In der Schaubühne in Berlin läuft zurzeit das Stück Peng von Marius von Mayenburg. Darin macht die Ärztin Dr. Bauer folgenden Vorschlag: Alle Männer sollten fünf Jahre lang mit einem testosteronsenkenden Wirkstoff behandelt werden. Fünf Jahre ohne Testosteron, und die großen Probleme der Menschheit – Kriege, Klimakatastrophen, religiöser Fundamentalismus, Überbevölkerung – wären effizient bekämpft. Diese ungewöhnliche Maßnahme, das größte medizinische Experiment aller Zeiten, würde Ruhe in die aufgepeitschte Welt bringen. Teilnehmer: die Hälfte der Menschheit. Die Idee ist natürlich irre. Andererseits – sehnen wir uns nicht alle nach ein bisschen Ruhe? Nach Lösungen? Und ist die Welt nicht im Augenblick so verrückt, dass man auch über unkonventionelle Herangehensweisen nachdenken muss?

Umsetzbar wäre der Vorschlag mit der chemischen Kastration jedenfalls. Kastration klingt jetzt nicht so schön, aber: Das wird man ja wohl mal sagen dürfen. Keine Denkverbote! Wir dürfen die schwierigen Themen nicht den Rechten überlassen. Man müsste die Testosteron-Blockade allerdings an ein positiv besetztes Erlebnis koppeln, eventuell sogar mit einem festen Termin. In Deutschland denkbar wäre zum Beispiel samstags vor der Sportschau: Alle Mann eine Pille. Oder eine Spritze. Oder ein Pflaster? Impfgegner hätten natürlich Einwände gegen jede dieser Varianten. Aber die sind ja gegen alles, wo Medizin helfen kann! Sad!

Aber zurück zur Idee. Der Hormonentzug müsste selbstverständlich ohne Zwang von statten gehen, Zwang ist hässlich. Freiwillige Selbstverpflichtung ist viel besser. Beginnen könnte man mit einer großangelegten Kommunikationskampagne mit Top-Testosteronials wie Gianluigi Buffon oder Russell Crowe: "Ich trage Verantwortung. Ich blockiere mein Testosteron." Und für die jüngere Zielgruppe ein paar jener neuen männlichen Magermodels, die mit ihren Kinderkörpern gegen Muskelpakete, Bartwuchs und männliche Sexualhormone rebellieren. Claim: "Just block it."

Jenny Friedrich-Freksa lebt in Berlin. Sie ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Kulturaustausch" und arbeitet als Autorin und Moderatorin mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen, Kultur und Außenpolitik. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Man kann sich sehr gut im Internet über Testosteron informieren. Muskelmacher hat zum Beispiel auf YouTube das Video Top 5 Testo Killer veröffentlicht. Google findet den Artikel Mannomann von Tina Baier aus der Süddeutschen Zeitung. Da steht drin, dass Testosteron zu Unrecht einen so schlechten Ruf hat. Zitiert wird ein Forscher, der sagt: "Die Vorstellung, dass ein bestimmtes Hormon eine bestimmte Verhaltensweise auslöst, ist grundsätzlich falsch." Kann ich nicht glauben. Klingt doch logisch: ein Hormon – eine Verhaltensweise. Und wieso grundsätzlich? Wieso falsch? Kann ja jeder behaupten. Ich zum Beispiel finde Biologie-Argumente grundsätzlich richtig. Testosteron ist bio. Und bio ist gut. Weil gesund. Wissen Sie, diese sogenannten Qualitätsmedien ... Er kommt mir wirklich sehr merkwürdig vor, dieser Testosteron-Beitrag von Frau Bauer, ich meine Baier. Bauer war die Ärztin aus dem Theaterstück, aber egal. Das Thema macht einen ganz wuschig. 

Interessanterweise veröffentlicht gerade jemand auf den Onlineseiten der Süddeutschen Zeitung subversiv eine Reihe zu "Männlichkeit in der Krise". Da gibt es Artikel wie Wo Frauen noch vor Männer niederknien, Der Mann – ein gesellschaftlicher Problemfall oder Geilheit! Diese ständige Geilheit!. Die Reihe ist total geil. Zum Niederknien. Okay, die Überschriften – geschenkt. Insgesamt ist es ja ermüdend, wie lange schon über Männerbilder, Frauenbilder und Geschlechterfragen gesprochen wird. Aber es hilft nüscht! Muss man dranbleiben. Der Klimawandel oder die Finanzkrise gehen auch nicht weg, weil man keine Lust mehr drauf hat. Insofern, super Idee, die Reihe – das meine ich jetzt ernst – die sollte man crossmedial bekannt machen, gerade auch bei Top-Entscheidern. Julian Dürr schreibt in seinem Einleitungstext zur Serie: "Während die männliche Arbeiterklasse verschwindet und Männer auch in der Zahl der Universitätsabsolventen hinter die Frauen zurückfallen, sammeln sich Reichtum und wirtschaftlicher Erfolg in den Händen weniger Personen – vor allem in den Händen von Männern. Männer stehen ganz oben, aber sie stehen auch ganz unten. Ist die Krise des Mannes also am Ende eine Klassenfrage?" Der Mann hat recht. Das meine ich jetzt schon wieder ernst. Keine Ironie. "Aber jetzt in echt", wie wir als Kinder sagten.

Zitiert wird in Dürrs Beitrag übrigens auch der junge britische Journalist Jack Urwin, Autor des Buchs Boys don't cry. Urwin sagt: "Toxische Männlichkeit erwächst im Grunde aus der Angst vor Entmannung, die als das Schlimmste gilt, was einem Mann passieren kann ... Es gibt kein echtes Äquivalent dafür bei Frauen. Warum? Weil sie in der Hierarchie schon ganz unten sind. Männer fürchten Entmannung, weil sie damit ganz nach unten fallen und den Frauen gleich werden." Puh. Also, das ist interessant. Aber irgendwie auch unangenehm, deshalb jetzt lieber schnell wieder zu dem irren Thema Testosteron und der Frage: Was passiert bei der Testosteronsenkung eigentlich mit dem eingesparten Testosteron? Wo soll das hin? Energie vergeht ja nicht einfach. Sie kann zwar umgewandelt werden, aber die Gesamtenergie bleibt in geschlossenen Systemen immer gleich. Das ist Physik.

Und jetzt stellen Sie sich bitte mal vor, irgendein verrückter Herrscher bekäme das Testosteron aller lebenden Männer in die Hände. Ogottogottogott. Ich finde, man sollte es am besten dem Papst geben. Ihm vertraue ich. Angela Merkel (Physikerin!) käme auch infrage, sie könnte es händeln. (Demnächst beim G20-Gipfel in Hamburg: "Pst, Justin! Emmanuel! Ich habe euch was mitgebracht!") Und letztlich ginge natürlich auch eine rein technische Lösung: Fracking.

Das Interessante an dem Theaterstück von Marius von Mayenburg ist, dass zwar die Frau Dr. Bauer die Idee vom Testosteron-Stopp in die Welt schreit. Erdacht und aufgeschrieben hat sie aber ein Mann, Herr von Mayenburg.

Danke, Mayenburg! Vielleicht werde ich bald wieder einmal ins Theater gehen.