Eine Woche nachdem ich mein Studium in Hamburg beendet hatte, bestieg ich ein Flugzeug nach New York. Als ich angekommen war, wusste ich, dass ich mein Zuhause gefunden hatte. Mein erster New Yorker Taxifahrer war ein Sikh mit einem orangefarbenen Turban, der auf eine charmante Weise mit der Farbe seines gelben Wagens kollidierte. "Woher kommst du?", fragten wir einander.

"Woher kommst du?" wurde der Refrain der Jahre, die folgten. "Woher kommst du?", das ist die Frage, die in den Bars und Büros dieser Neun-Millionen-Einwohner-Stadt widerhallt. Nach heutigem Stand wurden 40 Prozent der New Yorker im Ausland geboren. New York wurde buchstäblich von Immigranten aufgebaut. Wir alle hatten unsere Geschichten, schwierigen Vergangenheiten, verpassten Chancen und Hoffnungen für die Zukunft, aber ganz egal, woher wir gekommen waren, in New York wurden wir zu einer Einheit. Nach fünf Jahren, so sagt man, bist du kein Russe oder Mexikaner mehr, sondern ein New Yorker.

Sabine Heinlein ist freie Autorin. 2013 erschien ihr Buch "Among Murderers: Life After Prison" ("Unter Mördern: Leben nach dem Gefängnis"). Ihre Essays und Artikel wurden u. a. in der "New York Times", "Psychology Today", "The Guardian" und "Longreads" veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann in New York und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Ob wir vor Folter und Gefängnis geflohen waren, ob wir kriegszerstörte Länder hinter uns gelassen hatten, dysfunktionale Familien oder einfach nur Langeweile, in New York konnten wir unsere Andersartigkeit bejubeln. Dort gehörten wir hin, gestrandet auf unserer einzigartigen, verrückten, liberalen amerikanischen Insel, dieser Insel voller Freaks, die nirgends sonst willkommen waren. Gesegnet mit der Unkenntnis von Neuankömmlingen klebten wir aneinander und an unserer Insel fest – oder zumindest glaubten wir das. 

Amerika schaut lieber nach vorn als zurück

Aber was hielt uns zusammen? Ich glaube inzwischen, dass der metaphorische Leim tatsächlich eine Entsprechung in der Realität hat. Gaffer, ein wundersames, geniales Klebeband, das die USA zusammenhält. Es schafft temporäre Abhilfe bei auseinanderfallenden Autos, auslaufenden Rohren und einstürzenden Zimmerdecken. In seiner enormen Funktionalität ahmt es die Vielfalt New Yorks nach und ist daher in allen Farben und Formen erhältlich. Es gibt Glitzerpanzergaffer, Regenbogenpanzergaffer, Leopardenpanzergaffer und sogar Speckstreifenpanzergaffer.

Und wenn man schließlich die Zeit und das Geld findet, sein Auto, sein Rohr oder seine Decke doch professionell reparieren zu lassen, dann kommt ein Mittel zum Einsatz, das die klebrigen Rückstände des Gaffers spurlos verschwinden lässt: Goo Gone. Die Farbe der Lösung erinnert an Urin, der Geruch ist der einer vergammelten Orange. Kaugummi an deinem Schuh? Harz auf deiner Hose? Teer irgendwo? Kein Problem. Einfach ein bisschen Goo Gone drauf schütten, einreiben und weg ist es. So schnell wird hier Vergangenheit nivelliert. Amerika schaut lieber nach vorn als zurück.

Wenn ich nach Deutschland fuhr und Leute zu mir sagten: "Aber die Amerikaner sind doch alle so künstlich … so ungebildet … so unbelehrbar", wurde ich wütend. Meine Freunde in New York waren alles andere als das. Und überhaupt, jemand, der die ganze Zeit mürrisch ist, ist nicht unbedingt auch tiefgründig.   

"Freundlichkeit ist wie Vaseline, sie macht alles geschmeidiger", erklärte mir meine deutsch-amerikanische Freundin, als ich sie nach dem Grund ihrer Liebe zu New York fragte. "Als ich zum ersten Mal hier war und einen großen, schwulen Rastafari sah, der mit Rollerblades und in Lederhosen die Avenue A runtersauste, während er eine Arie aus Franz Lehárs Land des Lächelns schmetterte, wusste ich, dass ich zu Hause angekommen war", fügte Tine hinzu, die seit mehr als 20 Jahren in New York lebt.

Ich hingegen weiß, dass ich zu Hause bin, wenn ich mit einem Eis in der Hand in einen Klamottenladen spaziere. Statt rausgeschmissen oder ermahnt zu werden, die Sachen lediglich mit den Augen und nicht mit den Händen anzuschauen, fragt mich die Verkäuferin mit einem breiten Lächeln im Gesicht, wie es mir heute gehe. Falls man nicht gerade von einem Bus überfahren wurde, lautet die Antwort auf diese Frage immer: "Sehr gut, danke der Nachfrage",  vor allem, wenn draußen die Sonne scheint (was in New York meistens der Fall ist) und wenn man gerade ein Eis isst. Falls ich mich recht entsinne, lautet die Antwort auf diese Frage in Deutschland hingegen höchst selten: "Sehr gut!" Ganz im Gegenteil, das einfache "Wie geht’s?" hat oft eine endlose Aufzählung von Beschwerden zur Folge. "Meine Knie knirschen, die Miete ist zu teuer, das Wetter schlecht, der Hund krank …"

In den USA und besonders in New York ist alles möglich. Selten wird man jemanden sagen hören: "Das geht nicht, weil Sie nicht den richtigen Abschluss / nicht die richtigen Papiere/ nicht das richtige Alter haben / die Ampel gerade auf Rot steht." (In New York stellt das Ampelsignal lediglich einen Vorschlag dar.)

Ich war im Laufe meiner New Yorker Jahre zu einem Verhandlungsprofi geworden. Trotzdem staunte ich, als man im Baumarkt anstandslos den Staubsauger zurücknahm, den ich vor Monaten erworben hatte, obwohl ich nicht einmal mehr den Kassenzettel hatte. Und Amazon fragte auch nicht weiter nach, als ich ein Kabel zurückschickte, dass mein Hase durchknabbert hatte. Hier geht eben alles.