Es gab in den vergangenen Jahren kaum einen Begriff, der politisch so steil Karriere machte wie "postfaktisch". Das lag daran, dass er eine prägnante Erklärung für den globalen Aufstieg des Rechtspopulismus zu liefern schien. Und einerseits stimmt es ja auch: Der Erfolg von etwa Donald Trump und der AfD hat auch mit deren flexiblen Verhältnis zur Wahrheit zu tun. Andererseits verstellt die Fokussierung auf das Postfaktische den Blick auf einen anderen, möglicherweise zentralen Aspekt des Rechtspopulismus. Im Kern ist dieser nämlich weniger postfaktisch als präfaktisch.

Das reaktionäre Denken greift die pluralistische Demokratie vor allem an einem Punkt an. Und zwar an der Tatsache, dass diese nur über eine relativ abstrakte "Wir"-Erzählung verfügt. Garantiert die pluralistische Demokratie die freie Entfaltung des Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Glauben oder sexueller Orientierung, überlässt sie Identitätsfragen weitgehend dem Individuum. Anders gesagt: Die Grundlage des demokratischen "Wir" ist allein die Verfassung, nicht das Teilen einer Abstammung, einer Religion oder weltanschaulichen Haltung.

Was auf der einen Seite die fundamentale Voraussetzung für Freiheit und Gleichheit ist, zeigt sich in Krisenzeiten zuweilen als systemischer Wettbewerbsnachteil. Im Moment, in dem Identitäten vermehrt brüchig werden, sei es durch wirtschaftliche Krisen oder technologischen Wandel, verfügt die pluralistische Demokratie nicht über die ideologische Füllmasse einer "höheren Idee", um diese Brüche zu kitten.

Angst vor dem dekadenten "anything goes"

Genau an dem Punkt setzt das reaktionäre Denken an. Schon seit der Gegenaufklärung des 18. Jahrhunderts zeichnet es sich durch eine radikale Kritik am kalten, zersetzenden Rationalismus der Moderne aus. Von Edmund Burke über Joseph de Maistre bis Carl Schmitt besteht die Grundidee, grob gesagt, darin, dass der Mensch, dieses sündhafte Mängelwesen, vom dekadenten anything goes bedroht wird. Dort, wo sich Universalismus und Humanismus ungehindert Bahn brechen, wo Autorität, Tradition und Hierarchie schwinden, verfalle der Mensch der Hybris und gleiten Gesellschaften ins Chaos. Deshalb brauche das Subjekt eine höhere, schicksalhafte Idee, der es sich buchstäblich unterwerfen kann.

Ein aktuelles Beispiel dieses Denkens konnte man jüngst in der ZEIT lesen. In einem Essay beklagte sich der Dramatiker Botho Strauß über den "Kitsch der Menschenrechte" und die "billige Rationalität" der Gegenwart, denen man den Glauben an das "Unerreichliche" entgegensetzen müsse. Dementsprechend gipfelt der Essay in der raunenden Forderung: "Was der Romantiker gegen die beginnende Industrieepoche war, muss der poetische Myste gegen die amusische Intellektualität der Wissensgesellschaft sein." 

Bei Strauß wird deutlich, dass reaktionäres Denken zuvorderst eine Art reflexiver Irrationalismus ist. Das heißt: Ein Irrationalismus, der sich nicht einfach aus Unwissen oder Verblendung speist, sondern aus dem Bedürfnis nach der Erklärung durch das Unerklärliche. Es ist der Glaube an etwas Höheres, das rational eben nicht zu fassen sei. Oder anders gesagt: Es ist politische Mythologie. Während dieses Höhere bei Strauß jedoch noch im Ungefähren bleibt, wird es im rechtspopulistischen Diskurs sehr konkret.

Das zeigt sich etwa bei Götz Kubitschek, dem hierzulande vielleicht einflussreichsten Denker der neuen Rechten. Der Historiker Volker Weiß schildert in seinem jüngst veröffentlichten Buch Die autoritäre Revolte, dass Kubitschek ganz offen zugibt, dass ihn Nebensächlichkeiten wie Wirtschafts- oder Sozialpolitik überhaupt nicht interessieren. Kubitschek sagte: "Das ist mir völlig egal, wenn ich über den Zustand der deutschen Seele nachdenke oder den Zustand der Tiefenstruktur unserer Psyche unseres kulturellen Dasein. […] Das ist die eigentliche Substanz des Volkes."