Noch wenige Tage später herrscht von Brüssel bis Berlin das Gefühl, dass es noch einmal gut gegangen ist. Im Unterschied zur US-Wahl und zum Brexit lagen die Demoskopen diesmal nicht daneben: Emmanuel Macron zieht als neuer Präsident in den Élysée-Palast ein. Wobei "gut gegangen" hier in doppelter Hinsicht relativ ist. Zum einen bleibt es alarmierend, dass 34 Prozent der Franzosen, also rund elf Millionen Menschen, in der Stichwahl eine rechtsradikale Kandidatin gewählt haben und damit für das beste Ergebnis sorgten, das der Front National je eingefahren hat. Zum anderen sind es aber auch viele Le-Pen-Gegner, die in dem Resultat wenig Gutes, sondern, wenn überhaupt, das "kleinere Übel" erkennen können.

Das zeigt sich nicht nur daran, dass rund 25 Prozent der Wahlberechtigten dem entscheidenden Wahlgang fernblieben. Es lohnt sich, diese gleichermaßen häufige wie fundamentale Ablehnung beider Kandidaten noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Vor allem deshalb, weil sie womöglich nicht nur etwas über Frankreich verrät, sondern ebenso über das grundsätzliche Verhältnis von Werteliberalismus und Kapitalismuskritik.

Dass so verhältnismäßig viele Franzosen bei der Stichwahl zu Hause geblieben sind oder für keinen der Kandidaten stimmen mochten, konnte zunächst niemanden unbedingt überraschen. Gerade viele linke Le-Pen-Gegner hatten bereits vor der Stichwahl klargemacht, was sie von Macron halten: nichts. Mehr noch: Letztlich bestünde kaum ein wirklicher Unterschied zwischen beiden, weshalb vielfach von der Entscheidung zwischen "Pest und Cholera" die Rede war. Statements dieser Art konnte man in den sozialen Netzwerken unter den Hashtags wie #SansMoi und #NiMacronNiLePen lesen.  

Totengräber des Universalismus

Ähnlich äußerten sich auch Politiker und Intellektuelle. Jean-Luc Mélenchon, der Präsidentschaftskandidat der linken Partei La France insoumise("Unbeugsames Frankreich"), konnte sich nach seinem Ausscheiden nicht zu einer klaren Empfehlung für Macron durchringen, obschon er im Jahr 2002, als Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl gegen Jacques Chirac kam, noch für  Unterstützung des konservativen Chirac warb.  Der sonst so differenziert argumentierende Soziologe Didier Eribon bekannte Mitte April auf einer Veranstaltung in München, so berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass er selbst in einer Stichwahl nicht für Macron stimmen würde. Slavoj Žižek schrieb in einem Artikel im Independent, dass es "keine wirkliche Wahl" zwischen Macron und Le Pen gäbe. Die Aufrufe, sich hinter Frankreichs Ex-Wirtschaftsminister zu versammeln, seien lediglich "neoliberale Erpressung". Und in Deutschland war es beispielsweise der Publizist Jakob Augstein, der im Spiegel Wahlaufrufe für Macron als die "vorgehaltene Moralpistole" einer "großen Koalition der Antirassisten" empfand. 

Das wirft zwei Fragen auf. Zum einen: Wie stark müssen die Maßstäbe verrutscht sein, dass manche zwischen Macrons neoliberalem Wirtschafts- und Le Pens rechtsradikalem Gesellschaftsprogramm keine wesentliche Differenz mehr erkennen wollen? Als ob Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, seit je das Kerngeschäft des Front National, nur irgendwelche programmatischen Fußnoten wären und nicht die Totengräber des aufklärerischen Universalismus. Das provoziert die zweite Frage: Wie viel zynische Selbstgerechtigkeit muss man mitbringen, dass man die ideologische Reinheit des eigenen Wahlverhaltens über aktive Verhinderung einer rechtsradikalen Präsidentin stellt? Zumal, da eine demokratische Stimmenabgabe, gerade in einer Stichwahl, keine ideologische Ehe, sondern eine potenziell taktische Entscheidung ist. 

Oder sind diese Fragen bereits selbst zynisch? Die implizite Gleichsetzung von Macron und Le Pen entspringt ja nicht nur politischer Indifferenz, vermutlich in den wenigsten Fällen, sondern wird mit einem zentralen Argument untermauert. Dieses hat etwa Didier Eribon, der mit seiner autobiografisch inspirierten Studie Rückkehr nach Reims hierzulande eine Debatte über das Versagen der Linken und den Aufstieg der Rechten angestoßen hatte, in einem Text für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung  auf den Punkt gebracht: "Wenn Macron im Mai zum Präsidenten gewählt wird, dann bekommt Le Pen beim ersten Wahlgang in fünf Jahren wahrscheinlich über 40 Prozent. Dynamisch gesehen wählt man also mit Macron schon heute Le Pen."