Wenn gegenwärtig in den deutschen Medien über Libyen berichtet wird, dann stehen die Milizen im Vordergrund: die Auflösung der Dschihadistengruppe Ansar al-Scharia, die jüngsten ägyptischen Angriffe gegen Terrorcamps, und, immer wiederkehrend, die Gewalt der Milizen gegen Migranten: Sie werden verschleppt und auf Sklavenmärkten angeboten, über 20.000 von ihnen sitzen in libyschen Gefängnissen.

Gabriele Michel ist Vorstandsfrau der NGO Amica, die Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisenregionen gemeinsam mit Partnerinnen im jeweiligen Land unterstützt. Aktuell arbeitet sie in Libyen, im Libanon, im Kosovo und in Bosnien. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Um die Situation in Libyen zu verstehen, ist es jedoch wichtig, weiter zurück zu schauen – zum Beispiel auf den Teil der libyschen Bevölkerung, der noch vor wenigen Jahren seinerseits von Gewalt, Folter und Sklaverei bedroht war: die libyschen Frauen. Erinnern wir uns also: In den Tagen der Arabellion sah man in Tunis und auf dem Tahrir-Platz, während der grünen Revolution im Iran und auf den Straßen Syriens fast überall Frauen – Frauen, die protestierten, Frauen, die organisierten, Frauen, die Waffen trugen. Nur nicht in Libyen. In Libyen musste man den Eindruck gewinnen, die Rebellion gegen Gaddafi sei ganz und gar das Werk von Männern. So wie es auch jetzt bei den Verhandlungen über die sogenannte Migrationspartnerschaft der EU mit Libyen so scheint, als sei dieses Land ein reines Männerland.

Im Oktober 2011, als Gaddafi gestürzt war, reiste die französische Journalistin Annick Cojean nach Libyen. Sie wollte der Frage auf den Grund gehen, wo die libyschen Frauen waren: Was hatte sie daran gehindert, am politischen Geschehen teilzunehmen? Schnell fand Cojean heraus, dass viele Frauen im Verborgenen durchaus an den Aufständen beteiligt waren. Sie hatten zum Beispiel Rebellen versteckt und Waffen geschmuggelt. Etwas länger dauerte es, bis sie eine Schicht tiefer gedrungen war und dort einen grauenvollen Fund machte, der ihr die Nicht-Sichtbarkeit der Frauen auf ungeahnte Weise erklärte: Gaddafi hatte Hunderte Frauen während seiner Herrschaft systematisch vergewaltigt und gefoltert, er hatte Frauen und junge Mädchen über Jahre hinweg im Keller seines Wohnsitzes Bab al-Azizija eingesperrt, unter Drogen gesetzt und sexuell ausgebeutet.  

Permanente Angst

Der Sturz des Regimes befreite die Frauen und Mädchen nun zwar aus dieser Folter, doch eine eigenartige, aggressive Angst der Frauen vor dem Toten und seiner doch eigentlich gebrochenen Herrschaft lebte ebenso weiter wie das dahinter stehende System der Gewalt. An die Stelle der Angst vor dem Diktator trat nun die Angst vor den eigenen Brüdern und Vätern wegen der Schande, vor den Gefolgsleuten Gaddafis wegen der Rache, vor religiösen Fanatikern wegen der Sünde, ja sogar Angst vor den Revolutionären, denen sie halfen, wegen deren Verrohung. Vielen Frauen war klar, dass sie sich ewig würden verstecken müssen. Manchen blieb als einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, die Prostitution.

Als ich im Frühjahr 2014 zum ersten Mal nach Libyen reiste, um Kontakte zu Frauengruppen zu vertiefen, wollte ich wissen, wie die Frauen jetzt, sechs Jahre nach der Revolution und Gaddafis Tod, leben. Gelingt es Frauengruppen, vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen und trotz der fortbestehenden Gewalt neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln? Anfangs befürchtete ich, bei den Frauen auf Misstrauen zu stoßen – aus Vorsicht der Fremden gegenüber, vor allem aber aus Angst gegenüber einer Gesellschaft, in der es keinerlei Stabilität und zivilgesellschaftliche Strukturen gab und gibt. Tatsächlich aber begegneten mir beeindruckend wehrhafte, mutige Persönlichkeiten, offen und entschieden, für die Interessen von Frauen in Libyen zu kämpfen. 

Unbürokratische Beratung in Frauenzentren

Begonnen haben sie mit dem Aufbau von Frauenzentren in Tripolis und Bengasi, die Weiterbildung anboten. Die Information, dass es diese Zentren gibt, verbreitete sich in Windeseile. Der Zustrom war von Anfang an groß, versprach das Angebot von Englisch- und Computerkursen doch eine berufliche Perspektive, einen ersten Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Zudem ist Weiterbildung ein unverdächtiges Angebot – sowohl gegenüber misstrauischen (Ehe-)Männern wie auch für die Frauen selbst, von denen viele durchaus auch deshalb kamen und kommen, weil sie psychosoziale oder gesundheitliche Probleme haben, weil sie unter der Isolation in der Familie oder unter häuslicher Gewalt leiden, aber nicht explizit für diese Problemen Beratung suchen würden. Im Frauenzentrum erhalten sie unbürokratisch Beratung von Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen und werden bei Bedarf zu einer Klinik oder zu einer Rechtsanwältin begleitet.

Motiviert durch den Erfolg dieser Weiterbildungsangebote haben Aisha und ihr Team Nähstuben eingerichtet, die Aufträge zum Beispiel für Krankenhäuser ausführen. Und sie haben aus eigenen Kräften ein Ausbildungsprogramm für Krankenschwestern aufgebaut, das inzwischen staatlich anerkannt wurde und den Absolventinnen die Möglichkeit bietet, als Pflegekraft oder Krankenschwester zu arbeiten. Die Jobchancen sind in diesem Bereich besonders groß, weil diese sogenannten niederen Dienste unter Gaddafi von Gastarbeitern aus osteuropäischen und asiatischen Ländern geleistet wurden, die mittlerweile das Land verlassen haben. Diese berufsbildenden Maßnahmen sind auch deshalb von großer Bedeutung, weil Frauen in Libyen bis heute weitgehend vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden. Vor allem die Kriegswitwen trifft das hart.