Was soll man von einem Präsidenten halten, der eine Gedenkstätte für ermordete Juden in Israel besucht und hinterher nicht besser zu reagieren weiß, als ein paar rohe Banalitäten von sich zu geben? So hat es Donald Trump getan, der nach seinem Besuch in Jad Vaschem folgende Sätze ins Gästebuch der Gedenkstätte schrieb: "Es ist eine große Ehre, mit all meinen Freunden hier zu sein (...). So fantastisch + werde es nie vergessen." 

Trumps schräge Wortwahl hat selbst republikanische Israelis verstört. Dabei erzählt der amerikanische Ausdruck amazing (fantastisch), den der amerikanische Präsident zur Beschreibung der Holocaust-Gedenkstätte gewählt hat (wie es andere in Bezug auf Sportplätze oder Jahrmärkte tun), nicht nur von seiner Inkompetenz, sensible Situationen auch als sensibel einzuschätzen, sondern auch offenbar von Trumps Unfähigkeit zu basaler Empathie. 

Wenige Stunden vor dem Besuch in Jad Vaschem, als die Mitteilung über das Attentat von Manchester publik wurde und zu internationalen Beileids- und Trauerbekundungen geführt hat, gab Trump einen weiteren Einblick in sein sprödes Gefühlssensorium: Er sagte, dass er die Attentäter nicht als Terroristen bezeichnen möchte, sondern als "Verlierer", also als loser. Dieser rhetorische Kniff schien ein Versuch zu sein, die Terroristen in ihrer Würde zu degradieren und sie auf die Verliererseite der Geschichte zu ziehen.

Der Gästebucheintrag von Donald Trump © Gali Tibbon/Getty Images

In Wahrheit verharmloste er die Brutalität der Situation und markierte eine heikle Sprachverschiebung: Weg von einer Rhetorik der Staatsräson hin zu einer Sprache des Geschäftslebens, wo man zwischen Gewinner- und Verlierertypen unterscheidet. Das ist prekär. Immerhin galt es lange als selbstverständlich, dass der amerikanische Präsident in jenem Moment, wenn er seinen Amtseid ablegt, nicht länger in der Rolle als Privat- oder Berufsperson spricht, sondern als repräsentative Figur.

Superlative und Vereinfachungen

In diese Rolle zu schlüpfen, erfordert eine intellektuelle sowie emotionale Leistung, die Trump nie vollbracht hat. Er spricht als Präsident und meint doch in den meisten Fällen sich selbst: seine Identität als prominenter Businessman, der Gästebücher und Gesetzeserlasse wie flüchtig hingehaltene Autogrammkarten behandelt. Trump scheint sein Amt als Trophäe zu sehen und nicht als Verantwortung. Viel hat man darüber diskutiert, dass ihm sein Ego im Weg stünde und seine geringe Konzentrationsfähigkeit. Doch was die Kommentare zu Jad Vaschem und zum britischen Terrorattenat nahelegen, ist nicht Trumps intellektuelle Unzulänglichkeit, sondern sein Mangel an emotionaler Intelligenz. Diese Intelligenz ist laut Psychologen die menschliche Fähigkeit, "eigene und fremde Gefühle (korrekt) wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen". Genau das fällt ihm schwer: Die Gefühlswelt anderer nachzuvollziehen und den Rollenwechsel zu akzeptieren, den sein Amt per Verfassung von ihm verlangt. An einem Tag des Terrors wird dies besonders offensichtlich. 

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat mal gesagt: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Wer Trumps Sprache analysiert, stellt fest, wie klein und beschränkt sie ist. Sprachwissenschaftler von der Carnegie Mellon University haben dies getan und herausgefunden, dass kein Präsident über einen so geringen Wortschatz verfügte wie Trump. Die inflationäre Verwendung der Begriffe amazing und beautiful, great und fantastic zeugen von seiner Unfähigkeit, sich auf die Realität einzulassen, sich mit ihr zu konfrontieren und im Kommunikationsprozess mit ihr auszutauschen. Die Verwendung pauschaler, nichtssagender Adjektive oder gehetzter Begriffe wie dem "+" anstelle des "und" scheinen die rhetorischen Notlösungen eines Mannes zu sein, der sich in seiner Überforderung die Komplexität der Welt mit Superlativen und Vereinfachungen künstlich vom Leib zu halten versucht. 

Vielfach wird Trumps Verhalten mit dem von Kleinkindern verglichen, was, genauer besehen, eine Ungerechtigkeit ist. Denn auch Kinder wissen, wie man zu reagieren hat, wenn es die Situation erfordert. Im schlimmsten Fall befolgen sie ganz intuitiv den Rat von Ludwig Wittgenstein, der nahelegte: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Aber auch Schweigen ist, zumindest in den heikelsten Situationen im Leben, ein Beleg von Empathie.