Während der Arbeit an meinem 2007 erschienenen Tatsachenroman Negativ, der auf den Erfahrungen weiblicher politischer Gefangener in Syrien basiert, war ich mit Lebensgeschichten konfrontiert, die ich in meinem eigenen Land nicht für möglich gehalten hätte. Ich stamme zwar aus einem linken, oppositionellen Elternhaus, aber auch zu uns waren keine konkreten Informationen über die Haftzustände durchgedrungen. Als ich dann erfuhr, was in den Gefängnissen passierte und passiert, war das ein gewaltiger Schock für mich.

Bei meinen Recherchen bin ich vielen ehemaligen politischen Gefangenen persönlich begegnet, mit einigen der Frauen bin ich seitdem eng befreundet. Ich habe Briefe und Tagebuchaufzeichnungen ausgewertet, die von Angehörigen aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt worden waren. Speziell die Schilderungen in den Tagebüchern lieferten die psychologische Tiefenschärfe, die es braucht, um zu verstehen, welche Qualen die Opfer erlitten haben, und niemand kann das so unmittelbar berichten wie die Opfer selbst. Die Literatur, die in den Gefängnissen entstanden ist, wirft also anhand individueller Schicksale ein Licht auf die sonst unbeleuchtete Seite der Geschichte. Es ist eine Geschichtsschreibung aus der Feder der Marginalisierten.

Rosa Yassin Hassan wurde in Damaskus, Syrien, geboren und lebt seit 2012 mit ihrem Sohn in Deutschland. Sie arbeitete als Architektin und widmet sich seit 2007 ausschließlich dem Schreiben. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane, zuletzt "Die vom Zauber Berührten" (2016). "Wächter der Lüfte" wurde 2011 ins Deutsche übersetzt. Sie hat 2006 die syrische Vereinigung "Frauen für Demokratie" begründet. Rosa Yassin Hassan ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ahmad Alrifaee

Die Institution Gefängnis nimmt in Syrien wie in allen diktatorischen Ländern eine prominente Stellung im öffentlichen Bewusstsein ein. Es ist praktisch unmöglich, sich politisch zu engagieren und nicht verhaftet zu werden. Damit sind wir auch schon beim Thema Folter. Fast alle Gefangenen werden gefoltert. Die Folter dient dazu, sie in unterjochte Wesen zu verwandeln und ihrer Würde und jener Menschlichkeit zu berauben, die es ihnen bis dahin erlaubt hatte, sich der geistigen Herrschaft der Tyrannei zu entziehen.

Eine der von mir interviewten Frauen schluchzte mitten im Gespräch plötzlich laut auf: "Warum musstest du meine Wunde wieder aufreißen? Ich habe Jahre versucht, sie heilen zu lassen. Warum musstest du mich daran erinnern, was war?" Damit war unser Gespräch beendet.

Das politische Spektrum der inhaftierten Frauen reichte von radikalen Linken über arabische oder kurdische Nationalistinnen und Liberale bis hin zu ultrarechten Islamistinnen. Ihre mit grauenvollen Details gespickten Berichte stellten mein bisheriges Leben völlig auf den Kopf. Als ich in der Folge des Revolutionsjahres 2011 damit begann, die Schicksale der inhaftierten Frauen systematisch aufzuzeichnen, erschütterten mich ihre Schilderungen immer noch genauso wie zur Zeit der Veröffentlichung meines Buches fünf Jahre zuvor. Der Schmerz der Erkenntnis ließ sich nicht lindern – wie oft ich ihre Berichte auch las.

Die Mauer der Angst bröckelte

Obwohl viele der Gefangenen auf mich so couragiert wirkten, wenn sie über ihre Erfahrungen vor der Revolution berichteten, verstummten sie auch Jahre nach ihrer Freilassung noch, sobald sie über ihre Erfahrungen im Gefängnis zu sprechen versuchten. Das betraf vor allem die Islamistinnen, die besonders heftig gefoltert worden waren. Dennoch ist die Mauer der Angst nach der Revolution brüchiger geworden. Die ehemaligen Gefängnisinsassinnen begannen nun doch, detaillierter über die Schrecken zu berichten, denen sie im Dunkel der Folterkeller ausgesetzt waren.

Bis heute existieren keine genauen Statistiken über die Zahl der weiblichen politischen Gefangenen unter Hafiz al-Assad, dem bis 2000 regierenden Vater des jetzigen Präsidenten. Schätzungsweise waren es mehrere Hundert. Ihre Haftdauer schwankte zwischen drei und achtzehn Jahren. Die Foltermethoden umfassten ein weites Spektrum. Peitschenhiebe. "Reifen"-Folter (bei der die auf dem Boden hockenden und an Händen gefesselten Opfer in einen Autoreifen gezwängt und dann geschlagen werden). Ausdrücken von Zigaretten auf der Haut. Elektroschocks an den Brüsten, im Genitalbereich, an der Zunge und an anderen Stellen. Verbrennen der Finger. Die am meisten verbreitete Foltermethode aber war die Vergewaltigung, von der die islamistischen Gefangenen am stärksten betroffen waren. Die Wärterinnen sorgten während der Folter dafür, dass die Schreie gut zu hören waren, um die anderen Frauen zusätzlich unter Druck zu setzen und ihre Geständnisse zu beschleunigen. Es ging also in der Haft um mehr als um das Eingesperrtsein in einer Zelle – es war ein psychologischer Krieg.