Das Bötzowviertel war immer das feinste Viertel des Prenzlauer Bergs und die Hufelandstraße die Königin unter den Straßen. Als meine 80-jährige Nachbarin, die Zeit ihres Lebens dort gewohnt hatte, zur Jahrtausendwende aufgrund der Sanierungen an den Kollwitzplatz verschoben werden sollte, bekam sie einen Schreianfall. Zu den Proletariern auf den Berg wollte sie auf keinen Fall ziehen, dabei hatte sie 50 Jahre im Hinterhaus ohne Bad gewohnt. Wir bekamen beide eine Umsetzwohnung in der benachbarten Esmarchstraße, benannt nach dem Erfinder der künstlichen Blutleere. Viele von uns wurden in den nächsten 15 Jahren durch Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen endgültig aus dem Viertel verdrängt. Meine Nachbarin verließ es, wie sie angekündigt hatte: im Sarg mit den Füßen voran. 

Auch der Fotograf Harf Zimmermann, Jahrgang 1955, hat viele Jahre in der Hufelandstraße gewohnt. 1986/87 war er mehr als ein Jahr lang für seine Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig mit "Plattenkameras, die ebenso alt waren wie das Viertel, mit Stativ und schwarzem Tuch" von Haus zu Haus der Hufelandstraße gezogen, um die Mieter und Gewerbetreibenden zu fotografieren. Das war zwei Jahre vor dem Mauerfall und gleich an der Protokollstrecke, an der täglich die DDR-Regierungsangehörigen von der geschlossenen Community in Wandlitz in die Stadtmitte und zurück fuhren. Inspiriert war Harf Zimmermann von der Arbeit East 110th des US-amerikanischen Fotografen Bruce Davidson, der um 1970 zwei Jahre lang das Leben in und um einen Wohnblock in Harlem in New York aufgenommen hatte.

Harf Zimmermann aber fotografierte seine realen Nachbarn und das hieß im Osten, man kam sich näher, weil der Alltag von kleinen Katastrophen nur so wimmelte, die die Unterstützung der anderen verlangte. Er war also einer von ihnen.

Fast hundert Bilder sind damals entstanden, die jetzt, kuratiert von Felix Hoffmann, in der Ausstellung Hufelandstraße . 1055 Berlin bei C/O Berlin im Amerikahaus zu sehen sind. Die Aufnahmen führen von außen nach innen, von den Geschäften über das Straßen- und Hofleben bis in die Wohnungen, von Schwarz-Weiß zu Farbe.

Viele der Porträtierten haben sich schön gemacht für den Fotografen, der für seine altmodische Technik nicht selten verlacht wurde. Oscar und Irma Fischer stehen in ihren Verlobungsanzüge auf dem Hof und selbst Hund Putzi wurde noch mal gestriegelt. Das junge Brautpaar Dreßler dagegen hat das Paket "Traditionshochzeit 1987" gebucht, und verrät damit Nachgeborenen oder Zugezogenen das Brimborium, das 1987 um die 750-Jahr-Feier in beiden Stadthälften gemacht wurde. Die Kutsche allerdings ging vorher kaputt, das Brautpaar musste zu Fuß gehen. Man erkennt die ewigen Provisorien, in Mach-Mit-Aktionen verschlimmbesserte Höfe, mit Patina überzogene Gipsantiken in den Treppenhäusern und verwitterten Landschaftsmalereikitsch an Fassaden.

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Es gab skurrile Persönlichkeiten, wie den Klavierspieler und Mercedes-Besitzer Franz Liszt, der seine alte Limousine nie fuhr, sondern nur in ihr saß, den schwulen Kellner Erich im Webpelz und mit roten Pumps, den Enkel von Frau Töpfer, der stolz in Uniform und mit Oma im Arm posiert, das junge Paar vor Paradiestapete oder drei Generationen vor der ins Wohnzimmer eingebauten Hausbar. Alles in allem eine Welt, die wesentlich individueller wirkt als alles, was sich heute in der Hufelandstraße bewegt. Das lag daran, dass, anders als heute, zu Ostzeiten der Mietpreis die Leute nicht sortierte, es gab Arme und Reiche, Akademiker und Leute mit Abschluss 8. Klasse, Künstler und Invalidenrentner, Alleinerziehende mit einem Kind und Familien mit 14 Kindern.

Hufelandstraße . 1055 Berlin ist vordergründig ein soziokulturelles Dokument der Stadt, aber eigentlich ist es vor allem eine künstlerische Arbeit. Das Künstlerische verschob sich zugunsten des Journalistischen, als Harf Zimmermann 2010 für die Zeitschrift Geo noch einmal in die Straße gegangen ist, um die Nachwendezeit festzuhalten und beide Zustände nebeneinanderzustellen. Die Reportage machte Furore, das Vorher/Nachher hat für Betrachter immer seinen Reiz. Für den Fotografierenden bedeutet die Methode aber eher Stillstand, denn sie bleibt notwendigerweise in der Ästhetik des Ursprungsjahres gefangen.