Bei Alleinerziehenden steckt der Mangel schon in der Bezeichnung. Allein bedeutend einsam, also traurig. Der vom Familienministerium herausgegebene Monitor Familienforschung spricht gar von "Bewältigungsmustern des Alleinerziehens", was das Gerade-nicht-verpartnert-Sein in die Nähe einer irgendwie unangenehmen Krankheit rückt.

Alleinerziehen stelle heute keinen gesellschaftlichen Makel mehr dar, heißt es oft. Das stimmt und stimmt nicht. Man stelle sich eine Art Alleinerziehenden-Ranking vor: Da mittlerweile fast die Hälfte aller Ehen scheitert, kommen die ehemals Verheirateten und nun Geschiedenen ganz gut weg. Sie haben es versucht, es hat nicht funktioniert. Danach folgen jene, die eine lange und stabile Beziehung hatten, dann eben doch scheiterten, nun aber das Kind trotz Trennung gemeinsam betreuen. Dann geht es rasch abwärts im Ranking. Alleinerziehende, die keine stabile Beziehung hatten, oder deren Kind womöglich aus einem One-Night-Stand entstanden ist, befinden sich in der Rangliste schon sehr weit unten. Und die Aburteilung verschärft sich, wenn diese Subjekte dann auch noch arm, weil beispielsweise arbeitslos, sind und/oder sehr jung.

Sie dürfen mich, eine alleinerziehende, relativ arme Studentin, nun fröhlich ranken. Erst neulich schrieb mir ein Facebookfreund, also kein echter, dass ich verantwortungslos sei, weil ich ein Kind ohne dazugehörige Ehe bekam, und dann sei es eben auch kein Wunder, dass ich nun allein sei. Dabei sind meine Lebensverhältnisse für ostdeutsche Alleinerziehende repräsentativ: Die Mehrzahl war vor der Geburt des Kindes nicht mit dem anderen Elternteil verheiratet.

Alleinerziehen in Verbindung mit sozialer Marginalisierung lädt also durchaus noch zu eigentümlicher Kritik ein. Das Erheben des moralischen Zeigefingers wird jedoch gebremst durch das Mitleid, das sich auf die Alleinerziehende als sozialen Typus richtet. Sind sie nicht arm? Quasi arbeitsunfähig? Gemäß den Daten des sogenannten Sozio-oekonomischen Panels, das unter anderem die Zufriedenheit der repräsentativ ausgewählten Befragten misst, nimmt die Unzufriedenheit von Frauen erheblich zu, wenn sie zu Alleinerziehenden werden. Vor allem die finanzielle Situation belaste sie stark.

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Nun könnte man leicht finanzielle Probleme Alleinerziehender beseitigen. Nur fehlt es an einer echten Lobby, und ja, auch an einheitlichen Interessen: Die sprichwörtlich gewordene Ex-Zahnarztgattin hat nach einer Trennung natürlich andere Sorgen als eine Supermarktangestellte. Hier treffen gute alte Klassenkonflikte aufeinander. Während zum Beispiel das viel gepriesene Elterngeld gut verdienenden Frauen mit guter Ausbildung auch das Alleinerziehen erleichtert, sind Frauen, die Hartz IV oder Bafög beziehen, durch die Elterngeldregelung im Vergleich zum alten Erziehungsgeld wesentlich schlechter gestellt.

Familienpolitik berücksichtigt die unterschiedlichen Interessen Alleinerziehender kaum, obwohl gut ein Fünftel aller Kinder, in Ostdeutschland sogar ein Viertel, in Ein-Elternteil-Haushalten groß werden. Scheinbar hat man sich an das Dasein Alleinerziehender im ökonomischen Jammertal gewöhnt. Weswegen der Zustand dann auch gleich so belassen wird. Nehmen wir die Sache mit dem Unterhaltsvorschuss: Bisher endete die Bezugsdauer nach sechs Jahren automatisch. Die monatelang verschleppte Neuregelung des Gesetzes, die zum 1. Juli 2017 endlich (jedoch nicht rückwirkend) in Kraft tritt, sieht vor, den Unterhaltsvorschuss unter bestimmten Bedingungen bis zum 18. Lebensjahr des Kindes auszuzahlen. Vielleicht, weil sich herumgesprochen hat, dass ein Kind auch sechs Jahre nach einer Trennung ab und an noch materielle Bedürfnisse hat.

Klingt logisch, hinderte die Familien- und Sozialpolitiker der Ära Helmut Schmidts aber nicht daran, eine vollkommen willkürliche Bezugsgrenze festzulegen, die beinahe drei Jahrzehnte lang nicht infrage gestellt wurde. Obwohl eine Neuregelung überfällig war, blockierte die CDU die Gesetzesreform im Bundesrat. Dabei hätte sie verhältnismäßig geringe Kosten verursacht. 350 Millionen, um genau zu sein. Ich sagte ja: verhältnismäßig.

Das Argument, warum Alleinerziehende eine Verlängerung der Bezugsdauer gar nicht benötigen, war dabei wirklich unverschämt: Da sowieso viele auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen seien, brauche man die Reform gar nicht so dringend. So argumentierte beispielsweise, ausgerechnet, der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Ulrich Schneider. Das ist aber nur dann richtig, wenn der oder die Alleinerziehende für den Rest der Bezugsdauer des Unterhaltsvorschusses auf Hilfeleistungen angewiesen ist. Die 150 bis 268 Euro Unterhaltsvorschuss könnten Alleinerziehenden helfen, aus dem Hartz-IV-Antragsdschungel zu entkommen, was an sich schon ein Gewinn wäre. Und sie wären auch ein Signal an das andere Elternteil: Bis jetzt sind die nicht zahlenden Elternteile nämlich relativ fein raus aus der Sache. Natürlich kann das alleinerziehende Elternteil auf Unterhalt klagen, nur wer hat Energie und Lust darauf, vor Gericht Kramer gegen Kramer zu inszenieren? Der Staat verfügt als Gläubiger über wesentlich machtvollere Mittel als die meisten Ex-Frauen.