An allem sind die CDU und die CSU schuld. Zumindest, wenn man der SPD Glauben schenken möchte, die es gerne ermöglicht hätte, dass auch Homosexuelle heiraten können und diese Verbindung dann endlich auch Ehe und nicht nur eingetragene Partnerschaft nennen dürfen. So wie es bei heterosexuellen Paaren schon immer gang und gäbe ist. Dass die Bundesregierung diese Form der Gleichstellung ganz offensichtlich nicht befürwortet, verwundert nicht.

Ich kann aber nicht verstehen, warum man sich als homosexuelle Person so sehr dafür einsetzt, dass die Institution Ehe sich auch für Lesben und Schwule öffnet. Ja, es gibt steuerliche Privilegien und selbstverständlich möchte man über den gesundheitlichen Zustand der Partnerin/des Partners aufgeklärt werden, wenn er oder sie im Krankenhaus liegt. Aber davon mal abgesehen, gibt es aus meiner Sicht nichts Heteronormativeres als die Institution Ehe – ja, selbst dann, wenn es zwei Homosexuelle sind, die sich das Jawort geben. Die Ehe ist ein historisch gewachsenes Lebensmodell, das die Frau Jahrhunderte lang unterdrückt hat, auch wenn einige Gesetzesänderungen dafür gesorgt haben, dass verheiratete Frauen seit dem Ende der 1950er Jahre ein eigenes Bankkonto haben dürfen oder dass Vergewaltigung in der Ehe seit Ende der 1990er Jahre strafbar ist. Dass Gesetzesänderungen nur selten etwas über den gesellschaftlichen Istzustand aussagen, dürfte angesichts des nach wie vor hohen Gewaltvorkommens gegen Frauen für niemanden eine Überraschung sein.

Azadê Peşmen arbeitet als Journalistin, unter anderem für Deutschlandradio Kultur. Sie lebt in Berlin, wo sie als Spoken Word Künstlerin auftritt und sich journalistisch und künstlerisch mit urbaner Kultur auseinandersetzt. Aus Sicherheitsgründen achtet sie darauf, dass es keine Bilder von ihr im Netz gibt. Sie ist Gastautorin von ''10 nach 8''. © el boum

Die Ehe ist und bleibt ein Konzept, mit dem lebenslange Zweierbeziehungen idealisiert werden, das die Kernfamilie möglichst noch mit klarer Rollenverteilung als bestmögliches Lebensmodell propagiert und durch das die Erziehungsverantwortlichkeiten für Kinder normativ auf genau zwei Bezugspersonen verteilt werden. Dass solche Lebensweisen bereits in den 1990er Jahren obsolet waren – die Erwerbsarbeitsquote von Frauen, die steigende Zahl von Scheidungen, nicht-eheliche Beziehungen mit Kindern und ohne Kinder, Ein-Elternteil-Familien, dass diese Norm also immer weniger mit der Realität zu tun hat, geht in dem Ehe-für-alle-Diskurs unter. Auch in lesbisch-schwulen Szenen ist grundsätzliche Kritik seit dem Inkrafttreten des Lebenspartnerschaftsgesetzes Mitte 2001 abgeflaut. Patchwork-Familien, Familien, die Co-Parenting praktizieren und polyamore Menschen haben in der Ehe, egal ob homo oder hetero, keinen Platz und in den Community-Organisationen keine Stimme mehr. Sie passen nicht in das herkömmliche Bild, von zwei (und nur zwei!) Menschen, die sich bis an ihr Lebensende lieben und zusammenbleiben.


Schwarze Queers oder Queers of Color kommen nicht vor

Es sind in erster Linie konservative weiße Lesben und Schwule aus der Mittelschicht, die von der Ehe für alle profitieren würden und diese Lebensweise darum propagieren und ins Zentrum der Diskussion um Rechte von Homosexuellen gestellt haben. Menschen, die nicht nur in einer, sondern in mehreren Kategorien gleichzeitig das Kreuz in der Minderheitenspalte vermerken, hilft die Ehe für alle sicherlich nicht viel. Der Alltag insbesondere von Schwarzen Queers und Queers of Color (Queers, die in Deutschland Rassismus erfahren), aber auch von armen, kranken und alten Lesben, Schwulen und Trans*-Personen ist immer noch geprägt von geschlechts- und schichtspezifischer Ausgrenzungserfahrungen im Bildungsbereich oder auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Diese Erfahrungen werden im aktuellen gesellschaftlichen Klima nicht weniger.

Wer nicht einmal die eigenen Grundbedürfnisse (existenzsicherndes Einkommen, gesicherten Aufenthalt, ein Dach über dem Kopf) befriedigen kann, weil Diskriminierung den Zugang zu diesen Ressourcen behindert, wird sich nur wenig darüber freuen, Hochzeit feiern zu dürfen. Insbesondere dort, wo sich soziale Ausgrenzung und rassistische Diskriminierung kreuzen, wird sehr klar, wie wenig hilfreich die exklusive Konzentration auf die Forderung nach staatlichem Segen beim Heiraten ist. Denn die Lebensrealitäten von Schwarzen Queers und Queers of Color kommen im Diskurs um die Ehe für alle nicht vor, schlicht, weil sie weder im Mainstream der Gesellschaft noch in den queeren Communities reflektiert werden.

Ganz oben auf der Romantik-Ermöglichungsskala

Selbstverständlich wäre es wünschenswert, nicht auch noch Minderheiten in unterschiedliche Gruppen aufteilen  zu müssen, aber wenn die Lebensrealitäten bestimmter Menschen nicht mitgedacht werden, muss man das wohl. Schwarze Queers und Queers of Color sind täglich mit Rassismus konfrontiert. Oft haben sie im Alltag mit heterosexuellen Schwarzen und Menschen of Color mehr gemein als mit weißen Lesben und Schwulen. Sie müssen nicht nur viel mehr Bewerbungen schreiben, sondern auch mit der Gewissheit leben, dass ihre Sorgen und Ängste kaum institutionelles Gehör finden. Die PISA-Studien zur Bildung, die NSU-Morde, die bis heute auf politischer Ebene kaum Konsequenzen gezeitigt haben, oder das Racial Profiling, das sich oft genug auch an den Türen von Szeneinstitutionen fortsetzt, sind nur einige Beispiele dafür.

Manche Lebensrealitäten erfordern komplexere Antworten, wenn sie Menschen glücklich machen sollen. Ein Ehering steht für viele womöglich nicht ganz oben auf der Romantik-Ermöglichungsskala. Um es in den Worten der schwarzen lesbischen Feministin Audre Lorde zu sagen: "There is no thing as a single-issue struggle because we do not live single-issue lives." So lange unterschiedliche Lebensrealitäten bei der Gleichstellung von Lesben und Schwulen nicht vorkommen, ist der Streit um die Ehe nur für bestimmte Menschen emanzipatorisch. Aber vielleicht ist genau das auch das Problem: Gleichstellung. Das ist kein erstrebenswerter Begriff, noch weniger ein erstrebenswertes Ziel, denn: Menschen sind und werden nie gleich sein, man sollte vielmehr akzeptieren, dass es Unterschiede gibt und in diesem Sinne nicht die Gleichstellung aller, sondern Gerechtigkeit für alle fordern.