In letzter Zeit gibt es zunehmend Artikel, die sich mit den Vor- und Nachteilen von zu viel oder zu wenig Mitgefühl, Achtsamkeit und Empathie beschäftigen. Die einen sagen, dass zu viel Empathie uns erschöpft und ausbrennt und zu viel Achtsamkeit uns zu Egoisten macht. Die anderen beklagen, dass uns das Mitgefühl abhanden gekommen sei. Ich habe ein 36-tägiges Empathietraining absolviert, und ich kann sagen: Dem ist nicht so.

Mona Kino, 1966, ist Autorin, zertifizierte Familienberaterin und Empathietrainerin. Im Dezember 2016 erschien ihr zuletzt verfilmtes Drehbuch: „Die Habenichtse“ nach dem Roman von Katharina Hacker. Derzeit schreibt sie einen Blog über ihre Empathieausbildung und ein Drehbuch über häusliche Gewalt. Sie lebt mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann in Berlin. © Florian Hoffmeister

Mitfühlen bedeutet erst einmal, Gefühle von Anderen zu teilen. Diese Gefühle teilen wir meist unbewusst – wie überhaupt achtzig Prozent unserer Kommunikation unbewusst abläuft. Nur ab und an tauchen diese Gefühle in unserem Bewusstsein auf. Wenn wir unbewusst mitfühlen, scheint es, als ob die zwischenmenschlichen Grenzen ungefähr so wie die Grenzen zwischen einem Neugeborenen und seiner Mutter fallen. Als ob wir sozusagen die Gefühle des Anderen mitfühlen und auf unbewusster Ebene ein Mensch sind, statt zwei. Wir unterscheiden also nicht mehr zwischen den eigenen Gefühlen und denen des Anderen – und fangen an, zu weinen, wenn wir jemanden sehen, der traurig ist oder leidet.

Wenn uns dieses Mitfühlen dann aber bewusst wird und wir zugleich innerlich einen Schritt zurücktreten, können wir benennen, dass dieser Zustand eigentlich aus mehreren Gefühlen zusammengesetzt ist. Meist ist es eine Mischung aus Mitleid und dem starken Bedürfnis, dem Anderen in seiner misslichen Lage zu helfen. Ich fühle dann zwar wieder mein eigenes Gefühl, Mitleid, die Lage des Anderen scheint mir aber misslicher als meine eigene. Damit werte ich dann allerdings den Anderen ab und mich auf. Überspitzt gesagt sehen wir auf den Leidenden herab, wenn wir denken: "Der Arme, dem geht es ja so viel schlechter als mir. Ich kann ihm helfen, mir geht es ja so viel besser." Jeder weiß vermutlich, wie es sich anfühlt, wenn der Leidende die angebotene Hilfe dann vehement ablehnt: "Nee, lass mal, ist schon gut." Diese Ablehnung bezieht sich allerdings meist nicht auf die Hilfe, sondern auf den Teil der Botschaft, die als Abwertung empfunden wird: "Das schaffst du nicht!"

Eine Atemübung half

Im Gegensatz zu diesen eher unbewussten Zuständen ist Empathie (Einfühlung) ein Zustand, in dem ich mir zur gleichen Zeit sowohl meiner eigenen Gefühle wie auch der Gefühle des Anderen bewusst bin. Neulich zum Beispiel, nach einem heftigen Streit mit unserem jugendlichen Sohn. Er verschwand, die Türen knallend, in sein Zimmer. So weit, so gut. Doch dann hörte ich ihn weinen und das klang herzzerreißend. Ich spürte sofort den starken Impuls, ihn zu trösten, weil es ja überhaupt nicht meine Absicht war, dass er sich wegen des Streits jetzt so schlecht fühlte.

Mit meinem Wissen über die Kehrseiten von Mitleid im Gepäck stand ich also da und dachte, wenn ich ihn jetzt tröste, dann fühlt er sich noch schlimmer. Eine Atemübung half mir, dieses Mal nicht sofort loszurennen, sondern innezuhalten, bis mein Atem sich beruhigt hatte. In diesen vielleicht zehn Sekunden stiegen Sätze auf, die ich nur zu gut aus unseren alten Streitereien kannte: "Oje, du Armer" oder "Gott, was bin ich nur für eine schlechte Mutter". Doch in den paar Sekunden, die ich mir Zeit nahm, gelang es mir, abzuwägen, ob sie dem entsprechen, was ich wirklich sagen will. Und aus dem Teil meines Gehirns, der überprüft, ob etwas Sinn macht oder nicht, kam ein klares Nein. Ich spürte ganz deutlich, dass unter meinem Mitleid Hilflosigkeit lag – Hilflosigkeit, nicht zu wissen, was ich außer diesem naheliegenden Trösten jetzt tun könnte. Ich ging zu ihm ins Zimmer, setzte mich neben ihn aufs Bett, und wusste, was ich wollte, nämlich weder seine noch meine Gefühle werten im Sinne eines "schlimmer" oder "besser".

Achtsamkeit nach Innen und Außen

Ich richtete meine Aufmerksamkeit also noch mal darauf, welche Worte oder Sätze ich sagen könnte. Und erst einmal war da nichts. Diese Leere auszuhalten war alles andere als angenehm, aber das, was dann kam, war so einfach. Ich sagte, dass ich mich gerade wohl genauso hilflos fühle wie er und dass es nicht meine Absicht war, ihn so traurig zu machen. Und anstatt mich, wie sonst, wegzuschubsen, legte er nach der längsten Minute meines Lebens seine Hand in meine und sagte, "Ich wollte dich auch nicht so wütend machen. Wenn du magst, leg dich doch einfach nur kurz mal neben mich." Ja, diese fünf Minuten waren stressig, irgendwie, aber danach war zwischen uns so viel mehr geklärt als in den Tausend Streitereien, die wir vorher hatten.

Genau hier kommt also die Achtsamkeit ins Spiel, mit deren Hilfe wir uns über Dinge, aber auch über Gefühle bewusst werden können. Diese Achtsamkeit können wir in zwei Richtungen nutzen: nach Innen und nach Außen. Im Idealfall liegt der Fokus zu 60% auf uns und zu 40% auf dem Anderen.

Die schlechte Nachricht ist, dass wir in unserer heutigen Leistungs- und Informationsgesellschaft meistens bei jenem unbewussten Mitfühlen steckenbleiben. Und zwar ganz einfach deshalb, weil wir mit unserer Achtsamkeit hauptsächlich im Außen auf Empfang oder Sendung sind. Mit dem Kopf schon beim nächsten Termin oder beim nächsten Punkt auf der To-do-Liste, und wenn dann auch noch der Kaffee umkippt und der Toaster explodiert, werden wir wütend. Aber diese Wut ist nur ein Zeichen dafür, dass wir schon vor zwei, drei Stunden unsere Grenzen überschritten und unser Bedürfnis nach einer Pause übergangen haben.