Was passiert in den Köpfen der Menschen, in der Minute vor Bekanntgabe der Wahlergebnisse? Wie gehen sie damit um, wenn sich entscheidende Veränderungen für sie abzeichnen, in der Politik, für die Gesellschaft? Diese Fragen haben sich Mehdi Meklat und Badroudine Saïd Abdallah in ihrem zweiten gemeinsam verfassten Roman Minute gestellt. In sechzig Sekunden und sechzig Kapiteln sollen, so der Klappentext, "imaginäre Stimmen" des "tatsächlichen Frankreichs" hörbar werden. Eine journalistische Fiktion, eine fiktive Reportage, eine Reise in die Köpfe von Menschen, die die Ränder oder auch die vermeintliche Mitte der französischen Gesellschaft bewohnen.

Dementsprechend ist Minute ein vielperspektivisches Buch: Neben dem Kandidaten und der Kandidatin auf das Präsidentschaftsamt folgen wir einem Schriftsteller, der Mutter des Kandidaten, einem Kneipengänger, der sein gesamtes Geld auf den Sieg der Kandidatin gewettet hat, zwei Journalisten, die den Wahlabend moderieren, einem Obdachlosen, einer Wahlhelferin, drei Insassen einer Haftanstalt mit unterschiedlichem Werdegang, einem Uber-Fahrer, der mit der Frau, die er zum Flughafen bringt, ins nächste Flugzeug steigt, einem Mann, der gerade in Handschellen in den Senegal abgeschoben wird, und einer Familie aus einem südfranzösischen Dorf, die nach Paris gekommen ist, um den Sieg ihrer Kandidatin zu feiern. Selbst im Kopf von Rihanna verbringen die LeserInnen ein paar schlaflose Momente. Zudem sind alle ständig in Kontakt, schreiben Textnachrichten, Briefe an sterbende Eltern oder die Nation.

Lena Müller, geboren 1982 in Berlin, arbeitete als Bäckerin in Frankreich und studierte anschließend Kulturwissenschaften in Paris und Hildesheim. Sie lebt als Literaturübersetzerin und Rundfunkautorin in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Philippe Soubias

Diese Anlage ermöglicht, was sie verspricht: Vielstimmigkeit und ein gewitztes Spiel mit Wirklichkeitsebenen und Diskursen, wenn beispielsweise der prekäre Fahrer von Uber dem sich volksnah gebenden Journalisten seinem Wagen erklärt, dass sie zwar beide Befehlsempfänger seien, er aber mehr zuhöre als spreche, das sei der entscheidende Unterschied. Oder wenn der Schriftsteller sinniert: "Wir haben keine Zeit mehr, uns Zeit zu nehmen, wir müssen im Rennen bleiben, ständig außer Atem, uns durch die Zeitung blättern, bevor die nächste Ausgabe kommt, die Internetseiten aktualisieren, auf Twitter sein, Tweets lesen, Tweets schreiben, jede Sekunde, um zu existieren, um sich zu versichern: Ich bin da, ich lebe, niemand darf mich vergessen." Das liest sich schon wie eine halbe Erklärung, eine Zustandsbeschreibung der Autoren selbst. Twitter, das ist gewissermaßen die Erzählung hinter der Erzählung, der Hintergrund zum Buch.

Antisemitische Tweets

Mehdi Meklat und Badroudine Saïd Abdallah fingen als 15-Jährige bei Bondy Blog an, einem Blog, der während der Aufstände in den Banlieues 2005 gegründet wurde, von Schweizer Journalisten, die damals (als einzige) Räume in der Banlieue gemietet hatten, um von dort zu berichten. Der Blog wurde anschließend an eine Redaktion vor allem aus Jugendlichen aus der Banlieue übergeben, seither schreiben dort junge Autorinnen und Autoren über Orte, über die sonst nur von außen berichtet wird, Reportagen, Straßenumfragen, kurze kulturjournalistische Texte. Mittlerweile kooperiert der Blog mit der Tageszeitung Libération.

Das literarische Talent von Mehdi Meklat und Badroudine Saïd Abdallah wurde bald bemerkt und die beiden wechselten zu etablierten Medien. France Inter engagierte sie als Kommentatoren, für Arte produzierten sie einen Dokumentarfilm über den Abriss eines Plattenbauriegels in der nördlichen Banlieue von Paris. 2015 veröffentlichen sie ihren ersten Roman Burn Out, in dem sie den Fall des Arbeitslosen Djamal Chaar literarisch verarbeiteten, der sich 2013 vor dem Arbeitsamt in Nantes selbst verbrannte.

Zum Erscheinen ihres zweiten Romans Minute im Februar 2017 lud das Kulturmagazin Les Inrocks die beiden zu einem langen Interview mit der ehemaligen französischen Justizministerin und prominenten Rassismuskritikerin Christiane Taubira ein. Einen Tag später waren die beiden zu Gast in einer bekannten Literaturshow im Fernsehen. Eine Zuschauerin machte während der Sendung in den sozialen Netzwerken öffentlich, dass Mehdi Meklat über Jahre hinweg, von 2011 bis 2015, unter dem Pseudonym Marcelin Deschamps Tausende Tweets abgesetzt hatte, die antisemitische, homophobe, sexistische und sogenannte antifranzösische Beleidigungen enthielten. Nun hagelte es Kritik, Mehdi Meklat entschuldigte sich in einer kurzen Stellungnahme auf Facebook und Twitter und verließ das Land. Seitdem: nichts mehr.

Häme und Schulterzucken

Mehdi Meklat hat massenhaft beleidigende Kommentare verfasst und sie über Twitter öffentlich gemacht. Dafür wählte er ein sehr franko-französisch klingendes Pseudonym, das an den Konzeptkünstler und Wegbereiter des Dadaismus Marcel Duchamps erinnert, aber es scheint ihm nicht darum gegangen zu sein, den Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und die Homophobie der französischen Gesellschaft bloßzustellen. Vielmehr besteht er in seiner Entschuldigung auf Facebook darauf, dass es ein Spiel, ein Austesten von Grenzen war: "Bis 2015 verkörperte ich unter dem Pseudonym 'Marcelin Deschamps' auf Twitter eine schändliche, rassistische, antisemitische, frauenfeindliche, homophobe Person. Durch Marcelin Deschamps befragte ich den Begriff von Exzess und Provokation."