Das Jugendamt erwartet von mir als Familienhelferin, dass ich die mir zugewiesenen Eltern dazu bringe, selbst für das Wohlergehen ihrer Familie zu sorgen. Oft wird Familienhilfe allerdings zu einer Dauereinrichtung. Oft wird die Erwartung, dass die Familien sich und ihr Leben ändern, nicht erfüllt. Oft wehren sich die Familien gegen die Bevormundung – und oft sind wir Familienhelferinnen frustriert, weil die erhoffte Veränderung ausbleibt.

Tanja Göttmann, 1966 geboren, arbeitet als Familienhelferin und Familientherapeutin (ausgebildet am ddif). Sie hat an der FH in Frankfurt/Main Sozialarbeit studiert und viele Jahre als Reittherapeutin gearbeitet. Sie lebt in Herxheim, ist zum zweiten Mal verheiratet und hat einen 17-jährigen Sohn. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Ich arbeite als Familienhelferin, aber ich bin zugleich erlebnisorientierte Familientherapeutin und habe daher eine andere Perspektive auf diese Arbeit. Auch als Familientherapeutin geht es mir darum, Veränderung zu ermöglichen. Aber ich bin geprägt von der Haltung von Walter Kempler und Jesper Juul, die davon ausgehen, dass nicht Bevormundung, sondern nur eine gleichwürdige therapeutische Beziehung Veränderung ermöglicht – eine Beziehung, die die Erfahrungen des anderen ernst nimmt und in der die Therapeutin (oder Familienhelferin) eine Vorbildfunktion hat. Wenn ich keine Bereitschaft zu persönlicher Entwicklung zeige, wenn ich keine Verantwortung für mich und meine Gefühle übernehme, dann werden es meine Klienten auch nicht tun. Wenn ich also will, dass sich meine Klienten ändern, dass sie respektvoll mit ihren Partnern und Kindern umgehen, dass sie – wenn nötig – ihre Vergangenheit aufarbeiten und destruktive Muster durch neue Verhaltensweisen ersetzen, dann muss ich respektvoll mit ihnen umgehen, und ihnen durch meine Bereitschaft, eigene Muster zu hinterfragen, Vorbild sein. Diese Aussage wirklich ernst zu nehmen, war jedoch ein langer Weg. Und er begann mit einer Krise. Hier mein Protokoll.

Sommer 2016: Nachdenken über die Krise

Seit einiger Zeit mache ich meine Arbeit mit den vom Jugendamt vermittelten Familien immer leidenschaftsloser. Es ist schwierig für mich, mit Menschen zu arbeiten, von denen ich meine, sie müssten sich dringend ändern, die dann aber doch so bleiben, wie sie sind. Ich habe mich innerlich abgewendet und bin gleichgültig geworden. Ich sitze meine Zeit ab und unterhalte mich nur noch über Belanglosigkeiten wie: "Hausaufgaben gemacht oder nicht". Gleichzeitig tauchen abwertende Gedanken auf: "Wie die schon redet. Wie die aussieht. Wie blöd die ist!"

Eine Zeit lang habe ich mir vorgemacht, dass es ganz in Ordnung sei, so zu arbeiten. Schon bevor ich aus dem Auto gestiegen bin, habe ich innerlich die Entscheidung getroffen, es mir leicht zu machen. Aber nach diesen Terminen fühle ich mich energielos und müde – ganz anders als bei meiner anderen Arbeit als selbständige Familientherapeutin. Wieder gerate ich in Versuchung, diesen Umstand auf das "bildungsschwache Klientel" zu schieben, das mir die Jugendämter vermitteln.

Schon während ich das schreibe, erkenne ich den Zusammenhang. Ich verziehe vor Unmut das Gesicht, als hätte ich Zahnschmerzen: Ich bin in die Abwertungsfalle getappt. Abwertung kenne ich aus meiner Ursprungsfamilie. Mein Vater hat oft zu mir gesagt, dass ich zu dumm sei, nichts könne. Wenn ich mich anstrenge, um Veränderung zu ermöglichen, mein Gegenüber aber einfach so weiter macht wie zuvor, dann fühle ich mich wertlos – so wie damals. Und deshalb habe ich die mir zugewiesenen Familien innerlich abgewertet.

Ich weiß, dass ich so nicht weitermachen will. Und ich weiß, dass ich zuerst an mir arbeiten muss, wenn ich etwas verändern will. Als mir bewusst wird, wie viele Gefühle ich durch die Abwertungsstrategie wegdrücke, nehme ich mir vor, mit diesen Gefühlen zu arbeiten, sie für die Beratungen zu nutzen.

Alte Muster behindern den Neuanfang oder: Wie ich übers Ziel hinausschieße

Frau S. war nicht, wie vereinbart, zum Erstgespräch in einer Tagesklinik erschienen und will jetzt gar nicht mehr dorthin, weil "die total doof waren", obwohl ihre Tochter, O., nur deshalb seit Kurzem auf eine Ganztagsschule geht, damit Frau S. in die Tagesklinik gehen kann. Auch den Ein-Euro-Job, der inhaltlich genau dem entspricht, was sie gelernt hat und gern macht, will Frau S. nicht annehmen, weil es ihr zu unbequem ist, mit dem Bus dorthin zu fahren. Ich konfrontiere sie mit meiner Wut: "Ich kann die Ausreden nicht mehr hören und ich werde auch nicht mehr an O.s Verhalten arbeiten, wenn O. die Einzige ist, die sich hier verändern soll." Und ich setze hinzu: "Ich möchte die Maßnahme beenden, wenn ich keinen Auftrag von Ihnen bekomme." Dann beruhige ich mich etwas und sage sanfter: "Es ist völlig okay, wenn Sie so weiter leben wollen wie bisher. Nur gibt es dann für mich keinen Grund mehr, hier vorbeizukommen".