Emmanuel Carrère empfängt im aufgeräumten Wohnzimmer seiner umgebauten Fabrikwohnung im 10. Pariser Arrondissement. Draußen, nicht weit von seiner Haustür, finden an diesem Tag die traditionellen Erster-Mai-Demonstrationen statt, die sich in diesem Jahr auch gegen die Wahl von Marine Le Pen richten. Nichts im Verlauf unseres Gesprächs spräche dagegen, dass er sich hinterher mit seiner etwa 10-jährigen Tochter den Demonstranten anschließen könnte.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Erzählwerk Ein russischer Roman sind Sie Ihrer Mutter undankbar, weil sie Ihnen nicht erzählt, was sie denkt und zwar "zwischen dem Augenblick, da du das Licht löschst, und dem, da du einschläfst". Wie ist das bei Ihnen heute, in diesen intimen Schüsselaugenblicken des Tages, denken Sie da, kurz vor dem zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl, an die Politik? Rückt sie Ihnen auf den Pelz?

Emmanuel Carrère: Jeder Mensch kennt diesen Augenblick am Abend. Die persönlichen Dinge gehen da für mich immer noch vor. Auch wenn ich mich wie alle für diese Wahlen interessiere. Man redet viel davon. Aber sie dominieren bisher nicht mein Bewusstsein. Sagen wir, ein Viertel meiner Gedanken betrifft derzeit die Wahlen. Was bei mir schon sehr viel ist. Normalerweise ist mir die Politik fern.

ZEIT ONLINE: Wie berührt Sie die Politik?

Carrère: Ich neige dazu, mir zu sagen, dass Macron trotz allem gewählt wird. Aber eigentlich weiß man das vorher nie.

ZEIT ONLINE: Macht Ihnen gerade das nicht fürchterliche Angst?

Carrère: Nein. Ich sehe Frankreich nicht als Land, das von Marine Le Pen regiert werden könnte. Es ist eher ein Gefühl der Beunruhigung, dass so viele Bürger meines Landes für sie stimmen. Frankreich scheint geteilt zu sein. Mir fällt plötzlich auf, dass ich niemanden kenne, der für Marine Le Pen stimmt. Meine Familie nicht, meine Freunde nicht, nicht einmal irgendein Nachbar in meinem Viertel. Le Pen bekommt hier im 10. Arrondissement nur zwei bis drei Prozent der Stimmen. Es gibt also zwei völlig unterschiedliche Frankreichs. Das war noch bei der letzten Wahl ganz anders: Als sich Hollande und Sarkozy im zweiten Wahlgang gegenüberstanden, kannte ich viele Leute, die Sarkozy wählten. Man diskutierte miteinander, manchmal erbittert. Aber beide Seiten lebten zusammen. Heute nicht mehr. Ich glaube nicht, dass sich Front-National-Wähler und Macron-Wähler noch etwas zu sagen haben.

ZEIT ONLINE: Jetzt bekomme ich aber Angst um die französische Demokratie.

Carrère: Das am meisten Beunruhigende an Le Pen ist doch ihre Abkehr von Europa. Auch wenn wir alle wissen, dass Europa nicht sehr gut funktioniert und die Brüsseler Bürokratie nicht das Ideale ist, habe ich doch immer noch Lust auf Europa. Trotz alledem. Ich glaube immer noch an die Bedeutung der deutsch-französischen Beziehungen. Nur so als Beispiel. Aber für Le Pen sind das die Feinde: Europa und das deutsch-französische Paar.

ZEIT ONLINE: Fürchten sich die Deutschen deshalb mehr vor Le Pen als die Franzosen?

Carrère: Ich kann mir gut vorstellen, dass die Deutschen heute Macron den Daumen drücken. Seine erste Tat als Präsident wird sein, Bundeskanzlerin Merkel zu besuchen. Le Pen wird alles, aber nicht das tun.

ZEIT ONLINE: Wie aber können wir Deutschen heute nur die schöne Hälfte Frankreichs unterstützen? Müssen wir nicht ganz Frankreich sehen und akzeptieren?

Carrère: Sie sprechen von der schönen Hälfte Frankreichs: Da mag etwas dran sein. Aber sie müssen auch sehen, wo die Trennlinie bei uns verläuft: nämlich zwischen denen, denen es halbwegs gut geht – sie wählen Macron –, und denen, denen es eher schlecht geht – sie wählen Le Pen. Insofern ist es sehr gefährlich, die Hälfte oder das Drittel der Franzosen zu verachten, die Le Pen wählen.

Wahl in Frankreich - Was beide Präsidentschaftskandidaten verbindet Le Pen will aus der EU austreten, Macron nicht. Trotz aller Unterschiede haben beide Präsidentschaftskandidaten etwas gemein: Es fehlt ihnen eine Mehrheit im Parlament. © Foto: AFP-TV

ZEIT ONLINE: Wie geht das, diese Leute nicht zu verachten?

Carrère: Als Schriftsteller und Journalist muss man sich Zeit für sie nehmen. Ich habe im letzten Jahr über die französische Hafenstadt Calais mit ihren vielen Flüchtlingen geschrieben. In einer ersten Etappe trifft man dann Leute, die noch ein bisschen denken, wie man selbst. Freunde von Freunden, denen der humane Empfang der Flüchtlinge wichtig ist. Aber der wichtigere und viel schwierigere Teil der Arbeit ist, wirklich zu denen vorzudringen, die ganz anders als ich denken. In Calais waren das die sogenannten wütenden Bürger, die dem Front National nahestehen und Ausländern fürchterlich feindlich gesinnt sind.

ZEIT ONLINE: Sie sind ein literarischer Meister dieser Art von Annäherung an das Böse.

Carrère: Das ist ein grundsätzliches Interesse: zu versuchen, den Standpunkt derjenigen zu erkennen, die nicht wie ich denken.