Eine junge Frau absolviert ihren monatlichen Zwangsbesuch beim Gynäkologen, Sicherheitsbeamte mit scharfen Waffen haben sie dorthin gebracht, jetzt befindet sie sich, eingeschlossen und entblößt, auf der Liege und lässt die Untersuchung über sich ergehen. Plötzlich streift der junge Arzt, dessen Gesicht hinter dem Mundschutz verborgen bleibt, seinen Handschuh ab und streichelt ihr über die Innenseite ihres Schenkels. Er flüstert: "Ich könnte dir helfen. Sie werden nie erfahren, dass es nicht von ihm ist. Die meisten von diesen alten Knochen schaffen es gar nicht oder sind steril."

Miriam Stein ist Autorin und Kulturchefin der Zeitschrift "Harper's Bazaar". Sie lebt in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Rassmus Wenig Karlsen

Diese Szene stammt aus dem Roman Der Report der Magd von Magaret Atwood, veröffentlicht im Jahr 1984. Die Geschichte spielt in einem fundamentalistischen, autoritären US-Regime der nahen Zukunft. Die wenigen noch fruchtbaren Frauen werden dort als Leihmütter versklavt und unter den reichen Ehepaaren der Herrscherklasse aufgeteilt. Ihr Erfolg – und damit ihr Überleben – hängt davon ab, ob sie es schaffen, von ihren Herren schwanger zu werden. Gerade läuft unter dem Originaltitel A Handmaid's Tale eine von der Kritik gefeierte TV-Adaption des Romans in den USA, während Trump gerade dabei ist, Gelder für Planned Parenthood zu streichen und damit die Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper einzuschränken. Elisabeth Moss (bekannt aus der Serie Mad Men) spielt die Magd Offred, die ihrem Herren, dem sogenannten Kommandanten, und seiner Frau den ersehnten Nachwuchs schenken soll. Nur ist dieser Kommandant anscheinend nicht zeugungsfähig. Aber die theokratische Diktatur verneint die Möglichkeit männlicher Unfruchtbarkeit. Dem Gesetz nach muss es also an Offred liegen, denn Gott segnet nur anständige Frauen.

In Atwoods dystopischer Welt speist sich die Legitimation für diesen Aberglauben aus der Bibel, vornehmlich aus dem Alten Testament. Sarah, Abrahams Ehefrau, ist die erste alttestamentarisch erwähnte Frau, die von Gott auf die Probe gestellt wurde und kinderlos blieb. Dass auch Abrahams Spermienaufkommen für die schleppende Familienplanung verantwortlich sein könnte, wird nicht in Betracht gezogen. Als Gott Sarah schließlich doch noch mit einer Schwangerschaft segnete, war sie stolze 90 Jahre alt (1. Moses, 21).   

Sinkende Fruchtbarkeit bei Männern unter 30

Die Vorstellung, dass eine erfolgreiche Empfängnis Frauensache ist, hat sich dennoch bis in die Moderne gehalten. Erst in den achtziger Jahren begannen Mediziner ob der steigenden Zahl unfreiwillig kinderloser Paare trotz medizinisch fortpflanzungsfähiger Frauen, die bis dahin unerhörte Frage zu stellen: Was, wenn es an ihm liegt?

Und es liegt tatsächlich häufig an ihm: Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die allgemeine Fruchtbarkeit der Männer unter 30 in Industrienationen seit den achtziger Jahren um 15 Prozent zurückgegangen. Diverse internationale Studien bestätigen folgende Faustregel: Von 100 Paaren mit Kinderwunsch bleiben 8 bis 12 Paare kinderlos. Der Grund liegt in 40 Prozent der Fälle bei den Frauen, in 40 bis 50 Prozent der Fälle bei den Männern. In etwa 15 bis 30 Prozent der Fälle liegt eine kombinierte Ursache bei beiden Partnern vor – ein überaus ausgeglichenes Verhältnis also.

Meistens liegt es an beschädigten Spermien: Um ein Kind zeugen zu können, müssen Spermien zu mindestens 50 Prozent beweglich und zu 30 Prozent vollständig ausgeformt sein (Köpfchen, Schwanz). Bei Männern mit Zeugungsproblemen liegt die Prozentzahl unter diesen Werten. Andere Faktoren sind gestörte Transportwege, zum Beispiel verklebte Samenleiter, oder Gendefekte, zum Beispiel das Klinefelter-Syndrom, bei dem ein X-Chromosom zu viel vorliegt, wodurch keine funktionierenden Spermien gebildet werden können.     

Glaubt man einer Studie der Stanford University, wirken sich Hormonschwankungen oder Umwelteinflüsse wie Gifte in Kleidung, Pflege- und Hygieneartikeln, belastetes Trinkwasser sowie Biotoxinrückstände negativ auf die Beschaffenheit der Spermien aus. Auch Übergewicht, Rauchen und Alkohol gelten als absolute Fortpflanzungskiller. Was genau kann man vorbeugend tun? Gesund essen. Weniger trinken und rauchen. Klingt banal? Ist es auch. Denn leider hat die Wissenschaft in dieser Frage noch keine weiterreichenden Erkenntnisse zu bieten.

"Die Situation ist bedauerlicherweise folgende: Wir ignorieren Fehlerfunktionen in der Spermienproduktion und investieren nicht in weitere Forschung", erklärt Professor Richard Sharpe vom Queens Medical Research Institute im schottischen Edinburgh dem Telegraph. Er ist einer der wenigen europäischen Experten auf dem Gebiet. Es gebe zu wenige Fakten und entsprechend schwammige Vorsorgemöglichkeiten. Die Folge: Die Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten für betroffene Männer sind limitiert.