Über Angela Merkels Wesen und Wirkung zu sinnieren, wie in der Deutschstunde von vergangener Woche, erscheint angesichts der Aufgabe, das Gleiche nun mit Martin Schulz zu versuchen, wie eine Fingerübung. Das hat sicher damit zu tun, dass Angela Merkel als Kanzlerin seit zwölf Jahren täglich in den Medien präsent ist, wohingegen Martin Schulz diese Präsenz nicht vorweisen kann, obwohl er als Politiker länger im Amt ist. Nur wirkte er im Wesentlichen im Europäischen Parlament.

Die Politikberichterstattung aus Europa ist im deutschen Tageszeitungsgeschäft jedoch kein eigenständiges Ressort. Die Korrespondenten arbeiten allen Redaktionen zu. Ihre Informationen landen als Beigabe mal hier, mal da, helfen, ein Politikerporträt zu schreiben oder eine europäische Richtlinie besser zu verstehen. Stars hat das Europaparlament weder in Politik noch Medien zustande gebracht.

Ochsentour-Absolvent

Nur so ist zu erklären, dass der Europapolitiker Martin Schulz, der sagenhafte 23 Jahre Abgeordneter war, in Deutschland als Kanzlerkandidat der SPD als "frisch" und "unverbraucht" wahrgenommen wird. Die 23 Jahre verstehen sich exklusive Kommunalpolitik. Seine Jahre als Bürgermeister in Würselen kommen noch obendrauf. Vielleicht wäre es interessant, zu erwähnen, dass Schulz und Merkel fast gleichaltrig sind. Merkel ist die klassische Quereinsteigerin, die in Ruhe zu Ende studiert hat und fast ein Jahrzehnt lang ihren Beruf ausübte, während Martin Schulz der fleißige Prototyp des bundesdeutschen Ochsentour-Absolventen ist.

Mit 19 Jahren in die SPD eingetreten kletterte Schulz Sprosse um Sprosse die Karriereleiter hoch in diesem sehr speziellen Kreis-Bezirks-Kommunaldingsbums-Style mit abwischbaren Tischdecken, altem Kaffee und Keksen mit Schokoüberzug. Im Wesentlichen steht Schulz für genau das, was Politik in Deutschland zu einer echten Demokratie macht: Jeder darf ran, sofern er oder sie über ein strapazierfähiges Gesäß verfügt. Auch deswegen ist der Vorwurf, in Deutschland herrsche eine Elite, verfehlt. Wer hierbei schon Elitenverachtung verspürt, weiß nicht, wie viel Eliteuniversität und Geld in Amerika, Frankreich oder England benötigt werden, um ein Mandat zu erlangen.

Disput mit Berlusconi

Es gab einen sehr speziellen Moment, als Martin Schulz berühmt wurde und deshalb die Tagesschau ausnahmsweise ein paar Bilder aus Straßburg sendete. Es war ein Tag im Juli 2003.

Schröder war Kanzler und Silvio Berlusconi EU-Ratspräsident. Der Grund für die Berichterstattung war nicht die Flüchtlingspolitik Italiens. Auch nicht die Äußerungen des an der italienischen Regierung beteiligten Lega-Nord-Chefs Umberto Bossi, der vorschlug, auf Flüchtlingsboote zu schießen – so alt ist nämlich die Problematik der Mittelmeerflüchtlinge, und so alt ist auch schon die Idee, Flüchtlinge einfach zu erschießen. Nein, der Grund war ein Disput zwischen Berlusconi und Schulz.

Martin Schulz hatte sich die Freiheit herausgenommen, als unbekannter deutscher Abgeordneter die Politik Italiens kritisch und rhetorisch elegant zu durchsäbeln – angefangen bei der rechtsradikalen Regierungsbeteiligung, über die Flüchtlingspolitik und die Abhängigkeit der italienischen Presse, bis hin zur Beißhemmung der Parlamentarier gegenüber Berlusconi. Schulz' Motiv: Das, was in Italien passiert, geht alle Europäer an. Selten war der Urgedanke von einer europäischen Solidarität derart kurz, knapp und bündig verstanden und vorgetragen worden.