Drei Aschehäufchen, garniert mit einer Rose. Könnten als Trauerkärtchen durchgehen, als Parteizettel. Wäre da nicht ein Schriftzug darüber. Er lautet: "Leaked Anne Frank nudes".

Diesen Satz kann man nun lange sickern lassen, bis er sich in seiner ganzen und ekelerregenden Bedeutung erschließt. Der Satz und das Bild darunter sind Teil einer Unterhaltung in einer Facebook-Gruppe. Unter dem Bild finden sich weitere Einträge: "Die von den Nazis Ermordete würde sich im Aschenbecher umdrehen", schreibt einer. "Wo ist das verdammte Schornsteinemoji!?", fragt ein anderer scherzend in die Runde.

Zwischendurch werden Witze über Behinderte gerissen und ein Hitlermädchen gepostet, das ein Osterkaninchen in den Armen hält, zu den Füßen steht ein prall und großzügig mit Hakenkreuzfahnen gefülltes Osterkörbchen. Aber nicht nur Hitlermädchen, auch Hitlerporträts finden sich unter den Beiträgen. Wer jetzt jedoch glaubt, auf einer einschlägigen Neonazi-Seite gelandet zu sein, irrt sich gewaltig.

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebut "Dazwischen:Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

Jene, die sich da so menschenverachtend unterhalten, sind unter anderem Studierendenvertreter und Funktionäre der Jungen ÖVP, deren Obmann Sebastian Kurz gerade eine Machtergreifung innerhalb der Partei vollzogen hat und gern jüngster Kanzler aller Zeiten werden möchte. Ganz genau genommen stammen diese Facebookposts von Funktionären der ÖVP-nahen Studierendenvertretung Aktionsgemeinschaft, die sich gerade im Wahlkampf befindet. Noch genauer: Mitglieder der juristischen Fakultät. Jene, die sich über ein ermordetes junges Mädchen lustig machen, sind angehende Juristen. Diejenigen, die andere lustvoll erniedrigen und verhöhnen, sind zukünftige Richter. Menschen, die eigentlich mit Fingerspitzengefühl über das Schicksal anderer entscheiden sollten. Denen vielleicht in Zukunft Wiederbetätigungsprozesse anvertraut werden. Und heikle Fälle.

Antisemitismus hat an der Universität Wien eine lange und unschöne Tradition. Umso bestürzender ist es, wenn es ausgerechnet an der juristischen Fakultät kein Geschichtsbewusstsein gibt. Immerhin fordert der Dekan nun den Ausschluss der Funktionäre aus der Studierendenvertretung. Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile Ermittlungen gegen Gruppenmitglieder eingeleitet. Hoffentlich sind die zuständigen Beamten keine Brüder im Geiste.

Die geschlossene Facebookgruppe nennt sich "Fakultätsvertretung Jus Männerkollektiv". Es sind auch einige wenige Frauen dabei. Es gibt aktive und stumme Mitglieder. Weder die einen noch die anderen haben es für nötig befunden, gegen solche Worte und Bilder vorzugehen. Zukünftige Juristen wohlgemerkt. Als die Screenshots der Wochenzeitung Falter zugespielt und veröffentlicht werden, eskaliert die Lage allerdings.

Zuerst erfolgt eine Distanzierung seitens der betroffenen Studierendenvertretung Aktionsgemeinschaft (AG). Die nächste Reaktion ist eine weinerliche Verwischung der Tatsachen. Von schwarzem Humor ist da die Rede. Von Missverständnissen und Geschmacklosigkeiten. Anschließend verortet die im Wahlkampf befindliche Aktionsgemeinschaft gar ein Wahlkampffoul hinter der Veröffentlichung der Widerwärtigkeiten ihrer Funktionäre: "Viele der Screenshots sind aus dem Zusammenhang einer Diskussion gerissen, um uns vor der Wahl größtmöglichen Schaden zuzufügen", lautet eine Reaktion unter anderem. Die AG Jus schreibt: "In keinster Weise vertritt auch nur eine Person in der AG Jus so eine abscheuliche Haltung, sondern es handelt sich hierbei um die dümmstmögliche und verurteilenswerteste Art von schwarzem Humor."