Ich war, könnte man sagen, eine klassische Schulverweigererin, die nicht nur gelegentlich geschwänzt hat, sondern bewusst aus der Situation geflohen ist. Zu Hause und in meiner Montessori-Grundschule hatte ich gelernt, dass ich meine Meinung sagen und mich für Schwächere einsetzen sollte. Auf dem Gymnasium erlebte ich, wie Schüler von Lehrenden bloßgestellt wurden und dass bei Mobbing niemand eingriff. Man schmierte uns täglich aufs Brot, dass wir zu einer Elite gehörten, und wenn einer nachließ, wurde er vor versammelter Klasse auf die Realschule nebenan verwiesen.  

Als eine der wenigen Schülerinnen aus einer einkommensschwachen Familie erlebte ich außerdem ganz deutlich, dass meine Teilhabe an der sogenannten Gemeinschaft eingeschränkt war: Die Klassenfahrten waren für meine Mutter unbezahlbar und ein Vorsingen beim Schulorchester setzte Gesangsunterricht voraus, den wir uns nicht leisten konnten. Das Gravierendste war aber, dass ich von einem aufgeweckten, wissensdurstigen Kind zu einem Teenager wurde, der Lernen nur noch mit Negativem verband. Ich wechselte das Gymnasium zweimal in zwei Jahren und brach schließlich nach dem Mittleren Schulabschluss ab. Danach wusste ich erst einmal nichts mit mir anzufangen. Ich hatte Selbstzweifel. Bin ich zu faul? Bin ich nicht stressresistent genug? Ich fing an zu jobben und merkte, dass ich durchaus viel und hart arbeiten kann. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich noch einmal ins klassische Schulsystem zu integrieren. Aber als ich über einen Freund von der Schule für Erwachsenenbildung (SfE) hörte, dachte ich: Das könnte funktionieren!

Diese Schule, die versteckt in einem von Efeu bewachsenen Backsteingebäude in einem Berliner Hinterhof residiert, ist einmalig in Deutschland. Was sie grundlegend von allen anderen Schulen unterscheidet, ist ihre basisdemokratische Selbstverwaltung. Einen Direktor oder eine Direktorin gibt es nicht. Alle Entscheidungen, von der Gehaltshöhe der Lehrenden bis zur Gestaltung der Räume, beschließen Schüler und Angestellte gemeinsam und demokratisch in der Vollversammlung, die alle zwei Wochen stattfindet. Wenn die Schule einen finanziellen Engpass hat, kommt es schon mal vor, dass die Schüler die Erhöhung ihres eigenen Schulgeldes beschließen. Der Unterricht beginnt erst um 9.30 Uhr, auch das wurde von allen so entschieden. Außerdem sind alle Klassen und Angestellte zu wöchentlich wechselnden Diensten verpflichtet: Frühstücksdienst, Putzdienst und Hofdienst. Es wird mit Mehrheit abgestimmt, die Entscheidungen sind verbindlich. Nicht immer werden alle Regeln stur eingehalten. Haustiere zum Beispiel sind in der Schule formal verboten, aber in fast jeder Klasse liegt ein Hund in der Ecke auf seiner Decke und schläft. Trotzdem funktioniert die Selbstverwaltung gerade da, wo man es von außen vielleicht am wenigsten erwarten würde: Ich habe noch an keiner anderen Schule so saubere Toiletten gesehen.

Marcella Henglein ist 23 Jahre alt und lebt in Berlin. Derzeit ist sie Mitarbeiterin des Vereins Mein Grundeinkommen. Ab Herbst möchte sie ein Jurastudium aufnehmen. Sie ist Gastautorin von "10nach8". © privat

Für mich bedeutete das allerdings, dass ich ein monatliches Schulgeld von 160 Euro zahlen musste, denn die SfE erhält weder staatliche Zuschüsse noch sonstige Förderungen. Die meisten Schüler erhalten auch kein Bafög und gehen mehreren Nebenjobs nach. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter mittlerweile im Stande war, das Schulgeld zu übernehmen und mir einen kleinen Unterhalt zu zahlen. Den restlichen Lebensunterhalt habe auch ich mir selbst erarbeitet. "Früher hatten wir viel mehr Schülerinnen und Schüler", sagt Beate Ulreich, seit 20 Jahren Koordinatorin und selbst Abiturientin der SfE. Damals wurde allerdings auf der Schule auch nur der zweite Bildungsweg angeboten, der durch Bafög gefördert wird. Heute machen die meisten an der SfE ihr Abitur auf dem gymnasialen Zweig und dort ist Bafög fast ausgeschlossen. Das Durchschnittsalter der Lernenden liegt bei Anfang 20, manche sind schon Eltern, und man merkt ihnen die Doppelbelastung an. Andererseits hat diese Herausforderung auch ihr Gutes. Wer hier sein MSA oder Abitur macht, lernt nicht nur die Evolutionstheorie und Gedichtsanalysen, sondern fürs Leben. 

Keine Noten, Prüfungen sind freiwillig

Wenigstens über Hausaufgaben und Tests müssen sich die Schüler nicht den Kopf zerbrechen, so etwas gibt es an der SfE nicht. Und es gibt keine Noten. Stattdessen ist auch hier Selbstverantwortung gefragt: Man kann  jederzeit auf freiwilliger Basis Klausuren einreichen und erhält von den Lehrern eine ausführliche Beurteilung, bei der nicht nur auf die Mängel, sondern auch auf das Können eingegangen wird. Doch am Ende zählen nur die Abiturprüfungen, die extern absolviert werden.

Im Grunde ist die SfE genau für Schüler wie mich gegründet worden: Sie entstand aus der Studentenbewegung der 1968er. Damals erkämpften sich die Kinder von Arbeitern die Möglichkeit, Abitur zu machen. Gleichzeitig waren Entlassungen und Schulverweise von Lehrern aufgrund ihrer politischen Gesinnung keine Seltenheit. In dieser Zeit bildete sich eine Gruppe von Lernenden und Lehrenden, die Schule anders gestalten wollten, und gründete die SfE. Die Schule positioniert sich seither klar links.

Es gibt viele Freiheiten – für manche zu viele. Es gibt aber auch klare Grenzen. Sexismus, Rassismus und alle Formen von Diskriminierung werden nicht geduldet. Das wird nicht nur von den Angestellten durchgesetzt, die Schüler beziehen selbst Stellung. Menschen mit den unterschiedlichsten Biografien und Charakteren finden an der SfE einen sicheren Raum. Der Begriff Inklusion wurde auf der SfE nie verwendet, er ist seit der Gründung vor 43 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Auch deshalb belegte die Schule 2016 den zweiten Platz des Schulpreises der Robert-Bosch-Stiftung. Wenn es doch zu Vorfällen kommt, wird ein Vertrauensausschuss eingerichtet. Dabei kommen von den Klassen gewählte Lehrer und Schüler zusammen und vermitteln zwischen den Konfliktparteien.

An der SfE begegnet man sich auf Augenhöhe. Alle duzen sich, alle werden ernst genommen. Der Fokus liegt nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation; man muss nicht nur für sich selbst Verantwortung übernehmen, sondern auch für die anderen. Eine Klasse ist gemeinsam für die Umsetzung ihrer Dienste verantwortlich. Das Motto lautet: Selbstverwaltung ist kein Selbstbedienungsladen. Das funktioniert natürlich nicht immer reibungslos. Wir mussten uns regelmäßig daran erinnern, dass wir nicht nur zum Konsumieren in die Schule kommen.