Seit Jahrhunderten, im Grunde seit der Mensch den Zusammenhang zwischen dem sexuellen Akt und einer Schwangerschaft begriffen hat, macht er beziehungsweise vor allem sie sich Gedanken darüber, wie sie verhüten soll. Noch heute nimmt die Mehrheit der Frauen im fruchtbaren Alter verschiedene Formen hormoneller Verhütung in Anspruch. Eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2011 ergab, dass 53 Prozent der Befragten der 18- bis 49-Jährigen die Pille einnehmen und weitere drei Prozent andere hormonelle Methoden verwenden. Unter den 19-Jährigen schlucken gut 70 Prozent die Pille.

Lange Zeit galt die Pille als Instrument der sexuellen Befreiung. Doch hormonelle Verhütungsmittel bergen nicht unerhebliche Nebenwirkungen. Neben den Risiken tödlicher Thrombosen und Lungenembolien leben Frauen ganz selbstverständlich mit einer ganzen Bandbreite von Effekten. Darunter die Verminderung der Libido, die viele von ihnen, die die Pille bereits im Teenageralter verschrieben bekommen haben, erst bemerken, wenn sie die Pille absetzen.

Ich war 15, als ich sie verschrieben bekam. Für weniger Menstruationsbeschwerden, eine bessere Haut und einen "regelmäßigeren Zyklus". Einen Zyklus im eigentlichen Sinne gibt es unter Einfluss der Pille in Wirklichkeit aber gar nicht, weil sie schlicht eine hormonelle Situation schafft, die der einer Schwangerschaft ähnelt und so den Eisprung verhindert. Ausreichend aufgeklärt haben mich meine Ärzte weder über die Wirkweise noch über die Nebenwirkungen des Präparates. Ich nahm es 17 Jahre lang.

Die Pharmaindustrie beeinflusst die Libido der Frauen

Sabine Kray wurde 1984 in Göttingen geboren. Heute lebt sie in Berlin, wo sie als Autorin und Übersetzerin arbeitet und sich als Mentorin für junge Mädchen bei der Bürgerstiftung Neukölln engagiert. Ihr Debüt, "Diamanten Eddie", ist im Frühjahr 2014 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Rebecca Sampson

Sexuelles Begehren war für mich oft eine Kopfentscheidung oder brauchte einen Schubs von außen, eine Art Trigger. Einen spontanen Gedanken an Sex kannte ich lange nicht. Umso überraschter war ich, als ich vor einiger Zeit die hormonelle Verhütung absetzte und feststellte, dass man auch ganz und gar unvermittelt an Sex denken kann. Man kann als Frau so empfinden, wie der Volksmund es immer nur Männern nachsagt.

Ich begann, in meinem Freundeskreis herumzufragen und musste feststellen, dass es nicht nur mir so erging. Die eine mag mehr, die andere weniger von diesem Nebeneffekt der hormonellen Verhütung betroffen gewesen sein, Tatsache bleibt aber, dass die Pharmaindustrie Einfluss auf das sexuelle Begehren von Millionen Frauen nimmt. Frauen, die teilweise noch gar kein Gefühl für die eigene Sexualität haben, werden einem Arzneimittel ausgesetzt, das ihnen, im Gegensatz zu den Versprechungen der Industrie, bei der Erkundung der eigenen Sexualität alles andere als behilflich ist.

Ich gebe es zu, diese ganze Verhütungsdebatte klingt wie ein alter Hut, aber nicht, weil sie in der Zwischenzeit gelöst worden wäre. Wir haben uns die Münder wund diskutiert und sind immer wieder bei der Frage gelandet: Wann entwickeln die endlich diese verdammte Pille für den Mann?

Schon in den siebziger und achtziger Jahren glaubte man, von der "Pille für den Mann" nicht mehr weit entfernt zu sein. Schon bald würde sie zur Verfügung stehen, so hieß es in der Presse. Die Forschungen liefen. Im Jahr 2005 waren laut Ärzteblatt 50 bis 70 Prozent der Männer in den Ländern Europas, Nord- und Südamerikas, Australiens und Asiens bereit, neue Methoden zur Kontrazeption selbst anzuwenden. Im Jahr 2002 taten die Pharmaunternehmen Schering und Organon sich zusammen, um eine solche Methode gemeinsam zur Marktreife zu bringen. Eine Sprecherin von Schering gab damals die Einschätzung, dass das Produkt wahrscheinlich bereits 2010 in Apotheken zu erwerben sein würde. Im Jahr 2006 wurde das Projekt dann überraschend eingestampft. Überraschend kam es auch zum Abbruch einer großen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einer hormonbasierten Kontrazeptionsmethode für Männer im August 2011. Der Grund waren vermehrte Nebenwirkungen wie Depressionen, Gewichtszunahme oder Hautprobleme im Zusammenhang mit der Gabe von Testosteron-Gestagen-Kombinationen. Die Frage, ob diese Wissenschaftler sich einmal die Beipackzettel und Erfahrungsberichte zu den Antibabypillen der Frau angesehen haben, sollte erlaubt sein.

Ein gesunder Körper wird medikamentös behandelt

Warum wird sowohl öffentlich finanzierte als auch kommerzielle Forschung nach und nach eingestellt? Die Antwort auf diese Frage ist ebenso logisch, wie sie zornig machen kann. Bei Verhütungsmitteln handelt es sich um Arzneimittel, die an den gesunden Körper herangetragen werden. Damit ein Präparat für eine Genehmigung durch die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) infrage kommt, müssen die mit dem Mittel verbundenen Nebenwirkungen entsprechend minimal sein. Die zweite, für die Genehmigung entscheidende Voraussetzung ist seine Wirksamkeit. Da die Folgen eines Versagens weitreichend sind, muss eine Wirksamkeit erreicht werden, die der der Antibabypille zumindest nahekommt. Solange hormonelle Ansätze der Verhütung verfolgt werden, handelt es sich um ein Problem, das mutmaßlich nur mit einem weitaus größeren finanziellen Aufwand gelöst werden könnte.

Da alle bisherigen Versuche der WHO oder auch der Pharmaindustrie gescheitert sind, eine Marktreife für ein hormonelles Kontrazeptivum für den Mann zu erreichen, sieht die Pharmaindustrie wohl bislang keine Veranlassung dafür, ihr Geld weiterhin in ein solches Millionengrab zu schippen. Zumal sie ja noch immer sehr gut mit den hormonellen Verhütungsmitteln für die Frau verdient. Immerhin, gemeinnützige Organisationen und private Stiftungen investieren weiter in die Forschung, wenn auch in einem geringeren Umfang als zuvor. Ein hormonfreies Gel für den Mann, entwickelt von der Parsemus Foundation, zeigt in Studien mit Kaninchen und Affen vielversprechende Ergebnisse. Eine klinische Studie am Menschen steht noch aus.

Soweit zur Logik, nun zum Zorn. Wer sich den Katalog an mitunter sogar tödlichen Nebenwirkungen, die mit der Einnahme hormoneller Verhütungspräparate für Frauen einhergehen, einmal in Ruhe angesehen hat, muss sich fragen, wie solche Arzneimittel unter der genannten Bedingung der Unbedenklichkeit überhaupt auf den Markt kommen konnten. Denn auch bei der Frau wird mit der Pille keine Krankheit behandelt, sondern ein gesunder Körper ohne jeden kritischen Anlass einem Arzneimittel ausgesetzt. Nun haben die Pharmakonzerne von jeher die über die Verhütung hinausgehenden "nützlichen Effekte" der Einnahme dieser Produkte in den Vordergrund gestellt. Zunächst um die in der damaligen Gesellschaft vorherrschenden Ängste zu beschwichtigen, hormonelle Verhütung würde Sittenverfall und Ehebruch mit sich bringen, später um immer mehr Frauen mit dem Versprechen auf weniger Menstruationsbeschwerden, größere Brüste, bessere Haut, schönere Haare und einen "'regelmäßigeren Zyklus" zur Einnahme der Pille zu bewegen. Sicherlich ging es nicht zuletzt auch darum, das Bild vom "gesunden Körper", das die Begutachtung eines Arzneimittels durch die Ema prägt, zu unterwandern. Denn ist das Bild vom "mangelhaften" Frauenkörper erst einmal zementiert, fällt es nicht mehr schwer, die Behörden, wie auch die potenziellen Käuferinnen von der Notwendigkeit des Mittels zu überzeugen. Trotz der signifikanten Nebenwirkungen.

Ohne Frage hat die Pille das Leben von Frauen auf der ganzen Welt in vielerlei Hinsicht zum Positiven verändert, doch dieser Effekt kann nur im Vergleich zur vorangegangen Situation – in der Frauen über wenig bis gar keine Kontrolle über den eigenen Körper verfügten – als positiv angesehen werden. Wenn wir ehrlich sind, ist eine Situation, in der diese Kontrolle mit dem möglichen Verzicht auf körperliche Unversehrtheit und natürliche Libido einhergeht, inakzeptabel. Es drängt sich bereits seit vielen Jahren der Eindruck auf, dass hormonelle Verhütung für die Frau und die nachfolgenden Produkte für Frauen, ihre Zulassung bei Ema und der Food and Drug Administration (FDA) mehr ihrer Geschichte und ihrer Alternativlosigkeit als ihrer tatsächlichen Unbedenklichkeit zu verdanken haben.

Als Konsumentinnen bleibt uns eigentlich nur ein einziger Weg: Der Verzicht auf die entsprechenden Präparate, solange kein Mittel verfügbar ist, das unsere Körper in der gleichen Form respektiert, wie es von potenziellen Mitteln für Männer erwartet wird. So schwer uns das auch allen fallen mag. Sobald eine Situation geschaffen ist, in der wir kollektiv vor einem Vakuum stehen, wird die Pharmaindustrie alles dafür tun, uns als Konsumentinnen zurückzugewinnen. Oder eben unsere Männer.