Der Anfang vom Ende des alten Parteiensystems ist besiegelt: Le Pen versus Macron.

Hier eine Frau als Chefin einer Partei, die für die Rückkehr zu "traditionellen" Geschlechterrollen eintritt, die Tochter und Nachfolgerin des blindwütig rassistischen Parteigründers Jean-Marie Le Pen, die ihren Vater absägte, um das Image des Front National aufzumöbeln. Und dort der parteilose Bürokrat Emmanuel Macron, dessen progressives Auftreten durch sein junges Alter bestärkt wird. Zwei Kandidaten, die auf den ersten Blick ganz und gar nicht die reaktionären Gesellschaftsfantasien verkörpern, die wie ein Leitmotiv durch den Wahlkampf geisterten.

Lange schien es, als sei François Fillon von den konservativen Républicains derjenige, der die vom schwelenden Streit über die Spaltung der Gesellschaft bestärkte Sehnsucht nach alter Ordnung befriedigen könne. Fillon galt als Vorzeigebeispiel heterosexueller Mustergültigkeit: katholisch, konservativ, kinderreich. Doch er stolperte über die Affäre um die Scheinanstellung seiner Gattin. Das sogenannte Penelopegate entblößte ihn als Vertreter einer alten, korrupten Elite, was durch seine blasierte Haltung gegenüber der Arbeiterklasse und Skandale über seinen dekadenten Lebensstil bekräftigt wurde. Damit verspielte er seine Chancen, in die Stichwahl zu gelangen, dabei hätte er als Repräsentant eines erzkatholischen Frankreichs jene Stabilität verkörpern können, die sich scheinbar viele wünschen. Nicht Wandel, sondern Rückkehr zu familienkonservativen Werten, das war das Versprechen, das er als Präsidentschaftskandidat verhieß.

Jule Govrin, geboren 1984, lebt in Berlin und arbeitet als Philosophin und Kulturtheoretikerin. Sie forscht an der Freien Universität zum Verhältnis von Begehren, Sexualität und Ökonomie und ist Autorin von "Sex, Gott und Kapital. Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Montecruz Foto

Als überzeugter Katholik steht Fillon der Manif pour tous nahe, einemZusammenschluss aus christlich-fundamentalistischen, nationalistischen und royalistischen Gruppierungen: Von 2013 an, als Hollandes Regierung die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte, rief das Bündnis zu Demonstrationen auf. Während die Demo für Alle, der deutsche Ableger, den die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch mitorganisiert, eher bescheidene Erfolge aufweist, gelang es der Manif pour tous, Hunderttausende auf die Straßen zu bringen, die gegen das Gesetz protestierten. Darüber hinaus gebärdete sich Manif pour tous als Oppositionsbewegung gegen eine Regierung, die zwar die Rechte von Homosexuellen stärkte, aber auch Arbeitnehmerrechte abbaute. Das Bündnis machte sich das Klima ökonomischer Unsicherheit zunutze, um ein patriarchales Familienideal als Schutzraum gegen die Vereinzelung in spätkapitalistischen Lebensverhältnissen anzupreisen. Gleichzeitig wurden durch die mediale Präsenz der Manif pour tous rechte Positionen sprech- und salonfähig, was den Hardlinern des Front National (FN) Aufwind gab.

Die Manif pour tous wird von Teilen des FN unterstützt, Vertretern eines katholischen, reaktionären Frankreichs, doch ausgerechnet die Parteichefin Marine Le Pen verweigert die Zusammenarbeit. Anders als die AfD ist der FN nicht aus dem Boden geschossen, sondern über Jahrzehnte gewachsen. Unter ihrem Gründer Jean-Marie Le Pen etablierte sich die Partei seit 1972 zur schleichenden Bedrohung progressiver, demokratischer Werte. Doch als Repräsentant der alten Rechten und pöbelnder Antisemit war Le Pen nicht mehrheitsfähig. Die Tochter vollzog den Vatermord und schloss ihn 2015 aus der Partei aus – Teil ihrer Mission, die Partei zu "entdiabolisieren" und ihr ein moderates Image zu verschaffen, das auch die Wählerschaft der Mitte erreicht.

Der Modernisierungskurs der Rechten

Ähnlich wie die AfD, die zunächst Frauke Petry zum öffentlichen Gesicht kürte und jüngst die offen lesbisch lebende Alice Weidel zur Spitzenkandidatin nominierte, erwies es sich für den FNnutzbringend, von einer Frau angeführt zu werden. Nach Bedarf kann der Schutz von Frauen und Homosexuellen als antimuslimisches Argument verwendet werden, ohne das familienkonservative Profil aufzugeben: Als alleinerziehende Mutter lehnt Marine Le Pen rigoros jegliche Gleichstellungsmaßnahmen ab, wohingegen sie auf die Rechte von Frauen zu sprechen kommt, um gegen den Islam zu hetzen. Derweil schmiedet sie neue Allianzen und bemüht sich, die Stimmen weißer schwuler Männer zu gewinnen, wofür sie wiederum die Homofeindlichkeit des Islam ins Feld führt.

Beispiele für diese innerparteilichen Ambivalenzen sind sowohl Florian Philippot, der zwangsgeoutete Vizevorsitzende des FN, als auch Renaud Camus, Autor und intellektueller Komplize. Camus, einst als schwuler Aktivist bekannt, verfasst inzwischen stramm rechte Manifeste. In seiner Schrift zum "Großen Austausch" behauptet er, die "originäre" französische Bevölkerung würde aufgrund der höheren Reproduktionsrate von muslimischen und immigrierten Familien ausgetauscht. Diese schablonenhafte Trennung zwischen "eigen" und "fremd" bedient sich nationalistischer eugenischer Fantasien von einem vermeintlich "reinen" Volkskörper. Diese naive wie brandgefährliche Annahme folgt der Denktradition der Gegenaufklärung, die Gleichheit und Demokratie anprangert. Wie sich anhand von Camus zeigt, bilden sich aktuell unheilige Allianzen, die danach trachten, diese alten reaktionären Träume in neuer Gestalt aufleben zu lassen.