In der Psychoanalyse vermutet man bei einem Wiederholungszwang das Wirken verdrängter Inhalte des Bewusstseins. Soziologisch würde man wohl von stabilen Erwartungsstrukturen oder Pfadabhängigkeiten sprechen. Jedenfalls kehrt sie in regelmäßiger Frequenz wieder und nimmt dann auch entsprechend einen regelmäßig ähnlichen Verlauf: die Leitkulturdebatte.

Dass Thomas de Mazière im Wahlkampfmodus zur Abgrenzung gegen die dem konservativen Komment längst fernen AfD-Milieus und zur Pflege der eher enttäuschten Konservativen in der eigenen Partei nun die Leitkulturdebatte wieder aufnimmt, ist eigentlich eine lässliche Sünde. Über das hingehaltene Stöckchen aber springen wir Beteiligten alle gerne. Die einen begrüßen es, dass man die Dinge endlich beim Namen nennt, die anderen weisen darauf hin, wie unzureichend der Katalog der leitkulturellen Vorschläge ist, wieder andere spotten, und nicht wenige lassen sich darauf ein, dass man sie auch anders formulieren könnte, die Leitkultur, breiter, kosmopolitischer, europäischer, offener usw.

Gerade letzeres ist interessant, weil viele Kritiker eines Leitkulturkonzeptes gerne einen eigenen Leitkulturkatalog hätten: eben europäischere, offenere, tolerantere, symmetrischere Formulierungen. Wenn man gar nicht weiter weiß, verweist man auf das Grundgesetz und demonstriert damit doch nur, dass man es mit der Textexegese nicht so recht hat, denn das Grundgesetz ist eine liberale Verfassung, die weniger unser alltägliches Zusammenleben regelt als vor allem den Staat und seine Organe darauf verpflichtet, sich an eine Rechtsordnung zu halten, die die Individualität, Würde und Freiheit der Bürger schützt. Ansonsten ist das Grundgesetz kulturell eher indifferent.

Überschätzung und Unterschätzung

Der unglückliche Innenminister hat es vielleicht sogar gut gemeint – das sollte man nicht ausschließen. Demonstriert hat der Wiedergang der Debatte aber nur, auf welchem Niveau wir Einwanderungs- und Integrationsdebatten führen. Es ist eine Kombination aus Überschätzung und Unterschätzung der Probleme. Überschätzt wird die Differenz zwischen den Fremden und uns, deren Lebenspraxis zum allergrößten Teil langweiliger ist, als es die etwas verdrucksten Regeln annehmen lassen. Unterschätzt wird, dass es mit manchen Gruppen tatsächlich erhebliche Probleme gibt, die man aber mit einem seichten Katalog alltäglicher Selbstverständlichkeiten nicht wird lösen können. Letztlich geht es hier nur um die Selbstberuhigung jener, die kaum darin geübt sind, sich mit den empirischen Problemen von Einwanderung wirklich auseinanderzusetzen – und solche Probleme gibt es zuhauf. Diese kann man auch mit einer pluralistischeren und weniger konservativen Variante einer Leitkultur nicht wegreden.

Den Wiederholungszwang werden wir erst los, wenn wirklich kontrovers über Einwanderungsfragen verhandelt wird – mit dem Ziel eines Einwanderungsgesetzes, das auch die schmerzhaften Fragen stellt: etwa, wer nicht kommen darf. Das müssen Einwanderungsländer immer beantworten. Und hier ist der Diskurs auch auf die klugen Konservativen angewiesen, nicht nur auf die ohnehin kosmopolitisch offenen Milieus, die in ihrer Hochnäsigkeit oft gar keine Leitkulturkataloge brauchen, weil sie sich als Inkarnation einer eigentlichen Leitkultur sehen.

Wie auch immer, de Mazière ist dem Wiederholungszwang erlegen. Und der besteht weniger darin, einen solchen Katalog von Verhaltensweisen zu beschreiben, dem am Ende nichts anderes übrig bleibt, als etwas peinlich zu werden. Aber er kann ja nichts dafür – siehe: Wiederholungszwang.

Nur: Was sind die verdrängten Inhalte? Es ist weniger der etwas unbeholfene Katalog, sondern diese merkwürdige Fixierung auf Kultur, über die es sich nachzudenken lohnt – das ist jedenfalls besser, als als Kritiker der Leitkultur insgeheim doch die bessere Leitkultur aus Grundgesetz, Pluralismus, dekonstruierter Zugehörigkeit und demonstrativer globaler Offenheit anzudeuten. Dass hier der Kulturbegriff natürlich geradezu wächterhaft vermieden wird, ist nur ein Hinweis darauf, dass es genau dieser Begriff ist, der als geradezu verdrängter Inhalt immer wieder an die Oberfläche will, um dort sein wiedergängerisches Werk zu vollbringen.

Man muss also über Kultur reden – also darüber, warum uns nur Kultur einfällt, wenn über unser Zusammenleben nachgedacht wird. Auch hier Wiederholung! Auch Zwang? Ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich in der ZEIT schon vor 17 Jahren behauptet, dass sich sowohl Protagonisten als auch Kritiker der Leitkultur irren, wenn sie über das Stöckchen Kultur springen, und das könnte man heute genauso wieder schreiben und lesen.