Wie sieht es bei dir mit heiraten aus? Frauen in den USA ist diese Frage ab einem gewissen Alter bestens bekannt. Sie wird von allen Seiten gestellt: von den Eltern, den Freunden, von der Kassiererin im Drogeriemarkt. Ist man in seinen Zwanzigern, begleitet die Frage noch ein Zwinkern; jenseits der Dreißig kann sie jedoch einen harten Ton annehmen und wie ein Befehl klingen. Wann. Wirst. Du. Endlich. Heiraten.

Vor dem Hintergrund dieses absurden Imperativs und all des patriarchalen Ballasts, der in ihm steckt (ich wette, Männer werden nicht halb so oft nach ihren Heiratsplänen gefragt), entsteht zurzeit ein neuer Trend: die Selbstheirat. Zum ersten Mal erzählte mir eine Bekannte davon. Sie war letztes Jahr auf eine Solo-Hochzeit eingeladen. Die Braut hatte ihr vierzigstes Lebensjahr erreicht, ohne einen Langzeitpartner gefunden zu haben. Die Hoffnung, einen solchen zu finden, hatte sie aufgegeben. Sie war aber dennoch davon überzeugt, dass sie es verdient hätte, einmal Braut zu sein und setzte diesen Wunsch auch in die Tat um – mit allem Drum und Dran. Den kostspieligen Selbstliebe-Akt, einschließlich weißem Brautkleid, Junggesellinnenabschied und Jawort, finanzierten ihre Eltern.

Bereits 1993 erregte eine Solo-Hochzeit Aufmerksamkeit in der amerikanischen Öffentlichkeit. Damals heiratete Linda Baker aus Los Angeles sich selbst und lieferte damit die Vorlage für den Fernsehfilm I Me Wed, eine Produktion des Senders Lifetime. In den Folgejahren gab es immer wieder vereinzelte Selbsthochzeiten. Merklich an Popularität gewonnen haben sie aber erst seit Kurzem, insbesondere in den USA und in Großbritannien.

Elvia Wilk ist eine US-amerikanische Autorin in Berlin. Sie ist freie Redakteurin für die Online-Magazine "uncube" und "Rhizome" sowie zurzeit für die transmediale. Darüber hinaus schreibt sie Poesie und Belletristik. Elvia Wilk ist Gastautorin von "10 nach 8". © Clemens Jahn

2014 gab sich die britische Fotografin Grace Gelder das Jawort und wurde infolgedessen zu einer Verfechterin von Selbstheirat und einer Art Selbstliebe-Guru. Ihre Entscheidung zur Sologamie erklärte Gelder damit, sie habe sich vor ihrem dreißigsten Geburtstag an einem Scheidepunkt im Leben befunden. Die Hochzeit stellte für sie einen persönlichen Meilenstein dar, den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, aber sie sei auch ein Anlass gewesen, Freunde und Familie einzuladen und zu feiern. Gleichzeitig hoffte die Fotografin, zukünftig offener für eine Beziehung mit einem anderen Menschen zu sein. Denn, so Gelder, "wenn man sich selbst heiratet, legt man im Grunde einen Standard fest, was eine gute Beziehung ausmacht."

Trotzdem wurde ich sofort skeptisch, als ich zum ersten Mal von Sologamie erfuhr. Handelt es sich nicht ganz offensichtlich um reinen Hashtag-Feminismus? Selbstheirat ist ein Paradebeispiel dafür, seinen feministischen (Hochzeits-)Kuchen zwar essen, ihn aber gleichzeitig auf dem Teller behalten zu wollen: Man bezeichnet sich selbst als emanzipierte Frau, lässt aber das System der Unterdrückung unangefochten – in diesem Fall nicht nur das patriarchale, sondern auch das kapitalistische. Für 230 Dollar gibt es im Internet mittlerweile ein Selbstheirat-Set zu kaufen, für etwas weniger Geld ein zehnwöchiges Selbstliebe-Seminar, geleitet von einem "Pastor für Selbstheirat". Emanzipation als Billigware.

Die Britin Sophie Tanner bezeichnet sich selbst als "stolze Sologamistin" und verteidigte im Februar 2017 in einem Blog-Artikel die Selbstheirat aus feministischer Perspektive: "Wenn eine Frau ohne Ehepartner heiratet, ist das eine selbstermächtigende Antwort auf eine Gesellschaft, die ihr vorschreiben will, einen Mann zu benötigen, um bis an ihr Lebensende glücklich zu sein. Sie weigert sich, sich zu schämen, sich zurückgewiesen oder ‚im Regal stehen gelassen‘ zu fühlen; sie entscheidet sich für das Leben – sie entscheidet sich für sich selbst."

Untypische Hochzeit – klassische Zwickmühle

Doch wer glaubt, eine untypische Hochzeit könnte die Institution der Ehe unterwandern, landet schnell in einer klassischen Zwickmühle:Sich selbst zu heiraten heißt zwar womöglich, den Definitionsrahmen einer unterdrückenden Institution erfolgreich auszuweiten, im Endeffekt wird damit aber vor allem deren Legitimation gestärkt. Anders gesagt: Indem man sich selbst heiratet, lässt man sich vom Patriarchat vereinnahmen – und trägt damit zur Vergrößerung seiner Reichweite und Bedeutung bei. Würde es sich tatsächlich um eine Umkehrung der traditionellen Machtstrukturen handeln, gäbe es auch sich selbst heiratende Männer, von denen die Medien berichten.