ZEIT ONLINE: Am Sonntag wurde in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahl entschieden. Die nächste Runde folgt am 7. Mai. In der Zwischenzeit werden wir aber verlässlich mit Zahlen versorgt: Ganz selbstverständlich werden vor Wahlen heute Wahlprognosen veröffentlicht.

Denis Bonnay: Es steht außer Frage, dass Umfragen bei Wahlen eine immer größere Rolle spielen. Dies ergibt sich aus einer doppelten Steigerung von Angebot und Nachfrage. Das Angebot wird immer größer, weil es immer billiger wird, Meinungsumfragen durchzuführen. Außerdem haben sich in der Meinungsforschung durch die neuen Medien nie dagewesene Möglichkeiten aufgetan, die über den eigentlichen Rahmen der Umfrage weit hinausgehen, wie das Beispiel der Twitter-Barometer zeigt. Gleichzeitig nimmt aber auch die Nachfrage zu. Denn Meinungsumfragen ermöglichen den Medien, den Wahlkampf wirkungsvoll zu inszenieren – indem sie eine Geschichte erzählen, in der ein Kandidat "arge Verluste erleidet" oder ein anderer seinen "Siegeszug antritt".

ZEIT ONLINE: Durch Wahlen werden kollektive Entscheidungen hervorgebracht, Umfragen sollen die Entscheidungen vorab sichtbar machen. Das war und ist die Grundunterscheidung zwischen Wahlen und Umfragen, obwohl in beiden Fällen die gleiche Entscheidung abgefragt wird. Doch als Wähler richtet man sich nicht nur nach den eigenen politischen Überzeugungen, sondern auch nach den Umfragewerten. Lässt sich die Eingangsunterscheidung heute überhaupt noch aufrechterhalten?

Bonnay: Meinungsumfragen spielen im Vorfeld politischer Wahlen eine ambivalente Rolle: Sie beschreiben eine Realität – die Wahlabsichten –, doch in dem Maße, wie sie diese Realität öffentlich abbilden, tragen sie auch dazu bei, die Wirklichkeit zu verändern. Meine eigene Wahlabsicht wird möglicherweise von der Tatsache beeinflusst, dass ich mit einiger Wahrscheinlichkeit weiß, wie sich andere Wähler entscheiden werden.

Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, Meinungsumfragen seien ihrem Wesen nach demokratiefeindlich. Umfragewerte sind zunächst einmal nur ein zusätzliches Wissen. Und Zusatzinformationen sind nichts Verwerfliches, im Gegenteil. Ein Problem entsteht allerdings dann, wenn gewisse Informationen viel mehr Aufmerksamkeit erhalten als andere. Stellen Sie sich vor, Sie müssen zwischen zwei Sorten von Keksen wählen, und Sie bekommen lediglich die Kalorienanzahl genannt. Sie wissen nichts über die jeweilige Geschmacksrichtung. Dann wird sich Ihre Entscheidung nur an diesen Kalorienwerten orientieren. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass sich nur zwar wenige Menschen für kompetent genug halten, um abzuschätzen, ob das Wirtschaftsprogramm von Emmanuel Macron besser oder nachhaltiger ist als die Vorschläge des bereits ausgeschiedenen konservativen Präsidentschaftsanwärters François Fillon, der ähnlich gelagerte wirtschaftliche Reformen in Aussicht stellte. Doch fast jeder Wähler spricht sich die Fähigkeit zu, ein Urteil über die jeweiligen Siegeschancen der Präsidentschaftskandidaten zu fällen. Wir tendieren dazu, unsere Wahl ausgerechnet von den Kriterien abhängig zu machen, die am einfachsten zu vergleichen sind. Anders ausgedrückt: Das Problem ist nicht, dass Meinungsumfragen unzuverlässige Informationen liefern, sondern vielmehr, dass wir andere sachdienliche Informationen aus dem Blickfeld verlieren.

Denis Bonnay ist Mathematiker und Philosoph. Er ist Juniorprofessor an der Universität Paris Ouest 10 Nanterre, wo er unter anderem Logik und Wissenschaftstheorie lehrt und der Frage nachgeht, wie gemeinsame Entscheidungen zustande kommen. © privat

ZEIT ONLINE: Es gibt noch einen weiteren Effekt von Meinungsumfragen: Aufgrund des Wissens um die vermeintliche Wahrscheinlichkeit eines Wahlsieges von Kandidat X glaubt man, "strategisch" wählen zu können.

Bonnay: Genau, die sogenannte strategische oder taktische Stimmabgabe beruht auf einem Wissen um die Gesamtlage und die Chancen der Kandidaten. Strategisch zu wählen bedeutet, dass der Wähler sich nicht für seinen Favoriten, sondern für den aus seiner Sicht zweitbesten Kandidaten entscheidet – dem aber mehr Chancen eingeräumt werden. Die Idee dahinter: den Sieg des Drittbesten (oder eines möglicherweise für noch untauglicher erachteten Kandidaten) zu verhindern. So ist denkbar, dass ein Wähler gerne Benoît Hamon gewählt hätte, sich letzten Endes aber für den anderen linken Kandidaten – Jean-Luc Mélenchon – entschieden hat. Mit der Wahl des zuletzt in den Umfragen bei nur acht Prozent liegenden Hamon hätte er nämlich in Kauf genommen, dass überhaupt kein linker Kandidat den Einzug in die zweite Runde schafft.

An diesem Beispiel sieht man aber auch, dass die Möglichkeit, strategisch zu wählen, immer auch von der Struktur der Wahl abhängt. Bei einem Referendum, wo man sich lediglich zwischen Ja und Nein entscheidet, gibt es weder Anlass noch Gelegenheit, taktische Erwägungen anzustellen. Im Ergebnis der französischen Präsidentschaftswahl lässt sich der Einfluss der Strategen unter den Wählern gut ablesen: Hamon holte nur sechs Prozent der Stimmen und schnitt damit noch schlechter ab als in den Umfragen. Außerdem lässt sich das überraschend gute Ergebnis – fünf Prozent der Stimmen – des konservativen Kandidaten Nicolas Dupont-Aignan nur damit erklären, dass Wähler hier dezidiert nicht strategisch, sondern vielmehr "expressiv" gewählt haben. Es war hinreichend bekannt, dass er keine Chance haben würde. Man gab ihm seine Stimme, weil man dem von Skandalen gebeutelten François Fillon die Unterstützung verweigerte, aber zugleich deutlich machen wollte, dass man dessen konservativen Kurs prinzipiell unterstützt.

YouGov-Gründer Stephan Shakespeare - "Ohne Umfragen direkt vor der Wahl würden wir besser schlafen" Ob Donald Trump oder Brexit: Die Demoskopen lagen 2016 mehrmals daneben. Wie verlässlich sind Wahlumfragen noch und wie groß ist die Gefahr durch rechtspopulistische Kräfte in Europa?

Der schale Beigeschmack von "strategischem Wählen"

ZEIT ONLINE: Hinterlässt dieses "strategische Wählen" nicht einen schalen Beigeschmack? Wer sich allein auf der Grundlage verfahrensrationaler Überlegungen entscheidet, hat doch vielleicht das Gefühl, gar keine richtige Wahl zu haben. Der Wähler, so Michael Herrmann in seinem 2015 erschienenen Buch Strategisches Wählen in Deutschland zieht in diesem Fall keine Genugtuung aus der Wahlhandlung. Teilen Sie diese Beobachtung?

Bonnay: Möglich, dass es sich für den Wähler, der natürlich vollste Entscheidungsfreiheit hat, gar nicht nach freier Wahl anfühlt, weil er Optionen aufgrund der Hochrechnungen ausschließt und seinen Entscheidungsspielraum dementsprechend beschränkt sieht. Er hat dann das Gefühl, seine Entscheidungsfreiheit sei buchstäblich "wegrationalisiert". Andererseits könnte man fragen, in welchem Verhältnis Wahl und Rationalität überhaupt zueinander stehen. Läuft nicht bereits der Wahlakt unserer Rationalität zuwider? Der amerikanische Politikwissenschaftler Anthony Downs hat das sogenannte Wahlparadox in seinem 1957 erschienenen Buch An Economic Theory of Democracy untersucht. Das Paradox beschreibt den Umstand, dass es für jeden Einzelnen nicht rational ist, wählen zu gehen, denn erstens hätte seine Stimme nur dann wirkliches Gewicht, wenn eine einzige Stimme zwischen zwei Kandidaten den Ausschlag geben würde. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Sobald die Anzahl der Stimmberechtigten ein gewisses Maß überschreitet, ist dieser Fall sehr unwahrscheinlich. Daraus folgt, dass der zu erwartende Nutzen des Wahlaktes sehr gering ist. Obwohl der Gang zur Wahlkabine im Regelfall nicht mit besonders großen Anstrengungen verbunden ist, könnte man fragen: Was habe ich als Wähler persönlich davon?

Ich beobachte in den vergangenen Jahren die Tendenz, die entzaubert geglaubte demokratische Wahl wieder mit neuer Bedeutung aufzuladen
Denis Bonnay

Wenn die Menschen also dennoch ihr Stimmrecht ausüben, dann tun sie das nicht nur aus dem rationalen Grund, dass ihre Stimme den Wahlausgang entscheidend prägt. Stattdessen wollen sie mit ihrer Stimme immer auch ihrem politischen Willen Ausdruck verleihen oder ihrer Pflicht als Bürger nachkommen oder die Legitimität der Demokratie bestätigen, oder sie haben irgendwelche anderen Gründe, die über den engen Rahmen der individuellen Rationalität hinausgehen. Wenn man seine Stimme nach taktischen Gesichtspunkten abgibt, erinnert einen das vielleicht an diese eng gefasste rationale Dimension des Wählens, die einem sonst nicht so stark bewusst ist, weil sie keine große Rolle spielt. Das kann als frustrierend empfunden werden.

ZEIT ONLINE: Im Vorfeld der Wahlen haben die Schriftsteller Geoffroy de Lagasnerie und Éduard Louis, die inzwischen auch in Deutschland einen großen Bekanntheitsgrad erlangt haben, eine gemeinsame Stellungnahme abgegeben, in der sie dazu aufrufen, für den linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon zu stimmen. Sie wenden sich darin auch an die zahlreichen Nichtwähler und versuchen, sie über das Argument des strategischen Wählens zu erreichen: "Man muss die Stimme als taktische Geste verwenden, es geht nicht darum, für sich selbst zu wählen". Sehen Sie das ähnlich?

Bonnay: Es mag aussichtslos erscheinen, Nichtwähler ausgerechnet mit taktischen Überlegungen für eine Wahl begeistern zu wollen. Schließlich wählt man ja, wie Anthony Downs gezeigt hat, eben nicht aus rein rationalen Gründen. Vielleicht sollte man solche Appelle im Zusammenhang eines größeren Prozesses sehen. Ich beobachte in den vergangenen Jahren die Tendenz, die entzaubert geglaubte demokratische Wahl wieder mit neuer Bedeutung aufzuladen. Menschen, die sich gegen "das System" wenden oder den Glauben an die traditionelle repräsentative Demokratie verloren haben, lassen sich unter Umständen wieder für demokratische Wahlen gewinnen, indem man der einzelnen Stimme eine neue agonistische oder gar revolutionäre Dimension zuspricht: das Votum als Form der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Das Wahlprogramm von Jean-Luc Mélenchon, der sich für eine Neugründung der staatlichen Institutionen Frankreichs einsetzte, oder wiederkehrende Appelle an den Willen des Volkes, wie man sie immer wieder bei Referenden beobachten kann, aber auch das in Paris noch längst nicht verhallte Echo der Nuit-Debout-Proteste vom vergangenen Jahr sind Teil dieser Dynamik. All diesen Beispielen ist gemein, dass dort Leute angesprochen wurden, die Wahlen zwischenzeitlich eher ablehnend gegenüberstanden. Vielleicht erleben wir zurzeit eine Repolitisierung von Wahlen, sie erfahren eine neue Wertschätzung als politisches Instrument. Dafür mag auch sprechen, dass die Wahlbeteiligung mit rund 80 Prozent wieder sehr hoch gewesen ist. Die starke Präsenz von Meinungsumfragen in den Medien kann von dieser Politisierung ablenken, aber das sollte wiederum nicht davon ablenken, dass Meinungsumfragen zugleich zu dieser Politisierung beitragen.