Ein Partner, der sich aufspart, bis Mr. oder Mrs. Right auftaucht und dann nur noch Augen für diesen einen Menschen hat? Für manche mag das klingen wie die ultimative Erfüllung der schönsten Hollywood-Fantasie, für andere nach dem Albtraum einer prüden Erziehung. Tatsächlich jedoch wird auf vielen Websites das Phänomen "Demisexualität" in etwa so beschrieben.

"Demi" ist aber weder der Versuch, einem romantisch verklärten Ideal nachzueifern, noch eine moralische Entscheidung. Vielmehr verbirgt sich dahinter eine Orientierung, die ins Spektrum der Asexualität fällt. Vereinfacht ausgedrückt erfasst dieser Begriff all jene Menschen, die nur dann eine sexuelle Anziehung zu anderen verspüren, wenn sie bereits eine tiefe emotionale Bindung zu diesen aufgebaut haben. Mit dem Geschlecht hat das nichts zu tun. Auf den Begriff "demisexuell" stieß ich vor ein paar Jahren durch einen Freund, der sich als "gray ace" (also irgendwo in der Grauzone zwischen sexuell und asexuell) bezeichnet. Und ich wusste sofort: Die meinen mich! Ich las Berichte, stöberte in Foren und war unsagbar erleichtert, endlich eine Bezeichnung für diesen Aspekt meiner Sexualität gefunden zu haben, den ich nie so richtig hatte greifen, geschweige denn erklären können. Tatsächlich war es wie ein zweites Coming-Out. Ein paar Tage lang fuhr ich emotional Achterbahn, ließ vergangene Beziehungen und ambivalente Dating-Erfahrungen Revue passieren – und verstand plötzlich, warum ich mich zwanzig Jahre lang selbst in der LGBTQI-Community (in der ich doch eigentlich angekommen war) immer noch irgendwie anders oder falsch gefühlt hatte.

Dass ich nicht hetero bin, begriff ich schon im Kindergarten – auch wenn ich damals noch keine Bezeichnung dafür hatte. Während der Schulzeit schwärmte ich manchmal für Lehrerinnen oder Mitschülerinnen, sehr selten auch mal für einen Mann aus meinem Umfeld. Körperliches Begehren spielte dabei kaum eine Rolle, sondern eher der Wunsch nach Kennenlernen, Gespräch, Verständnis. Wie man jemanden allein von der Optik her – sagen wir, einen Bravo-Starschnitt – "heiß" finden kann, war mir schleierhaft; das aufgeregte Getuschel über die ach so süßen Mitglieder einer Boygroup (damals waren es NKOTB) oder den knackigen Arsch eines Schauspielers (Leonardo DiCaprio stand hoch im Kurs) fand ich einfach nur absurd. Meine Pubertät verbrachte ich im Kreis der wenigen übrig gebliebenen Nerds und Spätzünder, die sich mehr für ihre kindlichen Fantasiewelten als für Flaschendrehen und Gossip interessierten. Und ich begann, insgeheim zu vermuten, dass ich bei den anderen Mädchen einfach deshalb nicht mitreden konnte, weil ich eben nicht auf Jungs stand.

Die langen Phasen des Werbens

Mit 18 hatte ich meine erste Freundin und outete mich als lesbisch. Es folgten mal längere, mal kürzere Beziehungen, die – wenn auch mit Frauen – nach ziemlich traditionell heteronormativen Mustern abliefen. Meine Zukunft konnte ich mir in einer solchen Beziehung zwar nicht vorstellen, doch zumindest die langen Phasen des Werbens und Kennenlernens, bevor man miteinander im Bett landet, kamen mir sehr entgegen. Dass das, was ich bei meinem Gegenüber für innerstes Empfinden hielt, vielmehr den Codes einer weiblichen Sozialisierung entsprang, war mir damals noch nicht klar. Schließlich werden Mädchen seit ihrer Kindheit dazu angehalten, Sex als Ausdruck von Nähe und Liebe zu verstehen. Auf den ersten Blick scheinen sich demisexuelle Frauen perfekt in dieses Erwartungsraster einzupassen und bleiben dadurch meist unsichtbar – auch sich selbst gegenüber. Pathologisiert werden höchstens demisexuelle Männer, da diesen viel eher eine Triebbefriedigung ohne emotionale Bindung zugestanden wird; mehr noch: Es wird von ihnen erwartet, omnipotent und allzeit bereit zu erscheinen.

Je klarer mir wurde, dass serielle Monogamie auf Dauer nicht mein Ding war, desto mehr begann ich auch, meine sexuelle Identität zu hinterfragen. Die Grenzen zwischen platonischen, romantischen und körperlichen Beziehungen waren für mich schon immer fließend gewesen, und friend crushes nur allzu vertraut. Diese Verwischung der Ebenen kam mir zwar völlig natürlich vor, stürzte mich jedoch immer wieder in Verwirrung und Schuldgefühle, wenn ich auf Unverständnis oder die Eifersucht meiner jeweiligen Partnerin stieß.

Ich begann, über Polyamorie zu lesen, knüpfte neue Kontakte und entdeckte die linksalternative queere Szene. Dann zog ich nach Berlin. Eine spannende und herausfordernde Welt tat sich auf, in der ich mich politisch und intellektuell ganz zu Hause fühlte. Ich liebte die Freiheit, Sex und Beziehungen nicht nach vorgegebenen Mustern, sondern nach eigenen Definitionen leben zu können. Dennoch merkte ich schnell, dass auch hier bestimmte Codes herrschten – und die rieben sich nicht selten an meinem Fühlen und Erleben.   

Sex-positiv, poly und kinky – das sind die Schlagworte, die einem Zutritt zum innersten Kreis der coolen, hippen Berliner Queers gewähren. Insbesondere all jenen, die sich nicht als Cis-Männer definieren. Was sich vor meinen Augen vollzog, war eine Art Rückeroberung der Freiheiten, die sich früher nur schwule Männer erlaubt hatten: Jedes Wochenende mindestens einen One-Night-Stand, einen Dreier im Darkroom, Fesselspiele auf einer Play Party, und am verkaterten Sonntag noch ein paar schnelle Tinder-Dates. Wow, dachte ich: Respekt, wie Frauen hier ihre Sexualität selbstbestimmt ausleben, so slutty sein dürfen, wie sie wollen, und dafür sogar Credits bekommen. Allerdings musste ich bald auch die Kehrseite dieses Trends spüren: Wer da nicht mitmachen kann oder will, wird schnell als weniger progressiv, offen und emanzipiert angesehen – sozusagen als Antithese all dessen, was sexpositive Feministinnen proklamieren. Eine befremdliche, oft auch schmerzhafte Erkenntnis. Denn es ging ja nicht (mehr) darum, mich von einer übersexualisierten Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, sondern von genau der Community, in der ich mich eigentlich zu Hause fühlte.