In einem ZDF-Interview mit Günter Gaus von 1964 erzählt Hannah Arendt, wie sie als Kind die antisemitischen Anfeindungen in Deutschland erlebt hat. Zu Hause, so Arendt, habe es dafür klare Regeln gegeben: "Meine Mutter stand immer auf dem Standpunkt: Man darf sich nicht ducken! Man muss sich wehren! Wenn von meinen Lehrern antisemitische Bemerkungen gemacht wurden, dann wurde ich angewiesen, sofort aufzustehen, die Klasse zu verlassen, nach Hause zu kommen, alles genau zu Protokoll zu geben. Dann schrieb meine Mutter einen ihrer vielen eingeschriebenen Briefe; und die Sache war für mich natürlich völlig erledigt. Ich hatte einen Tag schulfrei, und das war doch ganz schön. Wenn es aber von Kindern kam, habe ich es zu Hause nicht erzählen dürfen. Das galt nicht. Was von Kindern kommt, dagegen wehrt man sich selber."

Womöglich hat Arendts Mutter damit die Grundlage dafür geschaffen, dass ihre Tochter später eine der konsequentesten Denkerinnen der politischen Pluralität wurde: Weil sie wusste, dass Konflikte unter Gleichgestellten selbst auszutragen sind. Dass man keinen Beistand von oben bekommt, selbst wenn man hundertprozentig im Recht ist und die anderen Nazis sind.

Das Austragen von Konflikten ohne übergeordneten Schiedsrichter, ohne Gott und ohne König, ist eine tragende Säule demokratischer Gesellschaften. Aber sie ist ins Wanken geraten. Stattdessen wird geschimpft und krakeelt und gelogen und Stimmung gemacht, als gäbe es kein Morgen. "Der Diskurs ist kaputt" lautet dementsprechend auch eine weithin geteilte Diagnose. Ratlos stehen wir vor einem Scherbenhaufen aus Hassreden, Shitstorms, Fake-News und Filterbubbles und fragen: Woran liegt das? Am Internet? An den Medien generell? An fehlender Bildung? An der Politik? An der Dummheit der Leute?

Ernsthafter Streit wäre ja wichtiger denn je. Je diverser eine Gesellschaft ist, desto mehr Differenzen gibt es, die verhandelt werden müssen. Konflikte über unterschiedliche Lebenswelten und Beziehungsformen zum Beispiel. Über Wohlstandsverteilung und Gerechtigkeit. Über Geschlechterrollen. Über eine Vielzahl von Alltäglichkeiten, zum Beispiel auch zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen. Eine freiheitliche Gesellschaft ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen oder die bunte Vielfalt von Merci. Sie ist anstrengend, weil man sich dauernd mit anderen Menschen über alles Mögliche verständigen muss. Ein kaputter Diskurs ist deshalb kein Luxusproblem. Menschen, die Konflikte nicht selbstständig austragen können, sind leicht zu verführen, wenn ihnen von oben eine Lösung für ihren Ärger versprochen wird. Sie träumen davon, dass jemand par ordre eine "deutsche Leitkultur" durchdrückt oder die "natürliche Geschlechterordnung" wieder installiert oder wenigstens Burkas verbietet.

Andererseits gibt es auch viele, denen Multikulti, individuelle Freiheiten und die Selbstbehauptung von Minderheiten ein Anliegen sind,  die dann aber die Augen davor verschließen, dass hinter so manchen Unterschieden und kulturellen Gewohnheiten tatsächlich handfeste Konflikte stehen. Konflikte, die nicht davon weggehen, dass man nicht darüber spricht. Vor einiger Zeit schrieb ich einmal etwas Kritisches über die Thesen einer muslimischen Autorin zum Kopftuch und bekam daraufhin böse Mails von einigen Aktivistinnen, die meinten, ich hätte keine Berechtigung, mich zu dem Thema zu äußern. Als Nicht-Muslimin gehe mich das Kopftuch nichts an, und schon gar nicht dürfte ich dabei meine privilegierte Position ausnutzen. Aber Diskurse lassen sich nicht einhegen. Alle machen, was sie wollen, und sich  aus den Angelegenheiten der anderen raushalten, ist keine Grundlage für eine gemeinsame Welt.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Es gehört zum Wesen von Politik, dass Menschen miteinander diskutieren, die unterschiedliche Wissensstände, Machtpositionen, Interessen und Fähigkeiten haben. Das ist ja gerade der Witz daran. Miteinander zu sprechen, eröffnet die Möglichkeit, sich trotz aller sozialen, kulturellen, persönlichen Unterschiede mit anderen zu verständigen, und nicht nur mit der eigenen Bubble.

Allerdings kann das natürlich nicht funktionieren, wenn wir Konflikte in Metaphern des Kriegs denken. Im Krieg geht es nicht um Verständigung, sondern um Vernichtung des anderen. Was für Assoziationen rufen wir also auf, wenn wir politische Debatten allen Ernstes als "Duelle" inszenieren? Wenn wir nach Wahlen, die doch eigentlich nur ein technisches Verfahren zur Bestimmung von Mehrheiten sind, von Siegern und Verlierern sprechen?

Ein Konflikt ist keine Kriegserklärung

Wo Konflikte in der Rhetorik des Krieges ausgetragen werden, schrumpft Politik zum bloßen Machtkampf, bei dem der Stärkere gewinnt. Und wenn Meinungsmacher in den Feuilletons ihre Feder als "Waffe" verstehen, müssen wir uns vielleicht nicht wundern, wenn das Fußvolk in den Kommentarspalten Andersdenkende mit Beschimpfungen, Vergewaltigungsdrohungen oder Lügen "mundtot" zu machen versucht. So ist Krieg nun mal.

Wer bei diesem Gemetzel am kürzeren Hebel sitzt, denkt sich im Gegenzug diskursive Vorsichtsmaßnahmen aus, zieht Grenzen, blockiert Andersdenkende, markiert Begriffe und Argumente als Tabuzonen. Mit dem Ergebnis, dass sich manche kaum noch trauen, überhaupt etwas zu sagen, aus Angst vor dem nächsten Fettnäpfchen. Darüber kann man sich unter dem Stichwort Political Correctness natürlich leicht lustig machen, vor allem wenn man selbst wenig zu befürchten hat. Aber wo Konflikte Kriege sind, ist die Angst vor dem Diskurs nur folgerichtig: In der Schlacht muss man sich schützen, und es müssen strenge Regeln gelten, wenn sich das Blutbad in Grenzen halten soll. Den kaputten Diskurs werden wir nicht reparieren, indem wir offenere Debatten anmahnen, und auch nicht indem wir ein bisschen an den Algorithmen sozialer Plattformen herumschrauben. Sondern wir brauchen ganz andere Vorstellungen davon, was eine gute politische Debatte ausmacht.

Hier zehn vorläufige Vorschläge

Erstens: Sich klarmachen, dass ein Konflikt keine Kriegserklärung ist, sondern eine Interessensbekundung. Wer andere kritisiert, hat immerhin Interesse an dem, was sie sagen.

Zweitens: Herausfinden, wo die Differenzen genau liegen. Oft wird nämlich über Nebensächlichkeiten gestritten, die am eigentlichen Kern der Sache vorbeigehen.

Drittens: Staunen. Wenn jemand eine völlig andere Meinung vertritt als ich, muss ich nicht sofort ein Urteil parat haben. Ich kann mir auch erst mal Zeit lassen und das in Ruhe betrachten.

Viertens: Nicht fragen, ob eine Meinung wahr oder falsch ist, denn im Bereich des Politischen ist nie irgendetwas hundertprozentig falsch oder richtig. Stattdessen fragen, in welcher Hinsicht die betreffende Meinung wahr ist. Und in welcher Hinsicht falsch.

Fünftens: Gemeinsamkeiten suchen. Es ist sehr selten, dass es zwischen Konfliktparteien überhaupt keine Gemeinsamkeiten gibt. An ihnen lässt sich beim Streiten gut anknüpfen. Auf diese Weise zeigt sich dann auch, ob man wirklich diskursiv weiterkommen will, oder ob das Gegenüber bloß als Folie für die eigene Identitätsbildung dient – denn dann will man natürlich keine Gemeinsamkeiten sehen.

Sechstens: Nicht in Panik geraten, wenn es zu keiner Einigung kommt. Der Satz "Da bin ich anderer Meinung" ist bei Konflikten ein wundervoller Joker, wenn man mal nicht mehr weiter weiß.

Siebtens, achtens, neuntens und zehntens: Nicht nach Mutti rufen. Oder nach einem Richter. Oder nach einem Experten. Oder gar nach noch etwas Schlimmerem. Sondern immer die Regel aus dem Hause Arendt beherzigen: Was von Gleichgestellten kommt, dagegen wehrt man sich selbst.