Am Abend des Wahlsiegs ist für jeden Geschmack etwas dabei: im Hintergrund der Palast des Louvre für Liebhaber von la France éternelle, des ewigen Frankreichs, und die Glaspyramide für Freunde moderner Architektur; auf der Bühne tanzfreudige Musiker aus der Elfenbeinküste, ein amerikanischer Pop-Soul-Reggae-Sänger und zwei Star-DJs der französischen Elektroszene. War das bloß clevere Inszenierung oder doch ein Zeichen dafür, dass Emmanuel Macron auch in Sachen Kultur die zerstrittenen, wahlkampfmüden Franzosen zusammenführen kann?

Der neue französische Präsident gilt selbst als Mann der Kultur. Der junge Emmanuel liest viel, spielt früh Klavier und Theater und will bereits mit 16 Jahren Schriftsteller werden. Nach seinem Philosophie-Studium hilft er dem Philosophen Paul Ricoeur bei der Fertigstellung eines von dessen letzten Manuskripten über Geschichte und Erinnerung. "Ich habe viel von ihm gelernt", sagt er über seinen Mentor. Macrons Zeit an der ENA, der Kaderschmiede für den französischen Staatsdienst, formt ihn zu einem Technokraten. Aber seine Liebe zur Literatur bleibt. Heute noch zitiert er gerne Klassiker wie Stendhal, Victor Hugo, André Gide oder Albert Camus, Dichter wie René Char oder Francis Ponge.

Diese Belesenheit unterscheidet ihn nicht nur von Le Pen, sondern auch von seinen Vorgängern. Tatsächlich galt Nicolas Sarkozy als Präsident des "Bling-Blings" – der oberflächlichen Angeberei und der derben Sprache. François Hollande gab sich lieber "normal", mochte Zahlen mehr statt schöner Worte. Als Macron am Sonntagabend an der Louvre-Pyramide auftrat, war dies auch ein Kontrast zu seinen beiden unmittelbaren Vorgängern. Macron erinnert vielmehr an François Mitterrand, weil das frühere Staatsoberhaupt wie Macron als Literaturliebhaber und -kenner galt.

Eine Ablehnung Le Pens ist noch keine Liebeserklärung an Macron

Macrons Ruf als guter Redner, als Intellektueller unter den Politikern sichert ihm aber keineswegs die bedingungslose Unterstützung der französischen Kulturwelt. Der frisch gewählte Präsident zählt unter seinen Freunden zwar den Schriftsteller Erik Orsenna und den linkskatholischen Philosophen Olivier Mongin, ehemaliger Direktor der Zeitschrift Esprit, und im Wahlkampf bekundeten der Mathematiker Cédric Vilani und der Schauspieler François Berléand ihre Sympathien für den ehemaligen Wirtschaftsminister. Doch der größte Teil der Geisteselite hat sich in den vergangenen Wochen mit Zustimmung oder gar Unterstützung eher zurückgehalten. Die Zurückhaltung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit: Die Präsidentschaftsanwärter, Macron inklusive, wollten eher ihre Nähe zum Volk betonen als wie Mitglieder eines privilegierten Clubs auftreten.

Die Künstler und Intellektuellen, die überhaupt das Wort ergriffen haben, taten dies spät und mit der Botschaft: "Stoppt Marine Le Pen!" Auf einer Doppelseite der Zeitung Le Monde hatte am Wochenende der Stichwahl fast alles, was Frankreich an großen Namen in Universitäten, in der Kino-, Musik- und Literaturwelt zählt, zur Abstimmung gegen den Front National aufgerufen. "Allein die Niederlagen des FN werden schön sein", schrieb der Chef der Pariser Oper Stéphane Lissner. "Falls Le Pen gewinnt, gebe ich meinen französischen Pass zurück", hatte der Literatur-Nobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio angekündigt. Es waren eindringliche Warnungen und leidenschaftliche Appelle an ihre Landsleute, die Rechtsextremen zu besiegen – keinesfalls Liebeserklärungen an Macron.