Es ist schon ein paar Jahre her. Nathalie* saß auf einer Liege in einem überhitzten Arztzimmer in Dheli. Sie fühlte sich elend, irgendwie weit weg von allem, nicht mehr wie sie selbst. Der indische Arzt wischte mit einem schmutzigen Lappen ein antiquiertes Quecksilber-Fieberthermometer ab und steckte es ihr ungefragt in den Mund. Dann schaute er sie an. Vielleicht hatte sie noch nie jemand so angeschaut. Er schaute neugierig, offen, unvoreingenommen in ihr Gesicht.

"Do you have stress?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Is there anything laying on your soul, which is heavy?"

Sie schüttelte wieder vehement den Kopf. Er sollte ihr einfach schnell ein Medikament verschreiben. Und hier keinen Psychoquatsch mit ihr anfangen. Nathalie war sich sicher, dass sie Malaria hatte. Oder etwas noch Schlimmeres. Sonst würde es ihr ja nicht so schlecht gehen.

Der Arzt schaute gelassen auf das Fieberthermometer. Er lächelte.

"It's fine."

Dann schaute er ihr wieder in die Augen. Eine leichte Besorgnis zog wie eine Wolke zwischen seine Augenbrauen. Er gab Nathalie die Hand. Und während sie die Praxis wieder verließ, sagte er: "Little Miss from Germany! You have to face it."

Julia Zange, Jahrgang 1983, lebt und arbeitet in Berlin als Autorin und Schauspielerin. Gerade schreibt sie an einem Kurzgeschichtenband aus der Hundeperspektive und ist Teil des Web-Serien-Projekts "Translantics". 2016 erscheint der Kinofilm "Mein Bruder Robert ist ein Idiot", in dem sie die Hauptrolle spielt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Joseph Wolfgang Ohlert

Dieser Satz hallte noch lange in ihrem Kopf nach. Als sie etwas später mit Verdacht auf eine Schwermetallvergiftung im Krankenhaus lag; als sie wieder zurück in Deutschland auf verschiedenen Stühlen saß, im Gespräch mit verschiedenen Psychotherapeuten, mit denen sie ihre Symptome besprach, die sie schon seit vielen Jahren hatte, aber die während ihres Backpacking-Trips durch Indien auf einmal explodiert waren: Dieses wolkige Gefühl. Von allem sehr weit entfernt zu sein. Die Taubheit. Die Lähmungserscheinungen. Die Albträume und Panikattacken. Das Gefühl, dass ihr Körper sich wie ein zerstörtes kubistisches Picasso-Gemälde anfühlt. Die Symptome begleiteten sie wie ein Schleier, den sie jeden Tag hinter sich her zog. Und der alles etwas schwerer machte. 

Er dreht den Schlüssel um

YOU – HAVE – TO – FACE – IT. Aber was sollte sie denn "facen"? Es gab doch gar kein offensichtliches Problem in ihrem Leben.

Nichts half ihr. Keine Antidepressiva, keine Neuroleptika, keine Tranquilizer, keine Psychoanalyse, keine Konzentrative Bewegungstherapie. Nur Ablenkung half ein bisschen. Also stürzte sie sich nach ihrer Masterarbeit auf die Doktorarbeit, obwohl sie gar nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Sie machte einfach weiter. Immer geradeaus. Wie ein kleiner genügsamer Roboter.

Vor circa einem Jahr hatte sie ein Vorstellungsgespräch. Sie war nicht besonders aufgeregt, vielleicht ein bisschen gestresst. Eine Stelle in der Öffentlichkeitsarbeit für eine Non-Profit-Organisation. Ein freundlicher, gut rasierter Herr empfing sie und führte sie in sein Büro. Die Sonne schien durchs Fenster, an den Wänden hingen Poster mit Eisbären. Einer der Bären aß eine Banane. Aus irgendeinem Grund drehte ihr Gesprächspartner den Schlüssel einmal um, als er hinter ihnen die Tür schloss. Nathalie setzte sich. Der Herr wirkte professionell, lächelte charmant, er nannte sie immer mal wieder bei ihrem Namen. "Frau Hartwig, das freut uns sehr."

Nathalie antwortete, aber etwas hatte in ihrem Inneren eingeschlagen. Ihr Herz pochte. Sie hatte Todesangst und das Gefühl, gleich vergewaltigt zu werden. Ihr Kopf sagte: Beruhig dich. Das ist ein Vorstellungsgespräch. Alles total harmlos. Der Typ hat aus Versehen die Tür abgeschlossen. Ihr Körper sagte: Schnell raus hier. Beweg dich. Sonst stirbst du.

Ein Licht, ein Geruch

Wie in Trance hielt sie die dreißig Minuten durch. Der Herr im Anzug entließ sie wieder in die Freiheit. Er würde sich melden, aber sei optimistisch. Nathalie beruhigte sich ein wenig. Auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn passierte es dann. Als hätte sich eine Tür in ihrem Inneren geöffnet. Etwas schoss wie heiße Lava nach oben. Eine brachiale Gewissheit rastete in einer dafür vorgesehen Stelle ein: Er hat mich vergewaltigt. Sie sah ihr altes Kinderzimmer. Ein Licht, ein Geruch. Sie brach vollkommen ein in dieses Gefühl, das sie jetzt umschloss, verschlang. Sie rutschte durch die Tür. Ein metallisches Gefühl zog ihren Nacken hinauf. Nathalie hatte Angst, dass sie jetzt nie wieder zurückkommen könnte. Als würde jemand mit Metall in ihren gesamten Körper eindringen. Der Druck war so groß. Für einen Moment dachte sie: gleich zerspringt meine Persönlichkeit.

Das kann nicht sein! Das bildest du dir ein, sagte ihr Kopf. Dein Vater würde so etwas niemals tun. Er liebt dich.

Du weißt es ganz genau!, rauschte ihr Körper.

So etwas passiert nur in Horrorfilmen, erhob sich der Kopf.

Es war in deinem Kinderzimmer, wusste der Körper.