher als im Fernsehen.

Kerstin Grether ist Schriftstellerin, Sängerin und (Popkultur-)Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Jugend für das Popkulturmagazin "Spex" und gilt als eine der Erfinderinnen des Popfeminismus in Deutschland. Sie singt, spielt Keyboard und schreibt Songs bei der Chansonrock-Band Doctorella. Kerstin Grether ist Gastautorin von "10 nach 8".

Vor den Duschräumen treffen wir die Mutter eines Boxers. Als der Sohn seinen Kampf macht, beobachte ich, wie sie nervös mit den Händen spielt. Als könnte sie jetzt noch eingreifen, zupacken. Wir drücken ihm spontan die Daumen. Es ist alles dasselbe hier, Amateur und Profi, Sekt und Champagner, Neonlicht und Rampenlicht. "Dürfen sie überall hinhauen?", frage ich Leonie. "Ja, alles, was über der Gürtellinie liegt, ist erlaubt." Ich bin fasziniert davon, dass die Jungs immer gleichzeitig mit Sich-Schützen und Zuschlagen beschäftigt sind. "Man muss ja immer eine Deckung haben", erklärt Leonie.     

Erweiterung der mentalen Grenzen

Der Boxsport ist von den muskulösen Bildern männlicher Boxer geprägt, die Strukturen sind besonders im Profiboxen auf Männer ausgerichtet. Trotzdem hat sich diese "anspruchsvollste und dümmste" aller Sportarten in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auch für Frauen geöffnet, gerade im Vereinsbereich. Oder vielleicht haben die Ladys sich den Boxsport auch einfach genommen, um seine legendären Hau-Druff-Qualitäten für Empowerment, Selbstverteidigung – und ja, auch für Muskelauf- und Fettabbau – zu nutzen. Sie kämpfen gegen einen Gegner, aber eigentlich gegen sich selbst. Für eine Erweiterung ihrer mentalen Grenzen. Oder schlicht for its own sake, wie mir immer mehr Freundinnen erzählen, die Mitglieder in Boxvereinen sind. Girls just wanna have fun. Auch beim Boxen.
Leonie Noll zum Beispiel. Sie hat mit 32 Jahren angefangen, Boxluft zu schnuppern und trainiert zweimal die Woche in einem gemischten Traditionsverein. Sie schwärmt von Selbstüberwindung und Balance. "Es geht ja nicht um Gewalt, es ist ein Spiel. Man denkt halt, man ist besser als die andere. Außerdem glaube ich, dass ich abends auf der Straße unerschrockener bin. Ich würde es mir auf jeden Fall zutrauen zurückzuschlagen, wenn mich jemand angreifen würde. Das ist als Reflex in mir."

Bis 1996 war das Frauenboxen in Deutschland offiziell verboten, als Grund galt die gesundheitliche Gefährdung der Boxerinnen, aber es gab auch ethische Bedenken. Im Profibereich haben Weltmeisterinnen wie Regina Halmich, Cecilia Braekhus und Nadja Loritz seitdem gezeigt, was alles geht. Dennoch bleiben sie extreme Ausnahmen.

Man muss schon hart sein

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Elisa Mishto, die seit 2009 zusammen mit Björn von Swieykowski das Festsaal Kreuzberg Boxing betreibt und als eine von mehreren Boxveranstaltungen die Kiezboxgala organisiert, zählt die harten Fakten auf: "Es gibt generell weniger Interesse an Frauenboxen im Profibereich. Das hat viele Konsequenzen für junge Boxerinnen, die sich in der Profiwelt beweisen wollen. Viel weniger oder gar keine Sponsoren, keine Perspektive für eine lukrative Karriere (viele Männerboxer haben das auch nicht, aber mindestens ist die Hoffnung auf einen Durchbruch da) und letztendlich auch weniger Gegnerinnen bzw. weniger Möglichkeiten, spannende Kämpfe zeigen zu können. Das ist leider ein großes Problem." Ein Problem, dem sich auch www.ichboxe.de stellt. Das von dem Dichter und Barbesitzer Johannes Finke ins Leben gerufene Internetmagazin mit dem ungewöhnlichen Untertitel Boxsport, Popkultur, Gewaltforschung und Stil hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, den 22-jährigen Ausnahmeboxer Jan Meiser zum Weltmeistertitel zu begleiten, sondern auch den Boxsport als Ganzes diskursiv zu erfassen; dem Sport eine (neue) Sprache zu geben und durch Texte weiblicher Autoren auch feministische Ansätze zu inspirieren.

Die Theaterwissenschaftlerin und Philosophin Alexandra Keiner etwa sucht den Vergleich mit einem Theaterspiel: "Sowohl für die Kneipenschlägerei als auch für einen Boxkampf gilt: Man muss schon ziemlich hart sein, um so viel Realität ertragen zu können. Doch ist die Realität des Boxkampfes eine andere. Er gleicht vielmehr einer Theatervorführung auf einer Bühne und mit einem Skript, das beim Boxen die Spielregeln geschrieben haben. Die Realität der Gewalt wird durchbrochen von ihrer eigenen Inszenierung, dem Spiel mit ihr und der Darbietung vor einem Publikum."

Apropos Publikum. Für mehr Profiboxerinnen bräuchte es auch mehr weibliches Publikum. "Die Gesellschaft muss Frauen als gleichberechtigt erleben", sagt Johannes Finke. "Dann kann es auch einen weiblichen Jan Meiser geben. Das passiert, sobald sich Mädchen mit Boxerinnen identifizieren." Genau dieses Phänomen hat Elisa auch beobachtet: "Bei einer Profiboxveranstaltung sind 95% Männer. Solange nicht mehr Frauen im Publikum sitzen, wird sich das Business nicht ändern. " Welche Frau keinen Bock hat, sich selber die Boxhandschuhe anzuziehen, kann auch einfach mal öfters beim Frauenboxen vorbeigehen.