Wäre das Kino eine Liebhaberin, würde sie für heutige Verhältnisse ganz schön viel Aufmerksamkeit verlangen. Wer sich mit ihr einlässt, kann nicht nebenbei Rechnungen zahlen, Nachrichten schreiben oder Zeitung lesen. Im Kino steht kein Bügelbrett, mit dem man einen Film zur Berieselung degradieren kann. Hat man sich für eine Vorstellung entschieden und im Sessel Platz genommen, gibt sie einem nur zwei Optionen: Bleiben oder Gehen. Wenn dir das, was du siehst, nicht gefällt, kannst du gehen. Ein anderes Programm zeige ich dir nicht. Aber wenn du bleibst – und ich hoffe, dass du bleibst – eröffnet sich dir eine Möglichkeit, die zu einem seltenen Gut geworden ist: Du kannst mehr als nur auf deinem Platz sitzen. Du kannst anwesend sein.

Yael Inokai, 28, arbeitet neben ihrem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin als Fremdenführerin und freie Autorin in den Bereichen Prosa, Drehbuch und Hörspiel. Im Herbst erscheint ihr zweiter Roman "Mahlstrom" im Rotpunktverlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Constantin Campean

Da, wo das Kino weder laut noch groß ist, stellt sich für die Zuschauerin die Frage: Lohnt sich das? Mein Streamingdienst ist der wesentlich unkompliziertere Liebhaber. Ich kann kommen und gehen, wie es mir passt. Ich darf ihn achtlos in der Ecke lassen, wenn das Telefon bimmelt. Er wiederholt auch gerne tausendmal, was er gerade gesagt hat. Und langweilt er mich, bitte ich ihn einfach, mir etwas anderes zu zeigen. Ich muss nicht mehr pokern. Und ich muss mich schon gar nicht mehr dem Geraschel und den Gerüchen anderer Menschen aussetzen, um Kultur zu konsumieren.

Vor ein paar Tagen saß ich in einer Vorstellung von Toni Erdmann. Wie viele Filme, die mich begeistern, schaute ich auch ihn zum wiederholten Mal. Denn wenn es ein erstes umwerfendes Mal gibt, muss ein zweites her, um diesem Gefühl nachzujagen. Ist etwas davon übrig geblieben, folgen zwangsläufig ein drittes, viertes, fünftes Mal. Ich will erkunden, wie das Gefüge zusammenhängt.

Auf der Heimfahrt weinen

Bei meiner ersten Toni-Erdmann-Vorführung saß ich in einem riesigen Cineplex, das auch mit seinen zwei Dutzend Zuschauern noch fast leer zu sein schien. Die Lacher während des Filmes kamen jeweils aus völlig unterschiedlichen Ecken des Kinos, als teste dieses sein neues Surroundsystem und schicke die Lacher wie einen Gummiball quer durch den Saal. Ein Jahr später in einem vergleichsweise winzigen Kino waren die Reaktionen nicht weniger verstreut. Der Mann vor mir amüsierte sich blendend und das durchgehend. Von der Frau hinter mir kam kein Ton. Als ich nach dem Abspann aufstand und ging, saß sie noch immer da und blickte auf die schwarze Leinwand. Ich fragte mich, ob sie, wie ich auch, vielleicht gleich auf ihr Rad steigen würde, nur um dann mitten auf der Heimfahrt zu weinen zu beginnen.

Ob Toni Erdmann eine Komödie oder eine Tragödie ist, entscheidet sich bei jeder Vorführung von Neuem. Manchmal drehe ich mich vor Beginn des Films verstohlen im Saal um und betrachte die Leute. Wer ist heute hier, mit welchen Erwartungen und welchem Leben im Rücken sieht er diesen Film? Und was sähe er, säße er nicht hier, sondern hätte während einer Bahnfahrt den Laptop aufgeklappt, um sich ein bisschen die Zeit zu vertreiben?

Man muss es zulassen können, ausgeliefert zu sein: Bilder auf einer Größe von mehreren Quadratmetern haben eine immense Wirkkraft. Rein theoretisch kann man jederzeit aufstehen und gehen. In der Praxis ist das nicht immer so einfach. Filme verstören. Sie verstören jeden im Publikum auf eine andere Art. Manchen wird übel, andere werden zu Stein. Es kann sich auch mal ein fremder Arm an einem festkrallen. Oder zu einem selbst gehört der Arm, der krallt. Ohne dass man es bemerkt hat, ist die Selbstzensur, mit der man die eigenen Gefühle und Regungen im Alltag gerne handhabt, einfach weggefallen. Und das, obwohl man mitten unter Fremden sitzt.  

Nicht immer spektakulär, aber wertvoll

Kauft man eine Karte und hofft auf ein Erlebnis, kann es einem im Kino aber auch passieren, dass man enttäuscht wird: Wer eine Liebhaberin öfters sieht, wird bei allem Abenteuerversprechen zwangsläufig ihre gewöhnlichen, gar öden Seiten kennenlernen. Aber von einer Liebhaberin nicht genug zu kriegen, heißt auch, in Kauf zu nehmen, dass die gemeinsamen Stunden nicht zwangsläufig zu den witzigsten, spannendsten oder bewegendsten im Leben zählen werden. Man ist da. Man sieht und denkt und fühlt. Das ist nicht immer spektakulär. Es ist aber wertvoll genug.

Manchmal schafft es das Kino, einen derangiert und hungrig in die Nacht zu entlassen. Es kann sogar passieren, dass einem die Figuren anschließend in die Realität folgen. So steht man an einer Straßenkreuzung mit Toni Erdmann und Ines Conradi. Man hat kurz das Fahrrad abgestellt, weil man vor lauter Tränen den Verkehr nicht mehr gesehen hat. Nun holt man das Handy aus der Hosentasche. Während man Ines dabei zusieht, wie sie in den Armen ihres Vaters verloren geht, wartet man darauf, dass am anderen Ende der Leitung jemand abhebt. Und sagt dann: "Hallo Papa. Ich musste an dich denken. Wie geht es dir?"