Fast vergessen, aber es stimmt. Zur Geburt unserer Tochter im Jahr 1988 bekamen der Kindsvater und ich tausend Ostmark aufs gemeinsame Girokonto überwiesen. Für alles, was so ein Baby halt brauchte: Kinderwagen, Bett, Matratze, Windeln. Mein Mutterschutz betrug ein halbes Jahr – sechs Wochen vor und zwanzig Wochen nach der Geburt. Das bezahlte "Babyjahr" bei vollem Lohnausgleich hätte auch vom Vater des Kindes genommen werden können, wir waren ja verheiratet. Aber dazu kam es nicht mehr, wir trennten uns kurz nach der Geburt. Als am Ende dieses komplizierten Sommers mein Semester wieder anfing, bekam ich für das neun Monate alte Kind einen Kitaplatz in fünf Minuten Laufentfernung und zusätzlich zu meinen 200 Mark Stipendium fünfzig Mark Zulage, außerdem fünfzig Mark Kindergeld und einen Kohlegutschein. Eher selten trafen Unterhaltszahlungen ein; falls nicht, halfen meine Eltern aus.

Anja Maier, Jahrgang 1965, ist "taz"-Journalistin und Autorin. © privat

Man kann sagen, es war ein Leben auf niedrigem, aber okayem finanziellen Niveau. Und, dies vor allem, es handelte sich um ein soziales Gesamtpaket, das mit minimalem bürokratischem Aufwand verbunden war. Ich war nicht dankbar dafür, warum auch? Das Geld stand mir zu. Es wurde mir nicht gewährt, spendiert, zugestanden – oder wie auch immer man das nennen möchte. Mir begegnete auch kein Misstrauen, ob ich die Sache mit dem Kind auch allein packe. Ich war eine Mutter und damit ganz weit oben in der sozialen Hierarchie dieses ja sonst in vielerlei Hinsicht misstrauischen und rückwärtsgewandten Landes. Niemand fragte etwa je nach, wofür wir die tausend Mark ausgegeben hatten. Das Ganze ist mittlerweile so lange her, dass ich noch mal nachschauen musste – aber ja, so war es.

Nun, fast dreißig Jahre später, traf ich mich am Donnerstag vor Ostern mit einer Kollegin in der Elternzeit. Die Frau: glücklich, wenngleich den Umständen entsprechend ein wenig übernächtigt. Das Kind: reizend und duftig wie ein warmes Brot. Der Vater: im Büro. Wir aßen Pizza und ich fragte sie: "Was wünschst du dir im Wahlkampfjahr von der Politik?" Prompte Antwort: "Einen Kitaplatz."

Unwürdiges Gerangel

Es stellte sich heraus, dass das Elternpaar zwar feste Verabredungen mit den jeweiligen Arbeitgebern getroffen hatte, was ihren Wiedereinstieg in den Job anging. Dass diese Verabredungen aber momentan als nicht einzuhalten einzustufen sind. Denn quasi seit der Geburt des kleinen Jungen tingeln Mama und Papa durch die Kitas der Hauptstadt, wo sie wegen eines Betreuungsplatzes vorwinseln. Dafür, dass sie das Beste und Liebste, das sie haben, anbieten und herzeigen müssen wie überreife Ware, bekommen sie dann Absage um Absage. Manchmal nicht mal eine Antwort. Statt über die Krabbelfortschritte ihres Sohnes, drehen sich die Gespräche innerhalb ihrer sozialen Bezugsgruppe um Kitaplätze. Wo kriegt man einen her? Wie stellt man es am klügsten an? Wer kennt jemanden, der jemanden kennt? Und warum, verdammt, gibt es eigentlich keine zentrale Vergabestelle, um dieses unwürdige Gerangel zu vermeiden?

Der Berliner Kitaplätzemarkt ist in etwa so eng wie der Immobilienmarkt: Glücklich, wer doch noch was gefunden hat – die Bedingungen diktiert der Markt. Und wer es sich leisten kann, löst die Sache über Geld: mit einer privaten Nanny. Natürlich gibt es da immer auch diese alte Erzählung, nach der sich "am Ende schon irgendwas ergibt". Aber he, ist das der Standard, auf dem sich dieses Land familienpolitisch bewegen sollte? Und soll das so bleiben? Als eine, die mit dem Kinderprojekt durch ist, denke ich: Nun macht endlich mal hinne! Aber die Parteien machen nicht hinne, sondern einfach alles wie immer.

Die Union denkt über "Bildungskonten" nach, Horst Seehofer gar über einen Kinderwagen-Zuschuss. Die Grünen sinnieren über das "Familienbudget", das steuerlich entlasten und Armut verhindern soll. Die SPD kommt mit der "Familienarbeitszeit" um die Ecke. Und die Linke will das Kindergeld drastisch erhöhen, dort spricht man gar von "Infrastruktursozialismus".