Weiß jemand, was aus den Gestrandeten vom Fyre-Musikfestival geworden ist? Fyre, das war dieses Festival vor ein paar Tagen, das als Luxusparty in den Bahamas angekündigt war, um sich dann vor Ort als ein Chaos zu erweisen, das von fern an Flüchtlingscamps und Katastrophengebiete erinnerte. Sind all die Reichen, Schönen und Instagram-Berühmtheiten wohlbehalten in die Zivilisation zurückgekehrt? Oder harren sie noch immer auf ihrer Insel aus, wie einst die Überlebenden aus der Serie Lost? Man könnte das natürlich nachlesen. Macht man aber nicht, schließlich hat sich die Aufmerksamkeit längst den nächsten Hashtags zugewandt.

Was genau fanden Kommentatoren im Netz eigentlich so amüsant am Fyre-Desaster? Warum waren so viele Äußerungen mit jenem schadenfrohen Emoji versehen, dem vor Lachen die Tränen kommen? Der Spott traf nicht nur die üblichen prominenten Verdächtigen: Solche wie Kendall Jenner aus dem Kardashian-Clan, die sich nach ihrer peinlichen Pepsi-Werbung bereits dem zweiten Shitstorm innerhalb eines Monats ausgesetzt sah. Zusammen mit ihrer Model-Freundin Bella Hadid hatte sie als hochbezahlte Markenbotschafterin für das Festival geworben. Aber nicht allein der prominente Instagram-Adel stand dieses Mal am Pranger. Der Hohn galt offenbar auch der Masse der ganz normalen Festivalgänger, die sich um ihr Geld und die einmalige Erfahrung betrogen sahen.

Über die Missgeschicke irgendwelcher namenloser Normalos haben wir immer schon gelacht, auch wenn man dazu früher nachts auf Super RTL verrauschte Homevideos schauen musste. Selbst saß man sicher auf der Zuschauercouch: Dass der eigene Treppensturz oder Poolunfall im Fernsehen landen könnte, war so gut wie ausgeschlossen – jedenfalls bis das Internet kam und man plötzlich überall von Handykameras umgeben war.

Die Möglichkeitsprominenz

Seit diesen VHS-Zeiten haben die sozialen Medien unsere Begriffe von Prominenz und Öffentlichkeit radikal verändert. Die Anatomie des Fyre-Skandals macht einmal mehr deutlich, welche Konsequenzen sich daraus für jeden von uns ergeben. Vielleicht können und wollen wir in Zukunft nicht alle trendsetzende Instagram-Influencer sein. Dennoch haben wir uns längst darauf eingestellt, dass wir unter den voyeuristischen Augen des Internets alle gleich sind: Stars treten uns schon lange nicht mehr nur in Hochglanzbildern entgegen, befreit von allen Mühen des Alltags. Im Gegenteil, sie sprechen zu ihren Followern aus der authentischen Unmittelbarkeit des Alltäglichen. Gleichzeitig leben wir Normalsterblichen inzwischen unter den Bedingungen einer Möglichkeitsprominenz: Alles, was wir tun, könnte rasch hunderttausendmal auf YouTube angeschaut werden. Ob Heldentat oder peinliches Missgeschick – wir können uns nicht darauf verlassen, dass wir unbemerkt in der anonymen Masse untergehen.

Die anonyme Masse der Gestrandeten war es ja gerade, über die man sich am Wochenende lustig machte: eine dumme Herde reicher Instagram-Kids! Verwöhnt und leichtgläubig genug, um die sündhaft teuren Tickets zu kaufen, um sich dann in einem Survival-Szenario wie bei den Hunger Games wiederzufinden. Sollten diese verweichlichten Millennials doch zeigen, ob sie die vielen Grünkohl-Smoothies fit genug für den Überlebenskampf im Katastrophengebiet gemacht haben. Ein Twitter-Kommentator schlug in typischer Trump-Diktion vor, man müsse dringend einen Einreisestopp für die privilegierten Flüchtlinge von den Bahamas beschließen. Ein anderer machte – der 1. Mai war nah – keinen Hehl aus seiner Bewunderung für den Alt-Rapper Ja Rule, der Teil des überforderten Organisationteams hinter dem Fyre-Festival gewesen ist. Dem Genossen Ja Rule sei gelungen, wovon die meisten von uns nur träumen: Er habe die Reichen in einen Gulag gesperrt!

Es war, als melde sich in der belustigten Aufmerksamkeit für die Bahamas-Gestrandeten ein dunkles Unterbewusstsein. Es ist ja nun schon eine Weile her, seitdem den tatsächlichen Flüchtlingen in ihren schlecht versorgen Zeltstädten zuletzt ein ähnlicher Moment globaler Aufmerksamkeit zuteil wurde. Was nicht weiter verwunderlich ist, unsere Aufmerksamkeitszyklen sind kurz. Autoren und Aktivisten aus der "Effektiver Altruismus"-Bewegung – zu deren theoretischen Grundlagen etwa die Schriften des Philosophen Peter Singer gehören – betonen zudem die ganz grundlegende psychologische Schwierigkeit, die wir als Menschen mit Langstrecken-Empathie haben. Empathie für Mitmenschen auf anderen Erdteilen, aus anderen Kulturen, fällt uns schwer. Nächstenliebe ist einfacher, wenn uns die Geliebten tatsächlich nahe sind. Bei den großen Stars, obwohl sie unerreichbar am Firmament ihres Ruhms stehen, galt uns diese bloß geografische Distanz nie etwas. Sie waren uns, medial vermittelt, schon immer nah, an ihrem Schicksal nehmen wir intensiv Anteil.

Anteilnahme nur noch im Extrem

Das Internet hat bekanntlich dafür gesorgt, dass Momente, in denen die Öffentlichkeit sich auch für Nicht-Prominente interessiert, viel häufiger geworden sind. Auf der Internetplattform Reddit gibt es ein beliebtes Forum, auf dem User solche Alltagserlebnisse und Zufallsfunde teilen, die sie "mildly interesting", also "ein wenig interessant" finden: Nichts auf dieser Seite ist nervtötend langweilig, aber Enthusiasmus oder wütende Erregung soll auch keiner der Beiträge auslösen. Der besondere Reiz dieses Forums voll interessenlosem Wohlgefallen mag darin liegen, dass überall sonst der engagierte Kommentar der vorherrschende Reaktionsmodus im Internet ist. Um Gehör zu finden, sind weniger unsere Analysen als unsere Meinungen und Gefühle gefragt.

Oft scheint es dabei, als stünden uns auf der Skala der Anteilnahme nur die Extreme zur Verfügung: hunderttausendfaches Mitgefühl und bedingungslose Solidarisierung oder eben großer Zorn, gemischt mit gerechter Schadenfreude. Unser erschrockenes Mitgefühl gilt für einige Stunden Dr. David Dao, dem Mann, der vor einigen Wochen gewaltsam aus dem überfüllten United-Flugzeug gezogen wurde. Und unsere Empörung trifft eine Frau wie Justine Sacco, die vor einigen Jahren einen Tweet absetzte, kurz bevor sie ihr Flugzeug nach Südafrika bestieg: "Gehe nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein Aids. Nur Spaß, ich bin weiß!" Als das Flugzeug landete, war ihr Witz das weltweit Topthema auf Twitter und Justine Sacco ihren Job als Firmensprecherin los. Diese Form des öffentlichen Shaming, das den Scheinwerfer jäh auf Unbekannte richtet, ist etablierter Teil der medialen Dynamik im Netz.

Die Aura der Berühmtheit

Auch auf dem kalifornischen Coachella-Festival (mit dem das Fyre-Event konkurrieren wollte) werden jedes Jahr einzelne Feiernde qua Social Media aus der Menge geholt. Oft, um sie für ihre Respektlosigkeit gegenüber fremden Kulturen kritisieren: Wenn zum Party-Outfit unbedingt auch die ironischen Indianerfedern gehören mussten, oder Dashikis, die bunten westafrikanischen Männerhemden. Einigermaßen neu schien am öffentlichen Spektakel namens Fyre Festival die Art, wie sich die hämische Aufmerksamkeit des Internets über die normalen Festivalbesucher ergoss. Sie hatten sich keiner benennbaren Verfehlung schuldig gemacht, aber die Kommentatoren gönnten ihnen das frustrierende Unglück auf eine Weise, die sonst prominenteren Zeitgenossen vorbehalten bleibt. Manche Besucher wehrten sich. Schließlich seien die meisten von Ihnen keine rich kids. Sondern Erwachsene, die nicht mit ihrem Erbe, sondern ihren Ersparnissen für die Tickets bezahlt hätten.

Die Selbstdarstellung von Stars und normalen Usern in sozialen Netzwerken unterscheidet sich immer weniger, die Lifestyle-Insignien gleichen sich zunehmend an. Und mit der Aura der Berühmtheit scheint sich auch die Schadenfreude zu entgrenzen: Die Verteidigungslinie, man sei ja weder reich noch berühmt und verdiene deshalb den öffentlichen Spott gar nicht, klingt da wenig überzeugend.

Das Geheimnis ist Voraussetzung für Klatsch

Den Reichen und Berühmten hat man ihren Lifestyle schon immer geneidet. Die Schadenfreude ist ihr ständiger Begleiter. Die wahren und erfundenen Leiden einer Fürstin Charlène von Monaco scheinen in Deutschland eine ganze Yellow-Press-Industrie zu ernähren. Aber dieses althergebrachte Voyeurismus-Spiel wird noch nach anderen Regeln gespielt: Die Nicht-Öffentlichkeit, das Geheimnis ist geradezu die Voraussetzung für diese Art von Klatsch.

Der in Harvard lehrende Kulturhistoriker Robert Darnton hat an reichem Material gezeigt, dass schon die Gerüchte-Ökonomie im vorrevolutionären Paris des 18. Jahrhunderts nur aufgrund eines Informationsdefizits so fantastisch gut funktionierte: Zwar konnte man bloß spekulieren, in welchen Ausschweifungen sich die High Society erging, dort, am nahen, aber unerreichbaren Hof von Versailles. Doch gerade weil man nichts Genaues wusste, lag jeder noch so obszöne Skandal im Bereich des Denkbaren. Nicht von ungefähr hat Sofia Coppola die Königin Marie Antoinette in ihrem gleichnamigen Film von 2006 als eine Art Paris Hilton des Ancien Régime inszeniert, komplett mit Handtaschen-Hündchen als It-Girl-Accessoire.

Hundert Jahre nach der französischen Revolution waren die gekrönten Häupter schon ganz der Logik der Massenmedien und ihren Skandalisierungsmechanismen unterworfen. In seiner Studie Der Monarch im Skandal (2009) hat der Medienhistoriker Martin Kohlrausch demonstriert, dass der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. sein autokratisches "persönliches Regiment" zwar gegen das Parlament durchzusetzen wusste, nicht aber gegenüber der boomenden Tagespresse. Als etwa 1907 der Journalist Maximilian Harden einen Berater des Kaisers, den Diplomaten Philipp zu Eulenburg, öffentlich als homosexuell outete, sah sich der Kaiser gezwungen, seinen engen Vertrauten fallenzulassen. Die Angst vor sensationellen Enthüllungen wurde zum wichtigen Faktor in der Regierungspraxis des Medienkaisers.

Der Überfall auf die Medienkönigin unserer Tage, Kim Kardashian, im Oktober letzten Jahres konnte hingegen nur gelingen, weil Kardashian durch permanente Selbstberichterstattung jede Geheimhaltung unmöglich machte. Die Juwelendiebe, die Kardashian in ihrem Apartment überwältigten, wussten dank des unablässigen Stroms öffentlicher Snaps und Posts über jede Bewegung des Stars Bescheid. Als ihr Bodyguard plötzlich auf einer anderen Party, im Selfie-Visier der Halbschwester Kendall Jenner auftauchte, schlugen sie zu. Am Aufstieg der Kim Kardashian zum Weltstar lässt sich jedoch auch die Geschichte einer wiedergewonnenen Souveränität erzählen: Es ist die – teilweise – wiedergewonnene Souveränität über den prominenten weiblichen Körper.

Die Spielregeln haben sich geändert

Die Anfänge des Kardashian-Ruhms gehen in eine Zeit zurück, als das Bild vom unnahbaren, aller Berührbarkeit entzogenen Star gründlich zerstört war. Die Massenmedien haben das Starsystem der Moderne hervorgebracht. Doch wie die Kunst im Zeitalter der massenmedialen Vervielfältigung ihre Aura verlor, zerstören die Massenmedien auch permanent die auratische Unnahbarkeit der Stars, die sie hervorbringen. Ihr Bild wird beliebig und austauschbar. Reality-Shows wie Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! machten in der  nuller Dekade überdeutlich, dass der berühmte Körper bei (finanziellem) Bedarf für jeden Quatsch zu haben war. Für die Hollywood-Stars alten Kalibers galt das selbstverständlich nicht, aber Kim Kardashian war ein Reality-Star, lange bevor sie ein Social-Media-Celebrity wurde. Bezeichnenderweise war es ein gegen ihren Willen veröffentlichtes Sextape, das die Paris Hilton-Freundin Kardashian 20007 auf einen Schlag bekannt machte.

Zwar sind Paparazzi heute wie eh und je auf gnadenloser Jagd nach Oben-ohne-Bildern. Dennoch scheinen sich die Spielregeln geändert zu haben: Die Öffentlichkeit nimmt es heute kaum mehr umstandslos hin, wenn der Körper prominenter Frauen ungefragt massiv dem voyeuristischen Blick preisgegeben werden. Das legt zumindest die einhellige Empörung nahe, die 2014 auf die Veröffentlichung einer großen Zahl von Nacktbildern folgte, die ein Hacker aus den iCloud-Accounts prominenter Frauen (darunter dem von Kardashian) gestohlen hatte. Das Internet wird für Prominente und alle anderen Nutzer weiterhin ein Ort bleiben, an dem die Integrität des Privaten permanent verletzt werden kann. Eine der alptraumhaftesten Inkarnationen dieser Bedrohungen sind wohl jene rachsüchtigen Ex-Freunde, die nach dem Ende einer Beziehung sogenannte Revenge-Pornos mit Aufnahmen ihrer ehemaligen Partnerinnen veröffentlichen.

Dennoch könnte sich vielleicht gerade aus dem Bewusstsein unserer bedrohten Anonymität eine neue Form der Sensibilität zu entwickeln. Unsere Instagram-Bilder versehen wir ironisch mit Hashtags wie #foodporn. Darin deutet sich ja nicht zuletzt ein Bewusstsein dafür an, wie voyeuristisch wir im Internet auf Essen, Rennräder, Architektur und eben auch auf Menschen starren. Bei unter Dreißigjährigen ist "jemanden stalken" heute eine stehende Wendung: Sie meint das neugierige, aber harmlose Anschauen eines fremden Facebookprofils. Bei allem Sarkasmus scheint auch darin womöglich eine neue empathische Sensibilität auf: Wir erkennen an, wie fragil der geschützte Raum unserer Privatheit geworden ist. Gleich, ob wir nun berühmt sind oder es nur unfreiwillig werden könnten.