Meine Großmutter hat immer gesagt, dort, wo wir herkommen, gebe es zwei Sorten von Menschen: Die, die geblieben sind und die, die weggegangen sind. Manche sind im letzten Moment gegangen, gerade noch rechtzeitig, bevor die Blockade verhängt wurde. Andere kannten jemanden, der wiederum jemanden kannte, der mit jemandem verwandt war, der die Grenze passieren konnte, weil er Lebensmittel oder Munition transportierte, und der sich bestechen ließ und einen in seinem Lastwagen hinaus schmuggelte. Wieder andere erfuhren zufällig von einem neuen Tunnel, den die Einwohner der Stadt mit bloßen Händen gegraben hatten, und kamen so raus. Immer war es das Schicksal, ein kurzer Moment, in dem die Karten so oder so lagen, der darüber entschied, ob sie blieben oder weggingen, ob sie den Krieg in all seiner Perfidität kennenlernen oder im Frieden weiterleben würden. So etwas wie einen freien Willen gab es eigentlich nicht mehr.

Lina Muzur, geboren in Sarajewo, arbeitet als Leitende Lektorin beim Aufbau Verlag in Berlin. Sie ist Mitglied von "10 nach 8".

Natürlich, meine Großmutter war zu dem Zeitpunkt, als ihre Heimatstadt belagert wurde, keine junge Frau mehr. Sie lebte im elften Stock eines sozialistischen Plattenbaus in einem der Außenbezirke und führte ein beschauliches Leben, das vor allem aus ausgedehnten nachmittäglichen Kaffeekränzchen mit ihren zahlreichen Nachbarinnen bestand, die oft bis in den Abend hinein andauerten, wenn die ersten südamerikanischen Telenovelas ausgestrahlt wurden, die sie dann auch noch gemeinsam anschauten, um live über die neuesten Liebesverwicklungen und Rachefeldzüge herzuziehen. Samstags kaufte meine Großmutter im kleinen Lebensmittelladen nebenan ein paar Blumen und spazierte zum Friedhof, um ihren verstorbenen Mann zu besuchen. Und jeden Morgen nach dem Aufwachen gab sie sich selbst eine Insulinspritze, routiniert, wie jemand, der das sein Leben lang getan hatte, im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass er ohne diese Spritze nicht überleben würde.

Vielleicht war meine Großmutter einfach zu alt, um in der Fremde noch mal von vorne anzufangen. Vielleicht wollte sie keine fremde Sprache mehr lernen, nicht auf fremden Straßen laufen, sich nicht an den Geschmack von fremden Gerichten gewöhnen müssen und stumm neben fremden Nachbarinnen herleben. Vielleicht wollte sie dort bleiben, wo sie war, umgeben von vertrauten Gegenständen und Menschen. Vielleicht wollte sie sich das Leid und das Grauen, das über ihre Stadt gekommen war, nicht aus der Ferne anschauen, sondern Zeugin dessen werden, was Menschen bereit waren, einander anzutun. Vielleicht war sie aber auch nur naiv und hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was Krieg eigentlich bedeutet. Ich weiß nicht, was sie dazu bewogen hat, sich in dem Moment, in dem sie die Wahl gehabt hatte, mit einer geradezu kindischen Beharrlichkeit für den Krieg zu entscheiden. Ich weiß nur, dass sie geblieben ist, und dass ich weggegangen bin.

Ich versuche, mir vorzustellen, wie ihr Leben nach dieser Entscheidung wohl ausgesehen hat. Jede zivilisatorische Regel abgeschafft und abgelöst von Willkür. Nur noch Schwarz und Weiß, Leben und Tod. Permanente Todesangst, eingeschrieben in jedes Gesicht. Tagelang nichts zu trinken zu haben, nicht einmal einen Tropfen, mit dem man sich die Zunge befeuchten könnte. Tagelang die gleiche Kleidung zu tragen, sogar im Schlaf, weil im Notfall die wenigen Sekunden, die das Anziehen gedauert hätte, einen das Leben kosten könnten. Überall Feuer. Matratzen, die herbeigeschafft werden, um das Feuer am Leben zu halten, Klamotten, Möbel, wertvolles Papier. Nicht zu wissen, ob gerade ein Scharfschütze sein Gewehr auf einen richtet, während man über die Straße läuft. Oder sich kurz bückt, um sich die Schnürsenkel zuzubinden. Nicht zu wissen, ob man von einer Granate erwischt wird, während man in der Schlange für Brot ansteht. Oder während man im eigenen Wohnzimmer nur einen Spalt weit den Vorhang beiseiteschiebt, um zu schauen, wie das Wetter draußen so ist. Ich versuche, mir all das vorzustellen, aber es gelingt mir nicht.

Kurz nachdem der Krieg vorbei war, besuchte ich meine Großmutter in unserer Heimatstadt. Die Nachbarinnen hatten sich alle versammelt, um mich zu begutachten. Sie hatten Baklava mitgebracht und Pita und allerlei anderes Zeug, das ich nicht mehr gewohnt war zu essen. Es wurde Kaffee aufgetragen, absurd starker Kaffee, den ich nicht mehr gewohnt war zu trinken, und ich wurde kommentiert, als wäre ich gar nicht anwesend. Ich sei definitiv zu dünn, aber insgesamt ganz gut geraten. Ob ich aus meinen Haaren nicht etwas mehr machen könnte? Was ich bloß für eine schlecht sitzende Hose anhätte, würde mir ein Rock nicht viel besser stehen? Insgesamt sei ich ja doch recht still und würde so ernst schauen, wie eine Deutsche, ob ich jetzt dachte, ich sei was Besseres? Ob ich gar keinen Humor mehr hätte?

Nachdem sie mich ausgiebig betratscht hatten, kamen sie auf den Krieg zu sprechen, als wäre der Krieg die normalste Sache der Welt, denn natürlich wird da, wo ich herkomme, nichts, rein gar nichts unter den Teppich gekehrt. "Erinnerst du dich, wie wir Linas alte Kinderbücher verbrannt haben", fing Marica aus dem achten Stock an, und meine Großmutter erklärte mir, welch gute Dienste ihr die vielen Bücher geleistet hatten, die meine Eltern und ich bei ihr zurückgelassen hatten, als wir weggingen. Sie verbrannte sie ganz systematisch, zuerst die dicken Krimis und die amerikanischen Autoren, die sie nicht mochte, dann erst, schweren Herzens, ihre Lieblinge wie Andrić und Bulgakow. Meine alten Kinderbücher verbrannte sie erst ganz am Schluss, immer hoffend, sie doch noch verschonen zu können. Aber sie brannten am besten, denn sie waren aus dickem Karton.