Der chinesische Kaiser ließ die Große Mauer errichten, und Franz Kafka tat so, als habe er zugeschaut: Wozu nur diese Mauer? fragte sich der Schriftsteller in seinem Werk Beim Bau der chinesischen Mauer.

Heute lässt Xi Jinping, der Chef der Kommunistischen Partei Chinas, eine neue Seidenstraße bauen mit vielen neuen Häfen, Straßen und Schienen, und der chinesische Theaterregisseur Tian Gebing fragt sich: Wozu dieser Größenwahn?

Tian lässt beim derzeit in Hamburg stattfindenden Festival Theater der Welt in seinem Stück 500 Meter: Kafka, Große Mauer, irreale Welt einen Schauspieler über einen anderen laufen, der sich am Boden wälzt. In diesem Moment sind Kafkas Gedanken über das unterdrückte Individuum präsent. Das Leiden des Einzelnen an den Großprojekten der Geschichte ist für den Zuschauer mit allen Sinnen zu fassen.

Aber darf ein chinesischer Theatermacher das? Darf er Xi Jinping mit Kafkas Hilfe demontieren, ohne Repressionen erwarten zu müssen? Offenbar ja. Das in Hamburg uraufgeführte Stück von Tian soll zum Jahresende in einem Shanghaier Museum gezeigt werden. In China sind es tatsächlich die Museen, in denen das kontroverseste aktuelle Theater des Landes läuft.

Eben dafür steht der Name Tian Gebing. Der Regisseur – Jahrgang 1963, dunkle Brille, Glatzkopf – ist ein Zeitzeuge der chinesischen Tiananmen-Generation, die 1989 mit ihrer Revolte scheiterte und bis heute das chinesische Gesellschaftswunder kritisch beobachtet und kommentiert. Im Einparteienstaat ist das eine heikle Aufgabe, es gibt dafür kaum einen besseren Ort als jenes "zeitgenössische Theater", das Tian repräsentiert. In einem 400-seitigen Buch, erschienen im Alexander Verlag, wird die "lebendige, unabhängige Theaterszene in den Schlupflöchern der chinesischen Gesellschaft" nun erstmals vorgestellt. Tian ist einer der Protagonisten in dem Band und durchaus beeindruckt von dem Ergebnis: "Das ist nicht nur in deutscher Sprache neu. Einen so systematischen Versuch, Einblick ins chinesische Theater zu geben, hat es weltweit noch nicht gegeben", sagt der Regisseur in Berlin zu ZEIT ONLINE. 

Tian freut sich, denn er ist es gewohnt, im Abseits zu arbeiten. Film und bildende Kunst dominieren seit Jahrzehnten die chinesische Kulturszene. Das Theater führte immer ein Schattendasein, auch heute noch. "Die Szene ist nicht groß, aber von einer faszinierenden Vitalität, geprägt von Leuten mit großer Beharrlichkeit. Sie machen ihr Ding, lassen sich nicht davon abbringen – oft schon seit 20 oder 30 Jahren. Tian ist einer von ihnen", beobachtet Christoph Lepschy, Professor für Dramaturgie an der Universität Mozarteum in Salzburg und einer der Herausgeber des Bandes. Der große Unterschied zu bildender Kunst und Film: Es geht beim Theater nicht um Millionen und Milliarden, wie heute so oft im chinesischen Kulturbetrieb. Stattdessen operieren die freien Theaterschaffenden in der Volksrepublik oft in einem informellen öffentlichen Raum abseits großer Bühnen. Das beste Beispiel dafür sind derzeit die vielfältigen Aufführungen in Museen im Rahmen von Ausstellungen.