Es kann nur ein Zufall sein, dass Helmut Kohl so kurz vor seinem Tod doch noch einen Auftritt in der deutschsprachigen Literatur hat. Marcel Beyer erinnert in seinem Buch Das blindgeweinte Jahrhundert daran, wie Kohl kurz vor der Wiedervereinigung im April 1989 Rainer Maria Rilkes Grab in der Schweiz aufsuchte, in dem Walliser Dorf Raron; ein Besuch, den Beyer im Nachhinein rätselhaft findet, auch weil Kohl alles andere als ein literarischer Mensch war: "Niemand – als Letzter wohl er selbst – würde behaupten, der Staatsgast pflege engen Kontakt zu Schriftstellern, sieht man einmal von jenem schwerlich als Schriftsteller zu bezeichnenden Mann ab, der ihn auf seinem Staatsbesuch in Israel begleitet hat."

Kurt Ziesel hieß dieser Mann, dessen Namen Beyer nicht nennen mag, weil er ihm Ekel verursacht, ein höchst umstrittener rechter Publizist. Lieber schiebt Beyer Vergangenheit und Zukunft ineinander, sieht Kohl später am Grab seiner Gattin stehen, zieht imaginäre Verknüpfungen zwischen Kohls Stolpern in Raron und dem von Proust in Venedig, mutmaßt, ob Kohl seine literarische "Harmlosigkeit" mit Autoren wie Ziesel oder Ernst Jünger konterkarieren wollte. Und Beyer stellt sich die Tränen vor, die Kohl weint, vielleicht am Rilke-Grab, mehr noch an dem von Hannelore, aber auch die Tränen, die eine seinerzeit junge Umweltministerin und heutige Immer-noch-Bundeskanzlerin geweint haben soll, weil Kohl ihr vorwarf, sie habe "ihre Hausaufgaben nicht gemacht".

Von dem "weitgehend literaturfern lebenden Bundeskanzler" hat sich aber auch die Literatur selbst ferngehalten. Als Kohl vergangene Woche starb, mochte sich kaum ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin über ihn äußern (den Job übernahmen dann in der Welt immerhin David Wagner und Georg Klein), geschweige denn, dass sich Kohl als Figur in der Gegenwartsliteratur findet. Sein Name fällt nicht einmal in dem Roman, in dem er zumindest als Nachbar eine größere Nebenrolle spielt: in Peter Renners 2003 veröffentlichtem Adoleszenz- und Ludwigshafen-Roman Griff in die Luft.

Lieber Golf oder Nutella

Dessen Held, der Abiturient Martin, wohnt mit seinen Eltern in Ludwigshafen. Ihr Garten grenzt an den der Kohls, und wenn von dem Kohl-Bungalow die Rede ist, immer nur in Form der Straße und Hausnummer, "Schillerweg-Sieben", wo stets Bundesgrenzschutz und Polizei vor der Tür wachen und nicht weit davon ein Hubschrauberlandeplatz ist. Was immer mal zu Verwerfungen in Martins Familie führt, weil das mit der Ruhe so eine Sache ist. Martins Vaters aber glaubt: "Die tauschen den sicher bald aus" – "Womit er", weiß der Erzähler, "bekanntlich voll danebenlag."

Peter Renner erzählt von "einer Jugend im Schatten des großen Oggersheimers und der BASF" – so warb der Verlag damals –, von einer Generation, die der Provinz und beruflichen Vorherbestimmungen zu entkommen versucht. Doch der Schatten des massigen Bundeskanzlers hat sich auf die gesamte, später wahlweise als Golf, Nutella oder Umhängetasche firmierende Generation gelegt. Als sei nicht zuletzt Kohl dafür verantwortlich, dass diese Generation lieber Popliteratur als politische Romane schreiben wollte.