Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das teilte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Heinrich Riethmüller zur Eröffnung der Buchtage Berlin mit. Die 77-jährige Atwood zeige in ihren Romanen und Sachbüchern "immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen", hieß es zur Begründung für die renommierte Auszeichnung.

"Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Menschenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie literarisch eindringlich formuliert", würdigte der Börsenverein die Autorin, deren Bücher in mehr als 30 Sprachen erschienen sind und die als erfolgreichste Schriftstellerin Kanadas sowie als eine der kritischsten Gegenwartsautorinnen gilt.

Weltbekannt wurde Atwood mit dem apokalyptischen Roman Der Report der Magd (The Handmaid's Tale). Darin beschreibt sie eine totalitäre Gesellschaft, in der Frauen als Gebärmaschinen benutzt und unterdrückt werden. Vor Kurzem wurde der Stoff als Fernsehserie adaptiert. In ihrer Endzeittrilogie Oryx und Crake (2003), Das Jahr der Flut (2009) und Die Geschichte von Zeb (2013) entwirft sie eine postapokalyptische Welt, durch die sie ökologische Auswirkungen und gefährliche Strömungen in der Gesellschaft in den Blick nimmt. Ihr Essay Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands (2008) thematisiert die Voraussetzungen und Folgen der weltweiten Finanzkrise. Zuletzt erschien ihr Roman Hexenjagd (2016, auf Deutsch 2017). Ende des Jahres wird der Essayband Aus Neugier und Leidenschaft veröffentlicht.

"Anarchie oder ein totalitäres Regime"

In einem Interview, das sie im April mit der ZEIT führte, scherzte die 77-Jährige, dass sie immer nach ihrer Zukunftsprognose gefragt werde. Diese fällt ziemlich düster aus: "Die Wetterphänomene werden extremer, wenn wir keine Technologien finden, die uns retten. Dann wird die Lebensmittelversorgung schwierig und die Bevölkerung unruhiger. Ein Aufstand gegen die Regierung wird wahrscheinlicher, welche auch immer dann gerade an der Macht ist. Je nachdem, wie dieser Aufstand ausgeht, wird es danach völlige Anarchie geben oder aber ein totalitäres Regime."

Atwood engagiert sich neben ihrer künstlerischen Arbeit auch politisch und gesellschaftlich. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Graeme Gibson, unterstützt sie verschiedene Umweltschutzorganisationen. Seit Mai führt sie mit Salman Rushdie eine Kampagne des PEN International an, die verfolgten und von Zensur bedrohten Menschen Unterstützung und größere Aufmerksamkeit geben will.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben und ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem der Digitalpionier Jaron Lanier (2014), der deutsche Schriftsteller Navid Kermani (2015) und die Publizistin Carolin Emcke (2016). 

Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Vorschläge dazu kann jeder einreichen. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Personen aus Kultur und Wissenschaft zusammen.

Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen, dem Dachverband der deutschen Buchbranche. Er wird zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am 15. Oktober in der Paulskirche überreicht, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.