1989 proklamierte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das "Ende der Geschichte". Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Auflösung der ideologischen Blöcke würden dem Siegeszug der Demokratie den Weg bereiten. Heute, mit dem zeitlichen Abstand von knapp drei Jahrzehnten, wissen wir, dass die Demokratisierung längst nicht so linear verlaufen ist und in einigen Ländern ein reaktionärer Rollback eingesetzt hat – man denke an die Türkei oder Russland.

Doch mit der Auflösung von Ideologien hat Fukuyama einen Prozess beschrieben, der erst heute klar erkennbar ist: Mit Emmanuel Macron und Marine Le Pen sind erstmals zwei Kandidaten in die Stichwahl der französischen Präsidentschaftswahl eingezogen, die keiner der etablierten Parteienfamilie der Sozialisten oder Gaullisten angehören. Die Parti socialiste ist mausetot, die Republikaner stehen mit ihrem skandalumwitterten Kandidaten François Fillon am Abgrund. Ausgerechnet Macron, der Rothschild-Banker mit den Maßanzügen, der Frankreich wegen des konfiskatorischen Steuersatzes ein "Kuba ohne Sonne" nannte, soll nun der Retter der Linken, ja der Republik werden. Als hätte es den Klassenkampf nie gegeben. Welch Ironie der Geschichte!

Donald Trump, der mit seinen Sympathien (und seiner finanziellen Unterstützung) für die demokratische und die republikanische Partei jonglierte wie mit Immobilien, brauchte keinen ideologischen Unterbau, um die Parole "Make America great again" auszugeben, die ja das Ziel formuliert, eine Nation aufzubauen, die den Mythos des Exzeptionalismus aktualisiert und beglaubigt. Es genügten eine banale Rhetorik und der orchestrierte Hass auf die Eliten in Washington, um das Rebuilding der Nation authentisch zu machen. Man nahm dem Erzkapitalisten Trump ab, dass er sich um die Belange der arbeitslosen Arbeiter in den deindustrialisierten Kohle- und Stahlrevieren im Rust Belt kümmerte, auch wenn die Geste, als er sich einen Grubenhelm aufsetzte, reichlich ridikül wirkte – und bloße Folklore war.

Die Anhänger der neoreaktionären beziehungsweise neurechten Strömung vom Programmierer Yarvin bis zu Trumps Chefstrategen Steve Bannon versuchen erst ex post eine Ideologie zu konstruieren, die in der Ablehnung der Gendertheorie und universalistischer Werte gründet.

Auch Russlands Präsident Wladimir Putin benötigt keine Ideologie, um den Mythos einer Volksgemeinschaft zu beschwören und die "verloren" gegangenen Völker nach dem Untergang der Sowjetunion ins russische Reich "heimzuholen". Sein aggressiver Militarismus ist letztlich auch eine Bewältigungsstrategie, den Phantomschmerz eines zerfallenen Imperiums zu überwinden. Der Sozialismus hat seine Legitimation verwirkt und wirkt als ideologische Klammer schon lange nicht mehr. Und auch Marine Le Pen ist ideologisch sehr flexibel. Man täte sich schwer, bei ihr jenen bleiernen Dogmatismus zu identifizieren, der noch für ihren poujadistisch-polemischen Vater kennzeichnend war.

Politische Positionen als Maskerade

Wir haben es heute mit Verfallsformen von Ideologien zu tun, die sich mit dem Zeitgeist und anderen Ideologien verschwistern, aber keine Ideologien mehr sind, weil sie keine Ideen haben, sondern nur noch performativ sind. Der Erz-Kapitalist Trump schwingt sich zum Arbeiterführer auf, und die Pariser Bobo Marine Le Pen gibt die Retterin der verhärmten Provinzler und Kleinbürger. Politische Positionen verkommen zur bloßen Maskerade.

Nun kann man einwenden: Das Ende der Ideologie ist ein erfreulicher Umstand, weil Ideologien – vom politischen Katholizismus über den Nationalismus bis hin zum Nationalsozialismus und Sozialismus – von totalitären Regimen instrumentalisiert wurden und für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich sind. Wo keine Ideologie mehr ist, könnte die Welt friedfertiger werden. Von Dostojewski stammt das Diktum, dass keine noch so verheißungsvolle Ideologie zu rechtfertigen sei, koste sie nur die Träne eines Kinds. Es scheint dabei eine Wahlverwandtschaft zwischen Ideologien und Autoritarismen zu geben, weil jede Ideologie begründungsfrei ist und als Herrschaftsvehikel Legitimation und sozialer Kitt zugleich ist. Doch nur, weil Ideologien an Bedeutung verlieren oder nicht mehr verfangen, muss das nicht heißen, dass es keine Autoritarismen mehr gibt. Im Gegenteil: Die autoritäre Versuchung ist so groß wie nie. Siehe Trump. Siehe Orbán. Siehe Le Pen.