Als Thomas de Maizière kürzlich seine Thesen zur deutschen Leitkultur präsentierte, war von vielen Dingen die Rede: Religion, Goethe, Händeschütteln, Nato oder Karneval. Abgesehen vom Versuch, eine Art bundesdeutschen Wesenskern zu dekretieren, konnte man an de Maizières Zehn-Punkte-Plan erstaunlich finden, dass er eine gesellschaftliche Sphäre geradezu aussparte, nämlich die der Ökonomie. Der Innenminister erwähnte sie nur an einer Stelle, als er schrieb: "Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht."

Es ist weniger interessant, was der Innenminister sagt, als das, was er verschweigt: die Tatsache, dass es eine Leistungskultur überhaupt nur geben kann, sei es in der Wirtschaft oder im Sport, wenn zugleich eine entsprechende Konsumkultur existiert. Jürgen Kaube bemerkte dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Der blinde Fleck von Max Webers Buch über die protestantische Wirtschaftsethik, den Kapitalismus aus Askese hervorgehen zu lassen, ohne anzugeben, welche komplementäre Haltung nötig ist, um seine Produkte abzunehmen, wiederholt sich in der einseitigen Feier der Leistung." Und daran ändere sich auch nichts, wenn man darauf hinweise, dass der, der etwas leistet, dann auch konsumieren könne. "Denn investiert ('geleistet') wird nur, wo Konsum erwartet wird, weswegen man genauso gut sagen könnte: 'Der Konsumgedanke hat unser Land stark gemacht.'"

Diese Einsicht offenbart einen inneren Widerspruch im Selbstverständnis nicht nur der deutschen, sondern aller westlichen Konsumgesellschaften. Zum einen ist der Verbraucher vielleicht die zentrale Sozialfigur der westlichen Gegenwart. Er gilt nicht nur als Adressat vieler politischer Diskurse und formiert sich in Zentralen und Organisationen, sondern als Ziel von Marktforschung und consumer research wird er fortlaufend verhaltenspsychologisch vermessen wie kein zweiter. Im Kapitalismus ist die Rolle des Verbrauchers ja schließlich auch universell, da sie jeder spielen muss: Keiner kann nicht verbrauchen.

Der finanzierte Kaufrausch

Dass der Konsum für westliche Gesellschaften konstitutiv ist, es sich also um Hochkonsumkulturen handelt, fließt andererseits nun aber nicht in kollektive Selbstbeschreibungen ein. Minister kämen wohl schwerlich auf die Idee, den nationalen Benzinverbrauch oder die Menge der landesweit verzehrten Schweine abzufeiern. Und mehr noch: In der einseitigen Betonung von "Leistung" – sprich: Produktion – wird der Konsum als Kehrseite dezidiert beschwiegen. Historisch gesehen ist das gerade im Fall Deutschlands insofern nicht selbstverständlich, als das sogenannte Wirtschaftswunder, das in weiten Teilen ein mit ausländischen Krediten finanzierter Kaufrausch war, bis heute zum Kernbestand des kollektiven Gedächtnisses gehört. Der Grund für dieses Beschweigen aber liegt natürlich trotzdem auf der Hand. 

Heute, 45 Jahre nachdem der Club of Rome seine wegweisende Studie Die Grenzen des Wachstums veröffentlichte, sind die sozialen und ökologischen Folgeschäden des Massenkonsums selbst von Verfechtern des deregulierten Marktes nicht mehr zu leugnen. Angesichts von Klimawandel, Naturzerstörung oder den Arbeitsbedingungen in pakistanischen Sweatshops und chinesischen Fabriken ist im öffentlichen  Bewusstsein mittlerweile verankert, dass der in Konsumgesellschaften produzierte Wohlstand nur durch die Zerstörung seiner eigenen Grundlagen, allen voran der Natur, zu haben ist. Wird heute deshalb von Konsumgesellschaft gesprochen, so meist  in gesellschaftskritischen Kontexten. Dann, wenn nachhaltiger Verbrauch oder gar Post-Wachstum, also eine Art wirtschaftliches "Gesundschrumpfen", gefordert wird. 

An dieser Stelle wird es kompliziert. Denn so unzweifelhaft die Erkenntnis ist, dass die Konsumsteigerung zu irreversiblen Folgeschäden führt, und so klar die Einsicht, dass insbesondere  westliche Gesellschaften ihr Verbrauchsniveau signifikant senken müssten – die Konsumkritik umfasst in der Praxis dennoch eine Reihe fundamentaler Widersprüche, von denen viele sich kaum auflösen lassen.

Es ist mittlerweile zwar im öffentlichen Bewusstsein angekommen, dass die Hochkonsumkulturen soziale und ökologische Verwerfungen nach sich ziehen. Aber das individuelle und kollektive Verbraucherverhalten ändert sich nur sporadisch. Es geht hier weniger um ein Erkenntnisdefizit als um ein Handlungsdefizit. Es stimmt zwar, dass es beispielsweise noch immer Skeptiker des Klimawandels gibt, allen voran Donald Trump, der bekanntlich gerade das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hat. Zumindest auf der Ebene des globalen Konsums dürfte das dennoch nicht das Hauptproblem sein. Ausschlaggebender ist heute vielmehr bloßes Desinteresse oder, vermutlich sogar noch häufiger, das Handeln wider besseres Wissen.