Eigentlich war queer das letzte Zauberwort, dem noch ein Rest des Freiheitsversprechens der 68er anhaftete. Beflügelt von Michel Foucaults historischer Analyse von Sexualität und Judith Butlers Auffassung von Geschlecht als performativ, versprach eine queere Kritik, die einengenden Panzer von Geschlecht und Sexualität – die wir als "natürlich" verkennen – aufzubrechen und damit Liebe und Begehren wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Unsere Körper sollten sich in neuen, ungeahnten Bahnen bewegen und nicht länger durch so fantasielose Konstruktionen wie Männlichkeit und Weiblichkeit, Heterosexualität und Homosexualität eingekerkert werden. Dass mit solchen unvorhersehbaren Fluchtlinien des Verlangens nicht nur das private Glück, sondern auch eine neue Politik auf dem Spiel stand, versteht sich von selbst.

Umso erstaunlicher, dass queer in der deutschen Hochschul- und Aktivistenszene inzwischen ganz anders zum Einsatz kommt. Hier ist nicht etwa ein kulturelles Labor emotionaler und libidinöser Experimente entstanden, sondern es hat sich stattdessen eine autoritäre Blockwartmentalität breitgemacht. So jedenfalls lautet die Diagnose in Beißreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Herausgegeben wurde der in feministischem Lila gehaltene Sammelband von einem schwulen Autor mit einem Bühnennamen so nuttig, wie es sich für eine ambitionierte "Polittunte" gehört: Patsy l’Amour laLove. Im trutschigen Trümmertuntenstil – Blusen mit großflächigen Blumenmustern –, der eine unerschütterliche Wirtschaftswunderweiblichkeit parodiert, ist sie mit ihrer Kritik an der queeren linken Szene zur neuen Ikone geworden. Patsy – wie sie von Fans liebevoll genannt wird – tourt seit Wochen durch die queeren Buchläden und AStAs der Republik. Ihr Buch ist nach nur drei Monaten in der dritten Auflage ausverkauft. So populär war queer in Deutschland noch nie.

Aus Kritik wurde Kontrolle

Die Radikalität des Versprechens von queer – das eigentlich keine Identität, sondern eher die Auflösung einer Identität benennt – wurde umgemünzt, so Patsys Befund, in den irrsinnigen Anspruch einer tadellosen Verkörperung von Anderssein. Nicht mehr das Unanständige von queer im Sinne von schräg, versaut und schwuchtelig – so lässt sich das englische Adjektiv am besten übersetzen – steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen, sondern queer wird nun als absolute alternative Anständigkeit eingefordert. Auf Veranstaltungen wie den Queeren Hochschultagen an der Humboldt-Universität in Berlin oder den bundesweiten alternativen CSDs wacht eine Sprachpolizei darüber, dass Gender und Sexualität auch korrekt in Frage gestellt werden. Ein strenger Blick scannt Aussagen und Aussehen der linken Szene, die im Zweifelsfall im Sinne eines "awareness"-Trainings korrigiert werden müssen. Fehlverhalten wird durch Denunziation oder Ausschluss abgestraft. So wurde der Auftritt der Punkband Feine Sahne Fischfilet im linken Zentrum Bielefeld unterbrochen, weil der verschwitzte Drummer seinen Oberkörper entblößt hatte. Diese allzu selbstverständliche Zurschaustellung purer Männlichkeit war ja wohl ein Akt patriarchaler Gewalt, oder? Aus einer radikalen sexualpolitischen Kritik ist eine moralische Kontrolle geworden. Wie konnte es zu dieser Form der Überwachungskultur kommen? 

Begonnen hatte queer als eine Antwort auf die Aids-Krise der 1980er in Nordamerika. Die Ignoranz der Reagan-Regierung gegenüber dem massenhaften Sterben Homosexueller sowie eine Gesellschaft, die zusehends Schwulsein selbst wieder zur Krankheit machen wollte, mobilisierte künstlerische und intellektuelle Kräfte und Kräfte, die vereint gegen die Homophobie des Mainstreams ankämpften. Auf den Straßen New Yorks gab es "Die-Ins", bei denen Aktivistinnen sich auf Straßenkreuzungen legten. Plakate im Stil von Werbeanzeigen wurden an Häuserwände und Billboards geklebt, um ein Bewusstsein für das Leiden Zehntausender HIV-positiver Amerikaner zu schaffen: Silence=Death. Und schließlich war da eben jene Gruppe von Theoretikerinnen, neben Judith Butler vor allem Eve Kosofsky Sedgwick, die an den Universitäten das intellektuelle Erbe von Poststrukturalismus und Feminismus nutzten, um den neuen queeren Ansatz zu formulieren, der die Natürlichkeit von Geschlecht und Sexualität in Frage stellte. Das war 1990.

Alle Formen der Unterdrückung

Zehn Jahre später hatten die Kombi-Therapie für HIV-Positive und die zunehmenden rechtlichen Erfolge aus den ehemaligen Opfern einer homophoben Gesellschaft moderne Helden gemacht. Für Gesellschaften, die sich liberal geben wollten, wurden Lesben und Schwule jetzt zum passenden Aushängeschild. Aber anstatt sich über diesen beispiellosen Erflog der LSBTIQ-Bewegung zu freuen, hat eine zweite Generation queerer Theoretikerinnen die Möglichkeit, dass auch Homosexuelle im Mainstream ankommen, unter Verdacht gestellt. Eine massive Selbstkritik wurde laut. Zur Spielverderberin wurde besonders die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Lisa Duggan, die der LGBTIQ-Bewegung Anfang der 2000er eine Form von "Homonormativität" attestierte: Was als Bewegung marginalisierter Gruppen begonnen hatte, würde inzwischen von einer weißen lesbisch-schwulen Mittelschicht dominiert. Weitergehende Fragen von sozialer Gerechtigkeit – zum Beispiel die Anliegen von Transgender – wären kaum von Interesse, man kämpfe nur noch für die eigenen Privilegien. Queer sei zur modischen Vokabel geworden, die keinem mehr wehtut; der einst emanzipatorische Kampfbegriff nichts weiter als ein Label, mit dem sexueller Egoismus verfolgt und neue Käuferschichten angelockt werden sollen. 

Die Queertheoretikerin Jasbir Puar ging mit ihrer Selbstkritik an LSBTIQ sogar noch einen Schritt weiter, indem sie dem erfolgreichen lesbisch-schwulen Mittelstand reaktionäre Tendenzen unterstellte. In Form von "Homonationalismus" würden besser gestellte Lesben und Schwule im Neoliberalismus inzwischen nur allzu gerne mit Staatsinteressen kooperieren, wenn es zum Beispiel um das Schüren von Islamophobie zur Durchsetzung einer restriktiven Migrationspolitik ging. Aus dem lustvollen, subversiven Helden der sexuellen Revolution ist plötzlich der AfD-Schwule geworden.

Um gegen diesen homogenen, homonormativen Homonationalismus anzukommen, brauchte es eine neue Waffe: Intersektionalität hieß das Stichwort. Relevante Gesellschaftskritik kann nur noch äußern, wer unterschiedliche Formen der Unterdrückung – neben Geschlecht und Sexualität vor allem Rasse, Religion und Klasse – zusammendenkt. Duggan und Puar gehörten damit zu den Säulenheiligen jener queer-feministischen Szene, die nun alle existierenden Formen der Ungerechtigkeit auf einmal in den Blick nehmen wollte. Doch für Patsy und ihre Mitstreiterinnen gingen mit dieser Maximalforderung die Probleme erst richtig los. An diesem Punkt der Geschichte queerer Theorie setzt die Debatte an, die Beißreflexe dokumentiert.

Queere Unschuldsengel

Das Buch greift viele Fragen auf, aber zwei Themen sind vor allem von Bedeutung: Zwar behaupten Duggan und Puar, alle Formen von Unterdrückung berücksichtigen zu wollen. Auf mehr oder weniger offensichtliche Weise führt ihre Kritik an etablierten lesbischen und schwulen Lebensformen aber zu einer Hierarchisierung von Diskriminierungserfahrungen, so die Autoren von Beißreflexe. Deutlich wird das, wenn man sich das komplizierte Verhältnis von Lesben, Schwulen und Muslimen anguckt. In der queer-feministischen Szene hat sich Duggan und Puar folgend die Meinung durchgesetzt, so Patsy, dass Rassismus und Islamophobie heute größere Probleme darstellen als Homophobie und Sexismus. "Unter Liberalen und Linken wird der politische Islam als Problem häufig verleugnet", schreibt sie. "Eine breite Aufklärung gegen Rassismus und Islam sucht man vergeblich."

Noch grundlegender ist der zweite Punkt, den Patsy & Co zurecht ins Zentrum ihrer Analyse rücken. Die Vorstellung nämlich, es gäbe überhaupt eine Form von Subjektivität, die sich außerhalb von Herrschaftsverhältnissen positionieren könnte. Ein moralisch einwandfreies Wesen, vollkommen frei von Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie. Ein queerer Unschuldsengel. Eben dieser Fantasie von Reinheit und Gewissenhaftigkeit verdankt sich die inquisitorische Atmosphäre, die sich innerhalb der queer-feministischen Szene breitgemacht hat. Aus ihr folgt auch die Forderung nach verletzungsfreien Räumen; safe spaces, der universitäre Seminarraum zum Beispiel, in denen das Trauma der Diskriminierung nicht erneut "getriggert" wird.

Homonormativität und Homonationalismus

Dieses Milieu – eine Art von ideologischer Wellnesslandschaft – wird in Beißreflexe zu Recht kritisiert. Denn in der Konsequenz führt eine solche Kultur dazu, dass hier jeder nur noch für sich selbst sprechen darf. Identitäten werden durch Leiderfahrungen als authentisch verifiziert; eine Form der Verkörperung, die keinen Raum mehr für Brüche, Witze oder das Unbewusste lässt. Geschweige denn für Streit und den Austausch von Argumenten. Wie der Beitrag von Till Randolf Amelung auf sehr erhellende Weise klarstellt, werden hier private Kränkungserfahrungen, theoretische Einsichten und politische Forderungen auf unmögliche Weise verdichtet. Dass theoretische Einsichten nicht unmittelbar in politische Handlungen überführbar sind und biografische Verletzungen von der Politik nicht versöhnt werden können, bleibt dabei auf der Strecke. Die Missverständnisse, die hier innerhalb der queer-feministischen Szene am Werk sind, aufzudecken, ist das Verdienst von Beißreflexe.

Doch Fehlinterpretationen und absurde Übertreibungen diskreditieren noch nicht unbedingt die Anliegen, um die es geht. Und hier liegt ein Problem des Lächerlichmachens der queer-feministischen Szene, das einige Texte des Bandes Beißreflexe offensichtlich genießen. Nur weil die Umsetzung schiefgeht, heißt das ja noch nicht, dass die Analyse auch falsch war. So gibt es die neuen Machtoptionen, die sich für Lesben und Schwule seit den 1990ern aufgetan haben und von denen Duggan und Puar sprechen, ja wirklich. Ebenso müssen auch Rassismus, Islamophobie und Transphobie unter weißen Lesben und Schwulen ernstgenommen werden. Die Abwehr der Diagnose von Homonormativität und Homonationalismus, von der die Beiträge in Beißreflexe ausgehen, ist hier nicht überzeugend. Denn diese Begriffe bezeichnen ja nicht nur individuelle Privilegien, die man tatsächlich vernachlässigen könnte, sondern eine gesellschaftliche und politische Struktur, die auch Auswirkungen auf die eigene Position hat.

Drohende Selbstgefälligkeit

Die Widersprüchlichkeit im Fadenkreuz unterschiedlicher Machtfaktoren gilt auch immer für einen selbst. Es stimmt, dass Lesben und Schwule in Deutschland nach wie vor diskriminiert werden, aber insofern sie weiß sind, kommen sie auch gleichzeitig in den Genuss von Privilegien. Die eigene soziale und politische Position ist niemals rein. Das gilt für die in diesem Buch an den Pranger gestellte queer-feministische Gender-Stasi der akademischen Aktivistenszene genauso, wie für die protestierenden Polittunten um Patsy. Aber dieser selbstkritischen Einsicht weicht das Projekt Beißreflexe aus. Trotz Zustimmung in vielen Dingen bleibt deswegen auch ein Unbehagen zurück. Dieses bezieht sich nicht unbedingt auf die Texte selbst (trotz deutlicher Ausfälle, wie zum Beispiel dem plumpen Butler-Bashing in dem Beitrag von Vojin Sasa Vukadinovic) als vielmehr auf die Euphorie, die das Erscheinen des Buches ausgelöst hat.

Mit der Autorität der Tunte gelingt es Patsy eine Stimmung einzufangen, die unter vielen Lesben und Schwulen anscheinend verbreitet ist. Optimistisch ließe sich sagen, dass sie es schafft, jene Koalitionen zu stiften, die das Buch programmatisch einfordert. Zugleich macht diese Einigkeit im Kampf auch skeptisch: Denn entledigt man sich im genüsslichen Schildern des Scheiterns der queer-feministischen Szene mit ihren übertriebenen Anti-Diskriminierungsforderungen nicht zugleich der Anstrengung, die Fragen nach Rassismus selbstkritisch weiterzuverfolgen? Hier droht eine Selbstgefälligkeit, die hinter den unterhaltsamen Auftritten der netten Polittunte in der bunten Blumenbluse kaum auffällt. Wenn sie bei ihren Lesungen zwischendurch mit ihrem Lippenstift herumspielt, könnte man meinen, auch Patsy selbst wäre am liebsten ein queerer Unschuldsengel.

Patsy l’Amour laLove (Hrsg.) Beißreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten und Sprechverboten. Querverlag 2017, 270 Seiten