Ich bin wütend. In letzter Zeit häufen sich die negativen Berichte zum Thema inklusive Bildung. Verzweifelte Lehrkräfte und die herausfordernden Verhaltensweisen von Kindern spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Unwegsamkeit der Inklusion im deutschen Bildungssystem steht im Zentrum des Gewitters der Diskussion. Ich will den Mangel an Ressourcen und sozialpädagogisch versierten Lehrkräften nicht kleinreden. Das ist ein großes Problem. Unumstritten. Das Anprangern der Sparpolitik an den falschen Stellen ist wichtig. Die Hürden scheinen hauptsächlich in der praktischen Umsetzung zu liegen. Hier geht es aber um viel mehr: Wir haben ein sozial-gesellschaftliches Problem, ein Haltungsproblem.

Julia Latscha,1975, ist Autorin und Vorständin der Stiftung Bildung. Gerade erschien ihr Buch "Lauthalsleben. Von Lotte, dem Anderssein und meiner Suche nach einer gemeinsamen Welt" (Knaur). Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Wo auch immer ich im gesellschaftlichen Leben mit meiner heute vierzehnjährigen Tochter erscheine, stehen wir im Mittelpunkt. Weil Lotte im Rollstuhl sitzt, sie besser schreien als sprechen kann, ihre Arme häufig haltlos durch die Luft rudern oder ihr Spucke aus dem Mund tropft. Ganz normal, denke ich, denkt auch Lottes jüngerer Bruder. Wir kennen es nicht mehr anders. Und vor allem wissen wir um Lottes Talente. Sie kann tanzen, sodass jede Körperzelle den Rhythmus der Musik mitwippt. Sie hat Humor. Ihr Lachen ist ansteckend. Und ganz nebenbei kann sie auch lesen, rechnen und schreiben. Aber nur, wenn sie will und die richtige Person neben ihr sitzt. 

Verschwinden in Sondersystemen

Dass Lotte das alles kann, ahnen nur wenige. Denn Lotte steckt schon in der Schublade des "armen behinderten Mädchens", bevor viele ihrer Mitmenschen ihre Fähigkeiten erkennen wollen. Deswegen ist es auch ganz normal, dass meine Tochter morgens mit einem Spezialbus in eine Förderschule gebracht wird und in Zukunft in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung leben soll. Das wollte die Amtsärztin bei Lottes Einschulung bereits so, das will das Jugendamt heute und das erwartet auch der größte Teil der Gesellschaft. "Aus den Augen, aus dem Sinn", heißt es sprichwörtlich. Das stimmt. Jeder zehnte Mensch in Deutschland hat eine Behinderung. Die meisten verschwinden frühzeitig in Sondersystemen, in einer Parallelwelt.

Lotte wurde 2008 eingeschult. 2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft. Seitdem hat jedes Kind mit Behinderung das Recht, gleichberechtigt eine Regelschule zu besuchen. Die dafür notwendige Unterstützung muss gewährt werden.

Meine Gedanken drehten sich damals mehr ums Überleben und weniger um ein Leben inmitten der Gesellschaft. Heute habe ich eine andere Sicht auf die Dinge. Ich will teilhaben an einem aktiven Umdenken und Umgestalten unserer sozialen Strukturen. Und auch meine Tochter zeigt in ihren Reaktionen eindeutig, dass ihr ein Leben innerhalb der Gesellschaft definitiv besser gefällt als am Rande.

Unterschiedlich begabte Kinder

Der Lärm der Verzweiflung übertönt allzu schnell die leiseren Töne. Aber diese sind essenziell. Nicht die befürchtete Benachteiligung von Menschen ohne Behinderungen sollte im Fokus stehen, sondern die andauernde Entmündigung von Menschen mit Behinderungen. Und jetzt muss ich mal auf den Tisch hauen: Kinder ohne eine Behinderung lernen nicht weniger, wenn sie gemeinsam mit Kindern mit einer Behinderung unterrichtet werden. Nur anders. Und wahrscheinlich mehr fürs Leben.

Es ist längst an der Zeit, die gängigen Unterrichtsinhalte zu hinterfragen, sie an die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der Menschheit anzupassen. Zusammenhalt statt Trennung. Vielfalt statt Einfalt – auch, wenn das sehr anstrengend ist.

Nicht die herausfordernden Kinder sind die Ursache für die Überforderung des deutschen Bildungssystems, sondern die strukturelle, vor allem aber auch gedankliche Unflexibilität. Weil bisher versucht wurde, Menschen für Strukturen passend zu machen, anstatt die Strukturen grundlegend zu verändern. Weil es einfacher ist, auf einem Trampelpfad zu gehen, als neue Wege zu finden. Weil Gewohntes mehr Halt gibt als Neuland. Weil zwischen "normal" und "nicht normal" unterschieden wird. So muss das scheitern. Schon bevor die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten ist, war das dreigliedrige Schulsystem zu starr für die vielen unterschiedlich begabten Kinder.